1665 – 1712
Christian Reuter
Kurzbiografie↑
Ein satirischer Schriftsteller des Barock, dessen Werk zumeist unter Pseudonymen erschien und dessen Autorschaft erst spät entschlüsselt wurde: Christian Reuter wurde 1665 im Dorf Kütten bei Halle geboren und starb wahrscheinlich nach 1712 in Berlin. Mit spöttischer Feder verhöhnte er Besitzstreben und Standesdünkel der städtischen Gesellschaft. Bekannt wurde er als Schöpfer der Figur Schelmuffsky, eines maßlos aufschneidenden Prahlhanses. Sein Werk nimmt eine eigene Stellung zwischen Barock und beginnender Aufklärung ein.
Biografie↑
Als achtes von neun Kindern kam Christian Reuter 1665 in Kütten zur Welt. Seine Taufe ist urkundlich für den 9. Oktober belegt; das genaue Geburtsdatum ist unsicher, denn Wikidata nennt abweichend den 10. September 1665. Mütterlicherseits stammte die Familie aus angeseheneren Verhältnissen – ein Urgroßvater war Bürgermeister im nahen Zörbig gewesen. Der väterliche Stamm lässt sich seit dem frühen 16. Jahrhundert in Kütten nachweisen; der Bauernhof hatte in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges an Wohlstand eingebüßt. Nach dem frühen Tod des Vaters Stephan Reuter 1683 lag die Bewirtschaftung der Güter allein bei der Mutter. Während die übrigen Kinder mithelfen mussten, wurde Christian als Einzigem der Schulbesuch ermöglicht.
Mit zwanzig Jahren besuchte Reuter noch das Domgymnasium in Merseburg. 1688 nahm er, unterstützt durch ein Stipendium, an der Universität Leipzig ein juristisches Studium auf. Zeitweise half ihm der Magistrat der Stadt Zörbig, der ihm nach dem Abschluss ein Amt in Aussicht stellte. Doch Reuter verbrachte weniger Zeit in den Vorlesungen als in Gaststätten und bei Theateraufführungen. So dehnte er sein Studium auf zwanzig Semester aus. In Leipzig sah er oft Komödien Molières; laut der Forschung wirkten diese ebenso wie die Commedia dell’arte und die Dramen Christian Weises auf sein späteres Schaffen.
1693 schloss er Freundschaft mit dem Kommilitonen Johann Grel, der seine Vorliebe für Theater, Trinkgelage und Raufereien teilte. Ein Jahr später zogen beide in den Gasthof „Zum roten Löwen“. Als die Wirtin Anna Rosine Müller sie nach Streitereien um ausstehende Zahlungen kurzerhand vor die Tür setzte, verarbeitete Reuter seine Rachegelüste literarisch – die Wirtsleute Müller wurden zur Zielscheibe seines Spotts. Zwischen 1695 und 1699 zogen ihm diese Verhöhnungen mehrere Gerichtsprozesse ein. Er wurde erst mit Karzerhaft belegt, dann zeitweise und schließlich dauerhaft von der Universität verwiesen.
Um 1700 ging Reuter nach Dresden, wo ihn der sächsische Kammerherr Rudolf Gottlob von Seyfferditz zu seinem Sekretär machte. Hier entstand die Komödie Graf Ehrenfried, in deren Mittelpunkt die Karikatur eines am Hof bekannten Grafen steht. Nach neuen satirischen Arbeiten wurde er entlassen. Pläne für eine Fortsetzung des Studiums in Wittenberg zerschlugen sich. Spätestens 1703 taucht sein Name auf einer Liste von Dichtern am Berliner Hof Friedrichs I. auf, wo er sich als Gelegenheitsdichter durchschlug. Letztmals ist Reuter am 11. August 1712 in einer kirchlichen Urkunde fassbar: Er ließ in der Berliner Schlossgemeinde einen Sohn taufen. In der Forschung umstritten ist sein Todesdatum: Die Deutsche Biographie vermerkt lediglich „wahrscheinlich nach 1712“, während Wikidata den 11. August 1712 als Sterbedatum in Berlin angibt. Über sein Leben und Wirken nach 1711 gibt es keine Zeugnisse.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Reuters Werk ist der beißende Spott über die Gesellschaft seiner Zeit. In Leipzig veröffentlichte er Lustspiele und einen Roman, in denen er die städtische Gesellschaft und besonders seine Wirtsleute Anna Rosine und Eustachius Müller verhöhnte. Seine Komödien – etwa L'Honnéte Femme Oder die Ehrliche Frau zu Plißine von 1695 – stellen den Gegensatz zwischen aufstrebendem Bürgertum und niedergehendem Adel aus und geißeln Besitzstreben und Standesdünkel.
Dieselbe Stoßrichtung bestimmt sein Hauptwerk, den Roman Schelmuffskys Warhafftige Curiöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande, der 1696 und 1697 in zwei unterschiedlichen Fassungen gedruckt wurde. Reuter greift darin das Ideal des allseitig vollkommenen Menschen auf, wie es Nicolas Faret entworfen hatte, und wendet es ironisch. Um die Figur der Frau Schlampampe, angeregt von Anna Rosine Müller, gruppiert sich das Personal. Ihr Sohn Schelmuffsky prahlt in Lügengeschichten mit phantastischen Erlebnissen angeblicher Reisen und lässt dabei Anspielungen auf Literatur und Zeitgeschichte einfließen. Auch die Komödie Graf Ehrenfried von 1700 entlarvt den Abstand zwischen Anspruch und Wirklichkeit und verwendet, wie schon frühere Arbeiten, Anklänge an Molières Stücke, hier an dessen Tartuffe. Durch die satirische Kritik an der absolutistischen Gesellschaft, deren brüchige Standesgrenzen und ausgehöhlte Tugendbegriffe er karikiert, nimmt sein Werk laut der Neuen Deutschen Biographie eine eigene Stellung zwischen Barock und Frühaufklärung ein. In der Berliner Zeit verlegte er sich auf Trauer- und Gratulationsgedichte an das preußische Königshaus. Seine geistlichen Paßions-Gedancken von 1708 wurden durch Johann Theile vertont.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten blieb Reuter beinahe wirkungslos. Als Literat war er nur am Berliner Hof um 1703 bekannt, und dort galt er der späteren Forschung als Gelegenheitsdichter ohne Niveau. Weil fast alle seine Werke unter wechselnden Pseudonymen erschienen, musste seine Autorschaft überhaupt erst erschlossen werden. Eine zeitgenössische Wirkung des Schelmuffsky bestreitet die Germanistik; die Auflagen waren klein, und das Buch stand zeitweise auf dem päpstlichen Index. Über ein begrenztes lokales Interesse hinaus lässt sich zu seinen Lebzeiten keine Rezeption nachweisen.
Erst im 18. Jahrhundert regte sich Interesse. Georg Christoph Lichtenberg besaß eine der wenigen erhaltenen Ausgaben, und Gottfried August Bürger nahm die maßlosen Übertreibungen als Vorlage für seine Münchhausen-Geschichten. Auf Anregung der Brüder Grimm erschien 1817 der erste vollständige Neudruck, sodass sich die Romantiker um Clemens Brentano davon begeistern lassen konnten. Schon 1811 hatte Brentano in seiner scherzhaften Abhandlung Der Philister vor, in und nach der Geschichte die „unbegreiflich reiche und vollkommene Erfindung“ des Buches gerühmt und jeden, der es ungerührt lese, einen Philister genannt.
Die biografische Erforschung setzte spät ein. Erst 1884 gelang es dem Leipziger Germanisten Friedrich Zarncke, Christian Reuter endgültig als Autor der verschiedenen Werke zu bestimmen und Daten über sein Leben zusammenzutragen. Der Literaturwissenschaftler Georg Ellinger, der Reuters Lustspiele 1890 neu herausgab, rechnete sie zu dem Besten, was die deutsche Dichtung um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert auf dem Gebiet des Lustspiels geleistet habe, und sah in ihnen die Wurzel der „genialsten humoristischen Erzählung des siebzehnten Jahrhunderts“. Im 20. Jahrhundert erwies Günter Grass dem Roman mehrfach die Reverenz, so in seinem Erstlingswerk Die Blechtrommel und in Die Rättin. Walter Benjamin wiederum bezeichnete sich 1930 auf einer Ansichtskarte als „Nachfahre Schelmuffskys“.
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