1810 – 1874
Fritz Reuter
Kurzporträt↑
Fritz Reuter (1810–1874) zählt zu den Begründern der neueren niederdeutschen Literatur. Der gebürtige Mecklenburger schrieb bewusst in seiner Mundart und bewies weiten Kreisen, dass sich auf Niederdeutsch ernsthafte Literatur schreiben ließ. Seine Werke sind von feinsinnigem Humor und satirischen Spitzen gegen Adel und Obrigkeit geprägt. Ehe er zum gefeierten Schriftsteller wurde, verbrachte er als verurteilter Burschenschafter Jahre in Festungshaft. Werke wie Ut mine Stromtid und das Versepos Kein Hüsung trugen seinen Ruhm über den niederdeutschen Sprachraum hinaus.
Biografie↑
Geboren wurde Reuter am 7. November 1810 im Rathaus der mecklenburgischen Kleinstadt Stavenhagen, wo seine Eltern wohnten. Sein Vater Georg Johann Reuter war dort fast vier Jahrzehnte lang Bürgermeister und Stadtrichter. Die Mutter Johanna, Tochter des Bürgermeisters und Stadtrichters von Tribsees, war nach der Geburt ihres zweiten Sohnes 1812 lebenslang gelähmt; dieser jüngere Bruder starb im Alter von knapp zwei Jahren. Laut der Allgemeinen Deutschen Biographie übertrug die Mutter ihre Liebe für die deutsche Dichtung auf den Knaben, während der nüchterne, tatkräftige Vater vor allem belehrend wirkte.
Der Jugendunterricht verlief unmethodisch. Zeitweise besuchte Fritz als einziger Junge eine Mädchenschule, sonst wurde er bis zum 13. Lebensjahr zu Hause unterrichtet. Ab 1824 lernte er an der Gelehrtenschule in Friedland, wo ihn unter anderem Karl Horn unterrichtete, ein Mitbegründer der Urburschenschaft in Jena. Über das Turnen und diesen Lehrer kam Reuter mit den Ideen der Burschenschaft in Berührung, was seine demokratische Gesinnung prägte. Seine schulischen Leistungen blieben ungleichmäßig. 1826 starb seine Mutter. Erst zu Ostern 1828 gelang der Wechsel an das Gymnasium in Parchim. Am 24. September 1831 erhielt er das Reifezeugnis.
Auf Drängen seines Vaters begann Reuter im Oktober 1831 in Rostock ein Jurastudium, obwohl er selbst einen künstlerischen Beruf angestrebt hatte. Am liebsten wäre er Maler geworden. In Rostock schloss er sich dem Corps Vandalia an, das ihn wegen seines Verhaltens bald wieder ausschloss. Ab Mai 1832 setzte er das Studium in Jena fort, wo er Mitglied der Burschenschaft wurde und sich der radikalen Fraktion der „Germania“ anschloss. Aus dieser trat er nach Angaben der Deutschen Biographie wieder aus, als sich Ende 1832 deren Radikalisierung abzeichnete.
Am 31. Oktober 1833 wurde Reuter auf der Heimreise in Berlin festgenommen und in die „Demagogenverfolgung“ hineingezogen. Am 4. August 1836 verurteilte ihn das Kammergericht wegen Teilnahme an burschenschaftlichen Verbindungen und wegen Majestätsbeleidigung zum Tode. Am 28. Januar 1837 wurde ihm das Urteil zugestellt und zugleich die Begnadigung zu 30 Jahren Festungshaft, die auf Betreiben des Großherzogs von Mecklenburg später auf acht Jahre ermäßigt wurde. Die Haft verbrachte er nacheinander in Groß Glogau, Magdeburg, Graudenz und der Festung Dömitz, aus der er am 25. August 1840 entlassen wurde.
Nach einem erfolglosen Versuch, das Studium in Heidelberg fortzusetzen, suchte Reuter mühsam nach einem Beruf, unter anderem in der Landwirtschaft. 1842 trat er eine Stelle als Volontär bei einem Gutspächter in Demzin an, wo er seine spätere Frau Luise Kuntze kennenlernte, die Tochter eines Pastors. Sein Vater, der ihn enterbt hatte, starb am 3. März 1845. Reuter begann nun zu schreiben, zunächst auf Hochdeutsch, später mit größerem Erfolg auf Niederdeutsch. Im April 1850 ließ er sich im pommerschen Treptow an der Tollense als Privatlehrer für Zeichnen und Turnen nieder, wurde preußischer Staatsbürger und Stadtverordneter. Am 16. Juni 1851 heiratete er Luise in Roggenstorf; die Ehe blieb kinderlos.
Mit dem Büchlein Läuschen un Rimels gelang ihm 1853 der erste größere Erfolg: Die Anfangsauflage von 1.200 Exemplaren war nach wenigen Wochen ausverkauft. 1856 zog Reuter als freier Schriftsteller nach Neubrandenburg, wo er nach eigenem Bekunden seine glücklichste und literarisch produktivste Zeit verbrachte. Ab 1859 verlegte Dethloff Carl Hinstorff in Wismar seine Werke, was entscheidend zu deren Verbreitung beitrug. In diesen Jahren entstanden die Versepen Kein Hüsung und Hanne Nüte sowie die Prosawerke Ut de Franzosentid, Ut mine Festungstid und Ut mine Stromtid.
Die Universität Rostock verlieh ihm 1863 die Ehrendoktorwürde. Im selben Jahr siedelte das Ehepaar nach Eisenach über, wo es sich 1866/68 am Fuße der Wartburg eine Villa im Stil der Neorenaissance errichten ließ, entworfen von Ludwig Bohnstedt; heute befindet sich dort das Reuter-Wagner-Museum. Eine Gesellschaftsreise nach Konstantinopel im Jahr 1864 verarbeitete er in seinem Roman De Reis' nah Konstantinopel. Es folgte auch der Roman Dörchläuchting. Seit der Haftzeit litt Reuter an einer Alkoholkrankheit und in der Folge an einem Herzleiden. Anfang April 1874 traf ihn ein Schlaganfall, der ihn an den Rollstuhl fesselte. Am 12. Juli 1874 starb Fritz Reuter im Alter von 63 Jahren in Eisenach.
Literarische Merkmale↑
Bewusst schrieb Reuter in niederdeutscher Sprache, nach eigenen Angaben „in mecklenburgisch-vorpommerscher Mundart“. Gemeinsam mit seinem Verleger Hinstorff entwickelte er dabei eine neue Kunstform des Niederdeutschen, die entscheidend zur Verbreitung seiner Werke beitrug. Sein Platt trägt zahlreiche Eigenheiten des Mecklenburgischen. Durch seinen Erfolg wurde er zu einem Wegbereiter der Wiederbelebung der niederdeutschen Sprache als Literatursprache und bewies weiten Kreisen deren Literaturfähigkeit.
Seine Geschichten sind von feinsinnigem Humor und zahlreichen satirischen Anspielungen geprägt. Reuter verstand es, dem Volk „aufs Maul“ zu schauen. Immer wieder brachte er soziale Probleme ins Spiel und nutzte die Stilmittel des Niederdeutschen, um versteckte Spitzen gegen Aristokratie und Obrigkeit an der Zensur vorbei anzubringen. Die Deutsche Biographie hebt seine Kunst der Menschen- und Landschaftsschilderung hervor sowie eine Haltung, die besonders die einfachen, schwachen und unterliegenden Menschen zu würdigen suchte. Der Humor in seinem Schaffen speiste sich aus seinem liberalen Protestantismus und aus einer Skepsis gegenüber oberflächlichem Fortschrittsglauben, die auf eigenen Erfahrungen beruhte.
Wie prägend die Vaterstadt und die Menschen seiner Kindheit für sein Schreiben waren, betont die Allgemeine Deutsche Biographie: Die Begrenztheit der Heimat ließ ihn auch das Kleine bedeutungsvoll erscheinen, und seine Gestalten tragen die Züge der Menschen, die seine Kinderzeit belebten. Als größten Einfluss unter allen Schriftstellern nannte Reuter in einem Brief Walter Scott, den er in der Schulzeit eifrig gelesen hatte. Seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, darunter ins Dänische, Englische, Französische, Russische und Japanische. Hochdeutsche Übertragungen, die Reuter selbst nie zugelassen hatte, erschienen erst ab 1905.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten genoss Reuter große Verehrung; Besuche von Karl Gutzkow, Hans Christian Andersen und Theodor Fontane bezeugen das Ansehen, das er erreichte. Die Deutsche Biographie beschreibt ihn als einen der größten Humoristen der deutschen Literatur und, nach seinen eigenen Aussagen, als bestverdienenden deutschen Schriftsteller seiner Zeit. Zusammen mit Klaus Groth und John Brinckman begründete er die neuniederdeutsche Dichtung.
Weit über Deutschland hinaus wirkte er unter den Auswanderern, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert nach Übersee gingen. 1875 errichtete der Plattdütsche Volksfestvereen von New York un New Jersey ein Reuter-Denkmal im Schützen-Park von North Bergen. Reuters Witwe stellte dafür das Manuskript von Kein Hüsung zur Verfügung, das zunächst unter dem Denkmal versenkt und 1892 wieder geborgen wurde. In den 1970er Jahren tauchte die Handschrift in einem Altenheim des Vereins wieder auf; seit dessen Schließung 2017 ist ihr Verbleib unbekannt.
Ein weitgehend unerforschtes Feld ist die Reuter-Rezeption in der Zeit des Nationalsozialismus sowie zwischen 1945 und 1989. In der DDR wurde aus seinen Werken einmal wöchentlich im Sender Schwerin auf Plattdeutsch vorgelesen. 1980 wurde die Mundart bei den Arbeiterfestspielen im Bezirk Rostock nicht mehr als rückständig, sondern als Folklore gepflegt und Reuters Werke aufgeführt. Zu den heutigen Institutionen der Reuter-Pflege gehören die Fritz Reuter Gesellschaft in Neubrandenburg, das Fritz-Reuter-Literaturmuseum in Stavenhagen und das Reuter-Wagner-Museum in Eisenach. Auch die Fritz-Reuter-Bühne des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin trägt seinen Namen.nen Namen.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →