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Porträt Franziska zu Reventlow
Franziska zu Reventlow
1871 – 1918
– Autorenporträt –

Franziska zu Reventlow

1871 – 1918 · 47 Jahre

Franziska zu Reventlow, als „Skandalgräfin“ der Münchner Bohème bekannt, verspottete in ihrem humorvollen Roman „Herrn Dames Aufzeichnungen“ die Künstlerzirkel ihrer Wahlheimat München-Schwabing.

Kurzbiografie↑

Als „Skandalgräfin“ und „Schwabinger Gräfin“ der Münchner Bohème wurde Franziska zu Reventlow zu einer der auffälligsten Frauengestalten der Jahrhundertwende. Geboren 1871 in Husum, brach sie mit ihrer adligen Familie und führte in München-Schwabing ein eigenständiges, von finanzieller Not und Krankheit geprägtes Künstlerleben. Sie arbeitete als Übersetzerin, Malerin und Schriftstellerin. Bekannt wurde sie vor allem durch ihren humoristischen Schlüsselroman Herrn Dames Aufzeichnungen, in dem sie die Künstlerzirkel ihrer Wahlheimat verspottet. Sie starb 1918 bei Locarno an den Folgen eines Fahrradsturzes.


Biografie↑

Geboren wurde Fanny Sophie Auguste Liane Adrienne Wilhelmine Gräfin zu Reventlow am 18. Mai 1871 als fünftes von sechs Kindern im Schloss vor Husum, dem Amtssitz ihres Vaters. Dieser, Ludwig Graf zu Reventlow (1824–1893), war preußischer Landrat; ihre Mutter war Emilie, geborene Gräfin zu Rantzau (1834–1905). Ihr Bruder Ernst Reventlow (1869–1943) wurde Marineoffizier, Journalist und später nationalsozialistischer Politiker. Die Familie pflegte freundschaftliche Beziehungen zum Schriftsteller Theodor Storm, damals Amtsrichter in Husum, und zur Familie von Ferdinand Tönnies.

In ihrem autobiografischen Roman Ellen Olestjerne schildert Reventlow die strenge Erziehung zur „höheren Tochter“. Aus dem Altenburger Magdalenenstift, einem Mädchenpensionat in Thüringen, wurde sie 1887 nach nur einem Schuljahr ausgeschlossen. Vorübergehend kam sie bei einer Tante auf Kloster Preetz unter und erhielt privaten Malunterricht. Nach der Pensionierung des Vaters zog die Familie 1889 nach Lübeck. 1890 setzte sie gegen den Willen der Eltern den Besuch eines privaten Lehrerinnenseminars durch, das sie 1892 mit der Befähigung für den Unterricht an höheren und mittleren Mädchenschulen abschloss. Eine solche berufsvorbereitende Ausbildung war für eine adlige junge Frau damals sehr ungewöhnlich.

Früh kam sie über ihren Freundeskreis, den „Ibsen-Club“, mit moderner gesellschaftskritischer Literatur und den Schriften Nietzsches in Berührung. Laut der Neuen Deutschen Biographie wurde sie früh eine Anhängerin der Ideen Henrik Ibsens. Als ihre Eltern 1892 einen heimlichen Briefwechsel entdeckten, wurde sie zur „Besserung“ bei einer Pastorenfamilie in Adelby bei Flensburg untergebracht. Von dort floh sie 1893 nach Wandsbek und überwarf sich damit für immer mit ihrer Familie; den Besuch ihres im selben Jahr sterbenden Vaters verwehrte man ihr. In Wandsbek lernte sie den Hamburger Gerichtsassessor Walter Lübke kennen, der ihr einen Aufenthalt als Malschülerin in München finanzierte. 1894 heirateten die beiden.

Die Ehe wurde für Reventlow zum Sprungbrett in die Freiheit. Als sie 1895 erneut nach München ging, um ihr Malstudium fortzusetzen, zerbrach die Verbindung; die Trennung erfolgte 1895, die Scheidung 1897. Fortan führte sie ein eigenständiges Bohèmeleben, das von dauernder finanzieller Not, Krankheit und mehreren Fehlgeburten gezeichnet war. Am 1. September 1897 wurde ihr Sohn Rolf geboren, dessen Vater sie zeitlebens verschwieg. Ihren Unterhalt bestritt sie zum Teil mit literarischen Übersetzungen für den Albert Langen Verlag und mit kleineren Arbeiten für Zeitschriften und Tageszeitungen wie den Simplicissimus und die Frankfurter Zeitung. Nach etwas Schauspielunterricht hatte sie 1898 ein kurzes Engagement am Theater am Gärtnerplatz. Daneben schlug sie sich mit zahlreichen Gelegenheitsjobs sowie mit Spenden ihrer männlichen Bekanntschaften durch.

Zu ihrem Umkreis gehörte vor allem der „Kosmiker“-Kreis um Karl Wolfskehl, Ludwig Klages und Alfred Schuler. Wegen ihres unehelichen Kindes und ihrer erotischen Freizügigkeit galt sie diesen Männern als „heidnische Madonna“. Sie verkehrte außerdem mit Erich Mühsam, Oskar Panizza, Rainer Maria Rilke, Frank Wedekind und weiteren Vertretern der Münchner Moderne. 1906 besuchte sie die Malschule von Alexej von Jawlensky. Mit ihrem Sohn Rolf reiste sie unter anderem nach Samos, Italien und Korfu.

Im Oktober 1910 verließ sie München und lebte die folgenden Jahre in Ascona am Lago Maggiore, wo ihre „Schwabinger Romane“ entstanden. 1911 ging sie eine Scheinehe mit dem kurländischen Baron Alexander von Rechenberg-Linten ein, dessen Erbe an eine standesgemäße Ehe gebunden war; das so erworbene Vermögen von 20.000 Mark verlor sie jedoch schon 1914 durch einen Bankenkrach. In der Forschung schwankt die Angabe zu diesem Eheschluss: Während Wikipedia das Jahr 1911 nennt, gibt die Neue Deutsche Biographie „1909 oder 1911“ an. 1916 zog sie nach Muralto am Lago Maggiore.

Am 26. Juli 1918 starb Franziska zu Reventlow im Alter von siebenundvierzig Jahren an den Folgen eines Fahrradsturzes. Umstritten ist der genaue Sterbeort: Wikidata und die Deutsche Nationalbibliothek nennen Locarno, wo sich in einer Klinik ihr Tod ereignete, während die Neue Deutsche Biographie als Sterbeort Muralto und den 27. Juli 1918 angibt. Die Grabrede hielt der Schriftsteller Emil Ludwig. Ihre Grabstätte liegt auf dem Friedhof der Kirche Santa Maria in Selva in Locarno.


Literarische Merkmale↑

Reventlows literarisches Werk lässt sich als Gegenstück zu ihrem Lebenswandel lesen. Es handelt sich, wie die Neue Deutsche Biographie festhält, um Milieustudien und vor allem um pointierte Kommentare zum kulturellen Leben Schwabings, durchsetzt mit zahlreichen philosophischen Auseinandersetzungen. Im Zeichen eines um 1900 religionsartig überhöhten Lebensbegriffs und eines nietzscheanischen Vitalismus suchte sie den Verbund von Kunst und Leben und wollte ihr bohèmehaftes Dasein als Gesamtkunstwerk inszenieren. Dahinter stand das Projekt eines modernen „Hetärentums“, das nach antikem Vorbild die freie Liebe und die Verfügung über den eigenen Körper mit der Teilhabe am geistigen Leben verband.

Charakteristisch ist der humoristische, oft persiflierende Ton. In ihrem bekanntesten Text, Herrn Dames Aufzeichnungen, verspottet sie die Künstler- und Philosophenzirkel Schwabings, das unter dem erfundenen Namen „Wahnmoching“ zum Schauplatz der Auseinandersetzungen um Lebensfeindliches und Lebensbejahendes wird. Diese Rückschau zeigt eine ständige Selbsthistorisierung und Selbstreflexion, die für ihr Schreiben kennzeichnend ist. Bereits 1903 hatte sie mit Ellen Olestjerne eine Autobiografie ihrer Jugend vorgelegt. In den Amouresken Von Paul zu Pedro lieferte sie Variationen des Liebesthemas in Form zwangloser Erzählbriefe. Andere Erzählbände handeln vom Bohèmeleben und von fehlgeschlagenen Geldgeschäften, so Der Geldkomplex. Ihre Kommentare zum Schwabinger Leben finden sich auch im mitherausgegebenen „Schwabinger Beobachter“ sowie in Zeitschriften wie „Die Jugend“ und dem „Simplicissimus“.


Rezeption↑

Zu Lebzeiten spielte Reventlow nicht nur im Schwabinger Künstlermilieu eine wichtige Rolle, sondern übte laut der Neuen Deutschen Biographie auch Einfluss auf überregional bekannte Maler und Autoren aus. Ihre Zeitgenossen sahen in ihr eine schillernde Figur der Bohème; die Beziehungen zu den Kosmikern und zum Kreis um Stefan George machten sie zu einer Person, um die sich, wie es über ihren frühen Freundeskreis heißt, eine „Aura von Geheimnis und Skandalträchtigkeit“ legte.

Nach ihrem Tod wurde ihr Werk seit der von Else Reventlow herausgegebenen Gesamtausgabe von 1925 fortlaufend gepflegt; es folgten Ausgaben ihrer Briefe, Tagebücher und Romane. Seit den 1970er Jahren entstand eine umfangreiche biografische und literaturwissenschaftliche Beschäftigung mit ihr, darunter Arbeiten zu ihrer Rolle in der Schwabinger Gegenkultur und zu ihrem „modernen Hetärentum“. 1980 widmete ihr Rainer Wolfhardt einen Fernsehfilm. Wegen ihrer genauen Milieubeschreibungen werden ihre Lebenserzählungen und Werke – ungeachtet ihrer künstlerischen Dimension – bis heute als Material für kulturwissenschaftliche Studien zum Fin de Siècle herangezogen.

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Aus dem Werkverzeichnis↑

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