1913
Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil
Überblick↑
Der Roman Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil erschien 1913. Franziska zu Reventlow schildert darin die Bohème-Szene um die Jahrhundertwende und verarbeitet dabei eigene Erlebnisse. Im Mittelpunkt steht ein Kreis von Schwärmern, die sich in einem Stadtteil namens Wahnmoching zusammenfinden und sich einer neuen, „heidnischen“ Lebenskunst verschrieben haben. Das Werk ist ein Schlüsselroman mit klar autobiographischen Zügen: Wer die damalige Szene kannte, konnte hinter den Figuren wirkliche Menschen wiedererkennen. Zugleich ist es ein ironischer Blick von außen auf eine Bewegung, die den Alltag hinter sich lassen und das Leben von Grund auf erneuern wollte.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ohne festes Studien- oder Berufsziel kommt der junge Herr Dame in die Stadt. Er ist ein Mensch ohne großen eigenen Antrieb und lässt sich gern von anderen leiten. In einem Café lernt er über Dr. Gerhard eine Gruppe junger Leute kennen, die sich im Stadtteil Wahnmoching aufhalten, um sich „auszutoben“. Sie reden über einen literarischen Kreis um einen geheimnisvollen „Meister“, über Spiritismus und Wahrsagerei, über „Rausch und Blut“ und andere rätselhafte Dinge.
Dame gerät immer tiefer in diese Welt hinein. Er wird zu Teestunden auf dem Teppich eingeladen, wo blaugrünes Licht den Raum erfüllt, zu geheimnisvollen Gesprächen über „echte“ Gefühle und über germanische, römische und andere „Ursubstanzen“ der Seele. Er lernt Professor Hofmann und dessen Frau Lotte kennen und erhält Zugang zu deren wöchentlichem Empfang, einem der Mittelpunkte der Szene. Ein zweiter Mittelpunkt ist das Eckhaus der lebenslustigen Susanna, in dem in einer offenen Beziehung gelebt wird und Gäste ein und aus gehen.
Dame beobachtet all das mit stiller Neugier und macht sich Notizen, aus denen einmal ein Roman werden soll. Er hört sich die eigentümliche Geheimsprache der Bohèmiens an und lässt sich vom Philosophen Dr. Sendt erklären, was hinter ihren Vorstellungen steckt. Zwischen Faschingsfesten, nächtlichen Bällen und Kostümen bewegt er sich als teilnehmender Zuschauer, der nie ganz dazugehört. Wohin ihn dieser halbe Winter in der fremden Welt führt, bleibt der Lektüre vorbehalten.
Die Handlung im Detail↑
In einer offenen Lebensphase, ohne eigene Pläne, kommt Herr Dame in die Stadt. Er beschreibt sich selbst als jemanden ohne Drang, „die Hörner abzulaufen“, und ohne viel eigene Initiative: Man verurteile ihn stets zu irgendetwas, und das geschehe dann mit ihm. Bisher hat sein wohlmeinender Stiefvater diese Rolle übernommen; nun tun es andere. Im Café lernt Dame durch Dr. Gerhard junge Leute kennen, die sich „gärenshalber“ im Stadtteil Wahnmoching aufhalten. Er hört zu, wie sie über einen literarischen Kreis um einen „Meister“, über Spiritismus und Wahrsagen sprechen; die sogenannte „Kappadozische Dame“ erzählt von einem kosmischen Traum, in dem sich Traum und Wirklichkeit verwischen. Dame trifft auch einen früheren Schulkameraden, Heinz Kellermann, der ihn zu sich einlädt. Dort sitzt man zum Tee auf dem Teppich, blaugrünes Licht scheint aus einer Kupferschale, und die Malerin Murra hält ihre Hände wie eine Priesterin über die Flammen. Alle finden das „enorm“ und reden über Rassenmerkmale, besonders über den blonden germanischen Typus.
Dame lernt Professor Hofmann kennen, der ihn zu seinem donnerstäglichen Empfang einlädt. Damit hat er Zugang zu einem der beiden Mittelpunkte der Szene. Im Kreis um Hofmann und dessen Frau Lotte werden die Gespräche über das „Leben“, über „echte“ Gefühle, über „Stil“ und „Geste“ weitergeführt. Dame bemerkt, dass die Bohèmiens ein eigenes Vokabular benutzen, das ihm wie eine Geheimsprache vorkommt: kosmisch, molochitisch, Rausch und Blut, Blutleuchte, Hetärentum, Urnacht, Urschauer. Sein zurückhaltendes, neutrales Auftreten deuten die Wahnmochinger als vornehme Gelangweiltheit, und das gefällt ihnen. Auch seinen jungen Diener, den sie Chamotte nennen, deuten sie in ihrem Sinne. So lädt die Grande Dame Susanna Dame zur „Elenden-Kirchweih“ ein, wo man sich in ihrem Eckhaus kostümiert: einer als Henkersknecht im Schuppenhemd, ein anderer in der Toga, Chamotte als schwarzer Sklave geschminkt.
Das Eckhaus bewohnt Susanna mit ihrem sechsjährigen Sohn und ihren Freunden Willy und Orlonsky, der für die Küche zuständig ist. Es ist eine offene Dreierbeziehung, und alle haben weitere Partner. Neben Susanna gilt Maria als Vorbild der „heidnischen“ Lebensmöglichkeiten und des modernen Hetärentums; um sie sammeln sich der Lebensphilosoph Hallwig, der Schriftsteller Adrian, der Maler Konstantin, Willy und der Rechtspraktikant Georg. Georg möchte Maria heiraten und aus dem Kreis lösen; er sieht die Verherrlichung der Promiskuität kritisch und spottet über die Mädchen, die unbedingt „Hetären“ sein wollen und dabei elend hereinfallen. Während der Faschingszeit sind die Bohèmiens fast jede Nacht auf einem Atelierfest oder Ball und treffen sich morgens in wechselnden Runden in der großen Wohnküche zum Frühstück. Sie führen Szenengespräche, flüstern eifersüchtige Beziehungsstreitereien, beraten über Kostüme und unternehmen einmal spontan einen Rodelausflug ins verschneite Umland.
Dr. Sendt klärt Dame in einem Nachtgespräch über die Philosophie des Kreises auf. Die Kosmiker lehnen den Individualismus und das rationale Denken der Naturwissenschaften ab und betonen das irrationale „Wir“. Der Mensch werde von „Ursubstanzen“ gesteuert – römisch, germanisch, semitisch. Die heidnischen, irrationalen Kräfte gelten als aufbauend, das rational-analysierende „semitische“ Prinzip als „molochitisch“, also zerstörend. Heidnisch-kosmisch ist der dunkle, ekstatische dionysische Kult im Gegensatz zum hellen apollinischen Prinzip. Ziel ist es, durch „Rausch und Blut“ die „Blutleuchte“ zu stärken; ihr Kultbuch ist Nietzsches Zarathustra. Unter Berufung auf den Anthropologen Bachofen wird der Gegensatz von rationalem und irrationalem Prinzip mit patriarchalischen und matriarchalischen Kulturen gleichgesetzt: Am Anfang der Menschheit habe man den gebärenden Schoß der Erde als Urmutter angebetet. Der Maler Adrian erweitert dies: Der vollkommene Mensch müsse alle Möglichkeiten in sich tragen, auch die der Homoerotik und der Androgynie.
Höhepunkt der Saison ist das große Kostümfest bei Hofmann. Es beginnt mit einem feierlichen Umzug antik-mythologisch Kostümierter, begleitet von Gongschlägen und weihevollem Gesang mit einem Text aus Goethes Faust II: Hofmann als indischer Dionysos, der geheimnisumwobene „Meister“ als Caesar, Delius als Urmutter „Magna Mater“. Weinlaubbekränzte Knaben tragen Becher, Bacchantinnen spielen auf Instrumenten. Dame beteiligt sich im Hirtenkostüm und bläst die Panflöte, legt die Verkleidung danach aber wieder ab und bleibt auch auf dem Fest nur „Herr Dame“. Er sieht zu, wie sich die Nacht in ekstatischen Tänzen steigert. Er erkennt die große Hoffnung der Bewegung: Sie lehne die „seelenmordende“ Welt des Fortschritts ab und weise zurück auf den Urgrund, in dem allein echtes Leben wurzeln könne. Zugleich spürt er, dass er diese Welt nicht wirklich von innen beschreiben kann.
Das Ende der Bewegung kündigt sich schon vor dem Fasching an. Durch die Feste bilden sich neue Beziehungen, es kommt zu Eifersucht, Streit und dem Vorwurf, nicht zum Kreis der Auserwählten zu gehören. Konstantin verliebt sich in die Malerin Murra, was dem Bildhauer Petersen missfällt, der sie als Modell für sich beansprucht. Selbst die bisherigen Vorbilder Susanna und Maria fürchten um ihre Stellung; man wirft ihnen oberflächliche Vergnügungssucht vor. Hallwig kritisiert die bacchantischen Umtriebe als Abweichung von den wahren Ursubstanzen und trennt sich von Maria mit der Behauptung, ihre Seele sei am Erlöschen und habe sich an Unwürdige verschwendet. Zwischen Delius und dem „Meister“ entsteht eine Rivalität um die Führerschaft. Hofmann erhebt durch die Bekanntschaft mit einem Rabbi und dem polnischen Medium Jadwiga den Zionismus zur neuen „Blutleuchte“ und entfernt sich damit von Delius' heidnischen Ursubstanzen. Hallwig und Delius planen die Gründung einer neuen „Heidenkolonie“ ohne die Wahnmochinger.
Die beiden Frauen entziehen sich dem Streit und verlassen für einige Zeit die Stadt. Auch der Dichter Adrian will seinen schöpferischen Individualismus nicht aufgeben und reist nach Berlin ab; er rät Dame, dasselbe zu tun. Dame bereitet eine Auslandsfahrt vor. „Verurteilt, wie ich kam, gehe ich von dannen“, schreibt er, „wozu? – das wissen nur die Götter.“ Man sage wohl, niemand könne seinem Geschick entrinnen, aber versuchen könne man es doch wenigstens.
Stil↑
Bereits der Titel weist auf die Form des Tagebuchromans hin. Während seines halbjährigen Aufenthalts, von Dezember bis Mai, hat Herr Dame seine Beobachtungen notiert und die Wahnmochinger Bohème porträtiert. Die Erlebnisse verwirren ihn so sehr, dass er in fernen Ländern Ruhe sucht. Seine Notizhefte verschenkt er auf dem Überseedampfer an Reisebekannte, die sie mit Anmerkungen versehen und an einen sachkundigen Freund zur Prüfung einer Veröffentlichung weitergeben. So erklärt eine Vorrede, wie die Aufzeichnungen an die Öffentlichkeit gelangten.
Dieser Kunstgriff der Herausgeberfiktion wird sonst meist verwendet, um Wirklichkeit vorzutäuschen und das Erfundene zu verschleiern. Bei Reventlow ist es eher ein augenzwinkerndes Spiel mit Dichtung und Wahrheit, denn es handelt sich erkennbar um einen Schlüsselroman mit autobiographischen Bezügen. So bleibt der Eindruck offen, das Buch verrate geheime Insiderkenntnisse, und der Reiz liegt gerade im Wiedererkennen wirklicher Personen. Die durch Zeitraffung und Auslassung bewusst unvollständigen, „überarbeitungsbedürftigen“ Aufzeichnungen verstärken diesen skizzenhaften Werkstattcharakter.
Ebenso spielerisch greift die Autorin das Muster des Entwicklungsromans auf. Herr Dame, ein junger, unerfahrener Mann aus wohlhabender Familie, gerät aus der nüchternen bürgerlichen Arbeitswelt in eine abgeschlossene Zauberwelt und wird dort mit unkonventionellen, rätselhaften und verführerischen Seiten des Lebens konfrontiert. Doch dieser magische Zirkel löst sich am Ende auf und lässt ihn ratlos zurück. Dass er seine Tagebücher schließlich weggibt, deutet an, dass er das Erlebte als bloße Episode ansieht, mit der er sich nicht weiter beschäftigen mag. Aus dieser ironischen Distanz des staunenden, aber nie ganz ergriffenen Beobachters bezieht das Werk seinen Ton.
Rezeption↑
Bis heute wird das Werk vor allem als literarisches Zeugnis der Bohème um die Jahrhundertwende gelesen. Sein besonderer Reiz liegt in der Verbindung von Selbsterlebtem und Erfundenem: Als Schlüsselroman lädt es dazu ein, hinter den Figuren die wirklichen Vorbilder der Szene zu erkennen. Zugleich hält die ironische Erzählhaltung eine Bewegung fest, die sich eine große Erneuerung des Lebens erhoffte und sich in Eifersucht und Rivalität wieder auflöste. So bewahrt der Roman das Bild eines Kreises von Schwärmern, den es kurz darauf nicht mehr gab.
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