Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Herz
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Herz
1886
– Werkseintrag –

Herz

1886 · Roman

Das Tagebuch eines Turiner Schülers, in dem sich ein ganzes Schuljahr voller Freundschaft, Mitgefühl und ergreifender Geschichten zum Herzensbuch einer jungen Nation fügt.

Überblick

Das Kinderbuch Cuore – der Titel bedeutet „Herz" – schrieb Edmondo De Amicis in Turin. Es erschien erstmals am 18. Oktober 1886 beim Mailänder Verlag Treves. Das Buch hat die Form eines erfundenen Tagebuchs. Ein Junge der dritten Volksschulklasse schildert darin sein Schuljahr 1881/82, vom 17. Oktober bis zum 10. Juli. Jedes Kapitel trägt ein Datum und einen Titel, der auf das jeweilige Thema verweist. Angesiedelt ist die Erzählung an einer Turiner Volksschule. Das Werk wurde in Italien wie im Ausland zu einem großen Erfolg, mit zahllosen Neuauflagen und Übersetzungen. Es gilt als eines der einflussreichsten pädagogischen Bücher Italiens im 19. Jahrhundert.

Inhalt (ohne Spoiler)

Erzählt wird ein ganzes Schuljahr an einer Volksschule im Turin der Umberto-Zeit, zwischen dem 17. Oktober 1881 und dem 10. Juli 1882. Der Ich-Erzähler ist Enrico Bottini, ein Junge aus bürgerlichem Haus. Tag für Tag hält er Erlebnisse und Gestalten seiner Klasse fest: den Lehrer, die Mitschüler, kleine Streitereien und Versöhnungen, Krankheit und Trauer, Feste und Auszeichnungen.

Das Buch verbindet drei Erzählstränge. Der erste ist Enricos Tagebuch. Der zweite besteht aus Briefen, die Vater, Mutter und einmal auch die ältere Schwester an ihn richten; sie lesen seine Aufzeichnungen und geben ihm behutsame Ratschläge fürs Leben. Der dritte Strang sind die neun „Monatserzählungen", die der Lehrer Perboni im Lauf des Jahres in der Klasse vorliest. Sie handeln von italienischen Kindern aus verschiedenen Landstrichen und nehmen oft einen ergreifenden Verlauf. Über allem liegt ein erzieherischer Grundton: Liebe zum Vaterland, Achtung vor den Eltern, Opferbereitschaft und Mitgefühl für die Armen und Unglücklichen.

Die Handlung im Detail

Der Ich-Erzähler Enrico Bottini ist ein durchschnittlicher Schüler ohne besonderen Ehrgeiz. Sein Vater heißt Alberto und ist Ingenieur, der Name der Mutter bleibt ungenannt. Über das Schuljahr hinweg tritt eine ganze Galerie von Mitschülern auf: der stolze Sohn aus vornehmem Haus, der schöne und kluge Klassenbeste, der zähe Streber, die Söhne des Kohlenhändlers und des Maurers – und Franti, ein kleiner Bösewicht, der als abschreckendes Beispiel gezeichnet ist. Enricos Aufzeichnungen sind immer wieder von den Briefen der Eltern durchsetzt, die seine Seiten lesen und ihm sittliche Lehren mit auf den Weg geben.

Den festen Rahmen bilden die neun Monatserzählungen des Lehrers Perboni. Im Oktober steht Der kleine Patriot aus Padua: Ein Bauernjunge, von seinen Eltern an eine Gauklertruppe verkauft, entflieht und trifft auf einem Schiff drei Fremde, die ihm Münzen schenken; empört wirft er ihnen das Geld zurück, als er hört, wie sie über die Italiener schimpfen. Im November folgt Der kleine Späher aus der Lombardei: Ein Junge klettert für einen piemontesischen Offizier auf einen Baum, um nach österreichischen Truppen Ausschau zu halten. Er entdeckt den Feind, wird aber selbst beschossen und stirbt, ohne von seinem Posten zu weichen, in den Armen des Offiziers.

Im Dezember erzählt Der kleine Schreiber aus Florenz von Giulio, der seinem übermüdeten Vater heimlich beim nächtlichen Abschreiben hilft; darüber leidet sein eigener Schlaf und seine Schulleistung, bis der Vater ihn eines Nachts ertappt und ihn gerührt um Verzeihung bittet. Im Januar zeigt Der sardische Trommler einen vierzehnjährigen Trommler, der unter Beschuss durch die Felder läuft, um Verstärkung zu holen; die Rettung gelingt, doch dem Jungen muss das verletzte Bein abgenommen werden. Im Februar wacht in Der Krankenpfleger seines Vaters der Junge Ciccillo liebevoll am Bett eines Sterbenden, den er für seinen kranken Vater hält; als er den wirklichen Vater lebend wiederfindet, bleibt er dennoch beim Fremden, bis dieser stirbt.

Im März kostet Blut aus der Romagna den gutherzigen Ferruccio das Leben: Er wirft sich schützend vor seine Großmutter, als ein Räuber zusticht, und stirbt an dem Stich. Im April berichtet Bürgermut von einem scheuen Maurerssohn, der einen ertrinkenden Altersgenossen aus dem Po rettet und dafür vom Bürgermeister eine Medaille erhält. Im Mai folgt eine der berühmtesten Erzählungen, Von den Apenninen zu den Anden: Der Genueser Junge Marco reist allein bis nach Argentinien, um seine als Dienstmagd ausgewanderte, schwer kranke Mutter zu suchen; nach vielen Entbehrungen findet er sie, und ihr Wiedersehen gibt ihr die Kraft, sich der lebensrettenden Operation zu unterziehen. Im Juni schließlich schildert Der Schiffbruch zwei italienische Kinder auf einem Auswandererschiff, Mario und Giulietta; als der letzte Rettungsplatz frei wird, überlässt ihn der elternlose Mario dem Mädchen, das noch eine Familie hat, und geht mit dem sinkenden Schiff unter.

Das Schuljahr endet mit den Prüfungsergebnissen. Enrico wird unter den Versetzten nicht eigens genannt, doch das Schweigen seiner Familie lässt Gutes ahnen. Zuletzt notiert er, dass seine Eltern umziehen. Er verliert seine Freunde und wird die vierte Klasse in einer anderen Stadt besuchen müssen. Mit diesem Abschied schließt das Tagebuch.

Stil

Als eines der bedeutenden pädagogischen Bücher seiner Zeit steht das Werk ganz im Zeichen des Risorgimento. Nach der politischen Einigung Italiens will es eine kulturelle Einigung befördern und ein Gefühl gemeinsamer nationaler Zugehörigkeit wecken. Auffällig ist die Zurückhaltung gegenüber der Religion: Anspielungen auf die katholische Heilsgeschichte, auf Sakramente und kirchliche Feste kommen selten vor, weshalb das Buch als weltlicher Roman bezeichnet worden ist. Im Brief der Mutter mit dem Titel „Hoffnung" ist von Gott und einem anderen Leben die Rede, in dem die Leidenden entschädigt und die Liebenden wiedervereint würden.

Die Liebe zum Vaterland ist ein Grundthema; das Vaterland erscheint als höchstes Ideal, verkörpert im königlichen Heer und im Monarchen. Daneben treten die geordnete Wohltätigkeit und die karitativen Einrichtungen. Stark betont sind die gesunden Familienbande, denn die Familie gilt als Keimzelle der Gesellschaft. De Amicis wünscht ein herzliches Verhältnis zwischen den Ständen, doch der Held und seinesgleichen bleiben immer die wohlmeinenden „Herrschaften", deutlich unterschieden vom einfachen Volk. Der Ton ist von väterlich-herablassender Menschenfreundlichkeit und von rührseligem Pathos geprägt. Die Figuren sind Sinnbilder: der vorbildliche Lehrer, der hochmütige Adelssohn, der schöne Klassenbeste, der Streber, die Kinder der einfachen Leute – und Franti, das negative Musterbeispiel, das ausdrücklich dazu gezeichnet ist, die Verurteilung durch den Leser hervorzurufen.

Rezeption

Schon bei seinem Erscheinen fand das Buch beim Publikum in Italien und im Ausland großen Anklang und wurde in zahllosen Auflagen und Übersetzungen verbreitet. 1892 brachte Treves die erste illustrierte Ausgabe heraus, mit Bildern von Arnaldo Ferraguti, Enrico Nardi und Giulio Aristide Sartorio. Der Stoff regte über dreißig Bearbeitungen und Nachdichtungen an, dazu weitere Werke unterschiedlichster Art. Am wirkungsvollsten war die Episode Von den Apenninen zu den Anden: Sie erschien bereits vor dem Roman in einer Zeitschrift, wurde mehrfach verfilmt und diente als Vorlage der japanischen Zeichentrickserie Marco. Auch das Gesamtwerk wurde für Film und Fernsehen adaptiert.

Nicht alle Urteile fielen ungeteilt positiv aus. Umberto Eco setzte sich kritisch mit der moralisierenden Anlage der Figur Franti auseinander, an der sich der belehrende Zug des Buches besonders deutlich zeigt.

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