1899
Herz der Finsternis
Überblick↑
Die Erzählung Herz der Finsternis von Joseph Conrad erschien zunächst 1899 in drei Folgen im Blackwood's Magazine. Im November 1902 kam sie als Buch heraus. Erzählt wird darin von einer Reise nach Zentralafrika. Der Seemann Charlie Marlow berichtet einigen Freunden, wie er als Kapitän eines Flussdampfers zum Augenzeugen beispielloser Grausamkeit gegen die Einheimischen wurde. Zugleich ist das Werk ein Beitrag zur Auseinandersetzung über den englischen Kolonialismus und über Rassismus am Ende der Regierungszeit Königin Victorias. Sie zählt heute zu den wichtigsten Prosawerken in englischer Sprache.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
An einem späten Nachmittag liegt die große Segelyacht Nellie in der Themse vor Anker. An Bord beginnt der Seemann Marlow, seinen Freunden von einer früheren Reise nach Afrika zu erzählen. Dort sollte er als Kapitän einen kleinen Flussdampfer übernehmen. Dieser beförderte zwischen den Handelsstationen Menschen und Güter.
Auf seiner Fahrt den großen Strom hinauf wird Marlow Zeuge einer extremen Brutalität gegenüber den Einheimischen. Im Mittelpunkt steht dabei der Name Kurtz. Er ist der charismatische Leiter einer entlegenen Station weit oben am Fluss und lässt unglaubliche Mengen an Elfenbein abliefern. Je weiter Marlow vordringt, desto mehr durchschaut er die Maskerade einer angeblichen Zivilisierung. Deren einziger Zweck ist in Wahrheit die Ausplünderung der eroberten Gebiete.
Seine Zuhörer auf der Yacht üben typische Berufe des kolonialen Handels aus. Immer wieder richtet Marlow seinen Bericht an sie. So entsteht ein langsam wachsendes Unbehagen, das sich über den Abend hinweg verdichtet – bis zur Begegnung mit jenem Mann, dessen Ruf die ganze Fahrt überschattet.
Die Handlung im Detail↑
Ein namenloser Erzähler schildert einen langen Spätnachmittag und frühen Abend auf der Segelyacht Nellie, die in der Themse vor Anker liegt. Zu den Gästen gehört der Seemann Marlow, der zu erzählen beginnt. In seiner Jugend trat er in den Dienst einer der Kongo-Gesellschaften und sollte einen kleinen Flussdampfer als Kapitän übernehmen. Vor der Abreise wird er in Brüssel, der „gruftartigen Stadt", von zwei Frauen empfangen, die schwarze Wolle stricken wie griechische Schicksalsgöttinnen. Marlow fühlt sich beunruhigt und in eine unheilvolle Verschwörung hineingezogen.
In Afrika begegnet Marlow den Angestellten der Gesellschaft, die hohe moralische Erwartungen wecken und ihm immer wieder von Kurtz vorschwärmen – dem Leiter der wichtigsten Station im Elfenbeinland. In der ersten Station im Innern sieht er, wie Weiße mit sinnlosen Sprengungen ein riesiges künstliches Loch in die Erde treiben. In einem schattigen Hain sterben erschöpfte und ausgemergelte Einheimische. Die Reise zwingt Marlow zu einer Wanderung über Land, weil Stromschnellen den Weg versperren.
Im zweiten Teil führt die Fahrt des kleinen Dampfschiffs flussaufwärts immer tiefer in eine feindliche, undurchdringliche Umgebung und in die unheilvolle Stille des Urwalds. Die äußeren Gefahren und viele Andeutungen erschüttern Marlows anfängliche Zuversicht; seine Zweifel verdichten sich. Er beginnt zu ahnen, dass mit der hochgepriesenen Mission und mit dem Mann am Oberlauf etwas grundlegend nicht stimmt.
Der dritte und kürzeste Teil führt schließlich in Kurtz' Station, die Marlow den „Gipfelpunkt" seines Erlebnisses nennt. Hier zerfällt jede Illusion. Ein junger Anhänger von Kurtz tritt wie ein Harlekin mit wechselnden Stimmungen auf. Um das verfallende Gebäude der Station stecken aufgespießte Menschenköpfe. Kurtz selbst ist todkrank, nur noch ein „scheußliches Gespenst" und für Marlow längst kein Idol mehr. Marlow erkennt, dass Kurtz ein europäisches, ja ein englisches Produkt ist und dass dieselbe Barbarei auch in den Methoden des englischen Kolonialismus stecken kann.
Desillusioniert und schwer erkrankt kehrt Marlow nach Europa zurück. In der Rahmenhandlung auf der Yacht wendet er sich immer wieder an seine hochrangigen Freunde – einen Direktor von Handelsgesellschaften, einen Rechtsanwalt, einen Buchhalter –, die über die Strategien der Kolonialverwaltungen mitentscheiden. Einige lehnen ab oder schlafen beim Zuhören sogar ein. Nur der namenlose Rahmenerzähler lässt am Ende eine echte Beunruhigung erkennen: Er sieht „die Welt mit anderen Augen" – und ein Menetekel an der Wand. Über dem in der Ferne liegenden London hat sich im Lauf des Abends die titelgebende Dunkelheit zusammengezogen, die nun bis an die Flussmündung herangerückt scheint.
Stil↑
Mit einer kunstvoll verschachtelten Bauweise zieht die Erzählung den Leser teleskopartig in ihr Inneres. Conrad selbst tritt als Autor in den Hintergrund. Er lässt einen anonymen Rahmenerzähler berichten, der wiederum Marlows Bericht wiedergibt. So entsteht ein Bericht-Bericht, eine doppelt indirekte Erzählweise. Zwei Ordnungsprinzipien sind dabei ineinander verwoben: eine kreisförmige Rückkehr zum Ausgangspunkt und eine linear sich steigernde Binnenerzählung. Den Handlungskern der Afrikareise erreicht der Leser erst in zwei Schritten. Am Ende verlässt er ihn in umgekehrter Reihenfolge auch wieder. Formal ist der Text in drei nummerierte Abschnitte gegliedert.
Die Sprache wechselt zwischen gedrungener Prägnanz und einer bewusst verzögernden, retardierenden Erzählform. Das Verzögern baut einen hohen Spannungsbogen auf. Die gestraffte Darstellung lässt dem Leser viel Raum für eigene Deutungen. Diese gewollte Vieldeutigkeit ist mit ein Grund dafür, dass das Werk bis heute kontrovers gelesen wird.
Eine wichtige Rolle spielt die Bildsprache. Das Herz erscheint im Text rund ein Dutzend Mal. In Wendungen wie „Herz der Finsternis" prägt es den Verlust aller Orientierung. Aus der Dunkelheit über London wird die Finsternis des Urwalds und schließlich eine Finsternis des Herzens. So gewinnt das Wort einen moralischen Sinn. Auch eine erzählstrategische List gehört dazu. Marlow tritt anfangs mit nationalistischer und imperialistischer Rhetorik auf. Diese „Leserfalle" sollte die konservativen Leser des Blackwood's Magazine zunächst durch einen vertrauten Ton beruhigen. Dazu treten mythologische Bausteine. Conrad spielt mehrfach auf Dantes Göttliche Komödie an. Die schwarzstrickenden Frauen in Brüssel hüten das „Tor zur Finsternis". Die Wanderung über Land erinnert an Dantes und Vergils Weg durch den finsteren Wald. Und der sterbende Hain der Einheimischen ruft die Qualen der Höllenkreise auf.
Rezeption↑
Heute gilt die Erzählung als eines der wichtigsten Prosawerke in englischer Sprache. Sie wird als ein Schlüsselbuch des zwanzigsten Jahrhunderts gelesen, das die Dunkelseite der menschlichen Natur ebenso ausleuchtet wie die Schattenseiten der westlichen Kultur. Schon zur Entstehungszeit war das Werk ein Beitrag zur Auseinandersetzung über die Methoden des englischen Kolonialismus und über den Rassismus am Ende der viktorianischen Epoche.
Bis in die Gegenwart wird der Text kontrovers diskutiert. Diese anhaltende Streitbarkeit hat ihren Ursprung zum Teil in der bewusst angelegten Vieldeutigkeit der Erzählweise, die sehr unterschiedliche Deutungen zulässt.
Die Wirkung reicht weit über die Literatur hinaus. Francis Ford Coppola verlegte den Stoff in seinem Film Apocalypse Now (1979) in den Vietnamkrieg. 2001 folgte Apocalypse Now Redux. Daneben entstanden weitere Bearbeitungen, darunter ein Fernsehfilm aus dem Jahr 1993 in der Regie von Nicolas Roeg.
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