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Werkseintrag · Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders
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Cover Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders
Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders
1796
– Werkseintrag –

Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders

1796 · Prosa

Ein erfundener alter Mönch erzählt von Raffael, Michelangelo und Dürer und stiftet damit 1796 die deutsche Frühromantik.

Überblick↑

Diese schmale Aufsatzsammlung erschien 1796 anonym bei Johann Friedrich Unger in Berlin. Bis heute gilt sie als Manifest der deutschen Frühromantik. Wilhelm Heinrich Wackenroder und Ludwig Tieck legen darin einem fiktiven Klosterbruder Gedanken über Malerei, Musik und das Wesen der Kunst in den Mund. Nicht die Antike der Griechen und Römer dient als Vorbild, sondern Raffael, Michelangelo und Albrecht Dürer. Der junge Hermann Hesse fasste die Wirkung des Büchleins so zusammen: An die Stelle der Vernunft trete das Gefühl, an die Stelle der Kunstschreiberei die Begeisterung eines liebevollen Anschauens.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Ein greiser Mönch wendet sich aus seiner Klosterzelle an junge angehende Künstler. Er will in ihnen gute Gedanken wecken. In lose gereihten Aufsätzen erzählt er fromme Geschichten über die großen Maler der Renaissance. Vor allem geht es um Raffael, den er göttlich nennt, und um Michelangelo und Dürer. Einige Begebenheiten, gibt er offen zu, hat er aus dem Buch des alten Vasari geschöpft.

Der Klosterbruder schwärmt von Italien. Er erinnert aber auch an Nürnberg und an die goldene Zeit, in der Deutschland sich einer eigenen vaterländischen Kunst rühmen konnte. Ein eigener Aufsatz handelt von zwei wunderbaren Sprachen und ihrer geheimnisvollen Kraft: der Natur und der Kunst. Durch sie spreche Gott zu den Menschen. Den Abschluss bildet eine längere Erzählung. Sie wechselt plötzlich von der Bildenden Kunst zur Musik und nimmt das Leben eines Kirchenmusikers in den Blick, dessen Begeisterung an der profanen Welt geprüft wird.

Die Handlung im Detail↑

Der schreibende Mönch eröffnet das Buch mit dem Aufsatz Raffaels Erscheinung und stellt darin den für das ganze Werk grundlegenden Satz auf, die Begeisterungen der Dichter und Künstler seien von jeher der Welt ein großer Anstoß gewesen. Raffael erhält das Attribut göttlich, und seine Arbeitsweise wird zur Regel für wahre Kunst erhoben: Er halte sich an ein gewisses Bild im Geiste, das in seine Seele komme.

In einer der Geschichten, Der merkwürdige Tod des zu seiner Zeit weitberühmten alten Malers Francesco Francia, erzählt der Mönch von einem Künstler der Lombardischen Schule, der durch Raffaels lobende Briefe in den Glauben gerät, sich über den jüngeren Kollegen erhoben zu haben, obwohl er nie ein Bild von ihm gesehen hat. Als Raffael ihm schließlich ein Werk zur Ansicht sendet und ihn höflich um Korrekturen bittet, erkennt Francia seine Hybris und sieht seine eigenen Arbeiten plötzlich als elendes unvollendetes Stümperwerk. An dieser Erkenntnis zerbricht der alte Mann.

Ähnlich bitter verläuft die Geschichte des jungen Antonio, der sich zunächst für genial hält, dann wieder zweifelt. Der Mönch belehrt ihn: Jedes schöne Werk müsse der Künstler in sich schon antreffen, die Kunst müsse seine höhere Geliebte sein, denn sie sei himmlischen Ursprungs und gleich nach der Religion teuer.

Im Ehrengedächtnis unsers ehrwürdigen Ahnherrn Albrecht Dürers bekennt der Mönch seine Liebe zu Nürnberg und zu jener goldenen Zeit, in der Deutschland eine eigene vaterländische Kunst besaß. Der Aufsatz bleibt zwiespältig, denn Dürer sei für das Idealische und die erhabene Hoheit eines Raffael nicht geboren. Der Aufsatz Von zwei wunderbaren Sprachen und deren geheimnisvoller Kraft benennt Natur und Kunst als die beiden Sprachen, durch die sich Gott und die Künstler artikulieren. Die Natur ziehe uns zur Gottheit hinauf, die Kunst lasse uns in das Unsichtbare in unserer Brust blicken. In Die Größe des Michelangelo Buonarroti versucht der Mönch zu bestimmen, was in der Kunst menschlich und was göttlich sei.

Aus dem Rahmen fällt die letzte und mit Abstand umfangreichste Erzählung, Das merkwürdige musikalische Leben des Tonkünstlers Joseph Berglinger. Sie verlässt die Bildende Kunst und wendet sich der Musik zu. Der Kirchenmusiker Berglinger hadert mit sich und mit der profanen Welt um ihn herum. Sein Enthusiasmus, der bis dahin in jeder Geschichte ungebrochen gefeiert wurde, wird hier an der Wirklichkeit auf die Probe gestellt.

Stil↑

Wackenroder und Tieck wählen eine fingierte Erzählerfigur: einen alten katholischen Mönch, der aus seiner Klausur heraus schreibt. August Wilhelm Schlegel bemerkte schon 1797, die Sprache des Klosterbruders habe gerade dadurch, dass sie veraltet sei, den Reiz der Neuheit. Diese Fiktion mit ihrem Credo der heiligen Kunst gilt der Forschung als erzähltechnisch ingeniöses Verfahren. Johann Friedrich Reichardt brachte die Figur mit dem schlichten Klosterbruder aus Lessings Nathan in Verbindung.

Das Buch ist keine geschlossene Abhandlung. Es ist eine Folge von Aufsätzen, Briefen und eingestreuten Künstleranekdoten, deren Stoffe teils auf Vasaris Malerbuch zurückgehen. Der Ton ist nicht der kühl beschreibenden Kunstkritik, sondern der einer schwärmerischen Andacht: liebevolles Anschauen statt Vernunfturteil, Begeisterung statt gelehrter Auseinandersetzung. Tiecks Anteil ist mengenmäßig kleiner als der Wackenroders. Ihm werden vor allem die Aufsätze An den Leser dieser Blätter, Sehnsucht nach Italien, der Brief des jungen florentinischen Malers Antonio und der Brief eines jungen deutschen Malers in Rom an seinen Freund in Nürnberg zugeschrieben. Im letzteren sind bereits Anfänge seines späteren Romans Sternbald erkennbar. Die Autorenfrage gilt im Übrigen als unlösbar. Im Wesentlichen, so urteilte Kern, gehöre das Gesagte beiden.

Rezeption↑

Das Buch wurde rasch zum Gründungstext der Frühromantik. Es prägte ein neues Verhältnis von Kunst und Frömmigkeit. In den Herzensergießungen wird Religion neu bestimmt als das Beglückende. Kunst erscheint als die andere Sprache Gottes, als ein Buch Gottes neben der Natur, nicht als Menschenwerk. Es geht den Verfassern um die Unwiederholbarkeit der Schöpfungen eines Raffael, Michelangelo und Dürer. Der Forscher Paulin spricht in diesem Zusammenhang von Wackenroders Kunstfrömmigkeit. Im Buch vermische sich Kunstgenuss mit Andacht, und die Einheit von Liebe und Religion werde propagiert.

Nicht alle ließen sich davon mitreißen. Goethe, von Heine der große Heide genannt, lehnte jede neukatholische Sentimentalität strikt ab. Er beschimpfte das Werk samt Tiecks Sternbald als klosterbrudisierendes und sternbaldisierendes Unwesen. Der junge Hermann Hesse begrüßte das Büchlein dagegen als Befreiung vom kühlen Kunsturteil. Mit fünfundvierzig Jahren bedauerte er rückblickend, in den Herzensergießungen finde sich alles, was uns heute fehle: Glaube, Moral, Ordnung, Seelenkultur.

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