1907
Der Geheimagent
Überblick↑
Der Roman Der Geheimagent von Joseph Conrad erschien 1907. Er trägt im Original den Untertitel „A Simple Tale", also „Eine einfache Geschichte". Gemeinsam mit Nostromo und Mit den Augen des Westens zählt das Buch zu den politischen Romanen Conrads. Hinter der äußeren Form eines Spionageromans verbirgt sich eine vielschichtige und ironische Auseinandersetzung mit dem kleinbürgerlichen Leben in der modernen Großstadt. Conrad selbst hielt das Werk für eines seiner besten.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im London der 1880er Jahre betreibt Adolf Verloc im Stadtteil Soho einen kleinen, schlecht gehenden Laden, in dem er anrüchige Schriften und Krimskrams verkauft. Hinter dem Geschäft lebt er mit seiner Frau Winnie und deren geistig behindertem Bruder Stevie. Was Winnie nicht ahnt: Ihr Mann verdient sein eigentliches Geld als Spitzel. Gegen gute Bezahlung berichtet er einer fremden Botschaft über die anarchistischen Kreise, in denen er verkehrt.
Eines Tages wird Verloc in die Botschaft bestellt. Der neue Sekretär Wladimir gibt sich mit bloßen Berichten nicht mehr zufrieden. Er verlangt eine Tat, die das beschauliche Leben des Agenten mit einem Schlag aus den Fugen reißt. Verloc muss handeln, und zwischen seinen anarchistischen Bekannten, der Londoner Polizei und seiner eigenen Familie spannt sich ein Netz, das ihn immer enger umschließt.
Der Roman ist nicht in der Reihenfolge der Ereignisse erzählt. Ein allwissender Erzähler wechselt mehrmals den Blickwinkel und lässt die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven entstehen.
Die Handlung im Detail↑
Die Geschichte spielt um 1886 in London. Adolf Verloc führt im Stadtteil Soho einen kleinen Laden, in dem er anrüchige Erzeugnisse und Nippes verkauft. Er lebt mit seiner Frau Winnie und ihrem geistig behinderten Bruder Stevie in einer Wohnung hinter dem Geschäft. Heimlich liefert er gegen gutes Geld Berichte über die anarchistischen Kreise, in denen er sich bewegt, an eine Botschaft.
Eines Tages wird Verloc dorthin zitiert. Der neue Sekretär Wladimir verlangt mehr als nur Berichte: Verloc soll einen Bombenanschlag auf das Observatorium von Greenwich verüben. Der öffentliche Aufschrei über einen solchen Angriff auf die Wissenschaft, so das Kalkül, würde die nachsichtige Haltung der britischen Polizei gegenüber den Anarchisten ändern.
Aus seinem ruhigen Leben gerissen, trifft Verloc seine Vorbereitungen. Mit der Begründung, die Stadt sei zu aufregend für Stevies Gemüt, schickt er den Jungen zunächst zu einem anarchistischen Freund aufs Land. Danach beginnt er – sehr zur Freude seiner Frau – ihn auf seine Spaziergänge mitzunehmen. Bei einem Anarchisten, dem „Professor", besorgt er sich einen Sprengsatz. Diesen soll Stevie, der ihm bedingungslos vertraut und ihn für einen guten Menschen hält, ins Observatorium bringen. Doch der Junge stolpert, die Bombe explodiert und zerreißt ihn.
Chief Inspector Heat, der die polizeiliche Untersuchung leitet, kommt durch einen Stoffetzen mit Verlocs Adresse rasch auf dessen Spur. Verloc ist Scotland Yard kein Unbekannter, denn er hatte der Polizei früher schon Hinweise gegeben. Doch Heats Vorgesetzte pfeifen ihn zurück. Sie wollen das Wissen um die Verbindung zwischen Wladimir und Verloc nutzen, um Wladimir dazu zu zwingen, seine Agenten aus England abzuziehen. Verlocs anarchistische Freunde halten ihn unterdessen selbst für das Opfer der Explosion.
Verloc rechnet nach dem gescheiterten Attentat damit, ins Ausland fliehen zu müssen, und hebt sein gesamtes Geld von der Bank ab. Heat sucht ihn inoffiziell auf. Winnie belauscht das Gespräch zwischen dem Inspektor und ihrem Mann und erfährt so vom Tod ihres Bruders und von Verlocs Schuld daran. Als ihr Mann Stevies Tod auch noch als bedauerlichen Unfall herunterspielt und ihr vorwirft, sie habe die Polizei auf seine Spur gebracht, ersticht sie ihn.
Aufgewühlt verlässt Winnie nach dem Mord die Wohnung. Dabei trifft sie auf Ossipon, einen weiteren Genossen aus Verlocs anarchistischem Kreis. Sie bittet ihn um Hilfe, und Ossipon, der in sie verliebt ist, sagt sie ihr zu. Gemeinsam planen sie die Flucht auf den Kontinent. Doch als Ossipon von Verlocs Geld erfährt, nimmt er es an sich, springt im letzten Augenblick vom anfahrenden Zug und lässt Winnie im Stich. Später liest er in der Zeitung, dass sich eine Frau von einem Schiff in den Ärmelkanal gestürzt hat, nachdem sie ihren Ehering an Bord zurückgelassen hatte.
Stil↑
Hinter der äußeren Gestalt eines Spionageromans entfaltet das Werk eine vielschichtige und ironische Auseinandersetzung mit dem kleinbürgerlichen Leben in der modernen Großstadt. Die Ironie durchzieht die ganze Darstellung der Anarchisten, Spitzel und Behörden und lässt die handelnden Personen kleiner und käuflicher erscheinen, als sie sich selbst sehen.
Auffällig ist der Aufbau. Der Roman folgt nicht der Reihenfolge der Ereignisse, sondern ist zeitlich umgestellt. Ein allwissender Erzähler wechselt mehrmals den Blickwinkel und zeigt das Geschehen aus den Augen verschiedener Figuren. So entsteht das vollständige Bild der Tat und ihrer Folgen erst nach und nach für den Leser.
Rezeption↑
Joseph Conrad selbst zählte Der Geheimagent zu seinen besten Romanen. In der Reihe seiner politischen Werke steht das Buch neben Nostromo und Mit den Augen des Westens.
Im deutschen Sprachraum wurde der Roman vergleichsweise früh zugänglich. Die erste Übersetzung ins Deutsche stammt von Ernst W. Freißler und erschien 1926 im S. Fischer Verlag. Ihr war ein Vorwort von Thomas Mann vorangestellt.
Der Stoff hat über die Jahrzehnte mehrere Verfilmungen angeregt. Alfred Hitchcock verarbeitete ihn 1936 in dem Film Sabotage. 1996 entstand eine weitere Kinofassung unter der Regie von Christopher Hampton. Daneben wurde der Roman mehrfach für das Fernsehen bearbeitet.
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