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Werkseintrag · Der Gefängnisarzt oder Die Vaterlosen
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Der Gefängnisarzt oder Die Vaterlosen
1934
– Werkseintrag –

Der Gefängnisarzt oder Die Vaterlosen

1934 · Roman

Ein Gefängnisarzt setzt alles aufs Spiel, um seinem Bruder zu helfen – während sich hinter einem fallengelassenen Mordfall das Bild einer Gesellschaft am Vorabend der Katastrophe entfaltet.

Überblick↑

Der Roman Der Gefängnisarzt oder Die Vaterlosen von Ernst Weiß erschien 1934 bei Julius Kittels Nachf. in Mährisch-Ostrau. Nach dem Krieg wurde er 1969 bei Claassen in Hamburg neu verlegt. Das Werk ist in vier Teile gegliedert und erzählt die Geschichte der Familie D. in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Vaterlos sind darin nicht nur die Brüder Konrad und Rudolf, die den Vater durch den Krieg verloren haben. Entwurzelt sind auch die spiel- und kokainsüchtigen Gäste in Chiffons Spielbank. Hermann Hesse erkannte in dem Buch ein dichtes, sorgfältiges Gewebe naturalistischer Einzelschilderungen.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht der Gefängnisarzt Dr. Konrad D., der seinen Bruder Rudolf über alle Maßen liebt. Rudolf gerät mit dem Gesetz in Konflikt und landet schließlich in eben jenem Gefängnis, in dem Konrad als Arzt und Gerichtsgutachter arbeitet. Rudolf ist kokainsüchtig und muss im Gefängnis eine Entziehungskur durchstehen.

Konrad tut alles Menschenmögliche, um dem Bruder zu helfen – auch gegen jeden Rat und gegen den Widerstand seiner eigenen Familie. Sein Vorgesetzter, der Gefängnisdirektor Peter von Ohr, legt ihm nahe, bei einem solchen Bruder die Stadt zu verlassen. Konrads Frau Flossie drängt darauf, dass er sich vom Bruder lossagt. Doch Konrad bleibt unbeirrt.

Verwoben mit diesem Familiendrama ist die Welt des Spielbankbesitzers Manfred von G., genannt Chiffon, der einen geduldeten Rauschgifthandel betreibt und zugleich als Polizeispitzel dient. Seine Frau Vera liebt insgeheim noch immer Rudolf. So entfaltet sich eine breit angelegte Geschichte zwischen bürgerlicher Familie, Sucht und Halbwelt.

Die Handlung im Detail↑

Im Jahr 1926 heiraten Manfred von G., genannt Chiffon, und Vera. Seit Jahren duldet die Polizei Chiffons Rauschgifthandel, denn er ist ein bewährter Spitzel. Bereits im Oktober 1923, nach dem Raubmord an dem Makler und Kriegsspekulanten Jakob Zollikofer, genannt Rosenfinger, hatte Chiffon der Polizei mitgeteilt, Rudolf D. sei des Mordes verdächtig. Kennengelernt hatte er Rudolf im November 1918 im Hause des Opfers. So weit reicht auch Chiffons Hass auf Rudolf zurück. Veras Liebe zu Rudolf besteht dagegen weiter fort.

Chiffon liefert Rudolf ans Messer. Während der Polizeiaktion zur Festnahme erschießt Rudolf jedoch den Polizisten Max Birkholz und verletzt einen zweiten Beamten. Die Flucht gelingt ihm, weil sich Vera in die Schusslinie stellt; zugleich rettet sie damit dem zweiten Polizisten Steffie das Leben. Steffie war einst Rudolfs Jiu-Jitsu-Lehrer.

Der zweite Teil holt in einer Rückblende weit aus. Am 17. November 1918, sechs Tage nach dem Waffenstillstand, wird Oberleutnant Ludwig D., der heimkehrende Vater von Rudolf und Konrad, auf dem Marsch durch ein belgisches Dorf von einem neunjährigen Mädchen aus dem Hinterhalt erschossen. Sein Regimentskamerad Hauptmann Peter von Ohr steht dem Sterbenden bei, lässt ihn in belgischer Erde bestatten und überbringt nach der Heimkehr Konrad die Todesnachricht. Von Ohr wird Gefängnisdirektor in der Stadt B. Konrad, nun Familienoberhaupt, sattelt notgedrungen um: Er wird Mediziner und erhält die Stelle des Arztes in von Ohrs Gefängnis. Den größten Teil seiner Arbeitszeit steckt der schlecht bezahlte Gefängnisarzt in schwierige forensische Gutachten.

Rudolf taucht später nachts erneut in Chiffons Spielbank auf und geht mit dem Besitzer nicht zimperlich um. Vera, die einen Raubüberfall vermutet und den Eindringling nicht als ihren Geliebten erkennt, alarmiert die Polizei. Rudolf wird verhaftet. Am 17. Juni 1926, um vier Uhr morgens, wird er bei Chiffon abgeführt und ins Untersuchungs- und Strafgefängnis B. eingeliefert. Bald erneuert Direktor von Ohr seine Forderung: Konrad, durch den Bruder gesellschaftlich völlig isoliert, sei als Amtsarzt untragbar und müsse die Stadt verlassen. Konrad bleibt abermals.

Rudolf muss im Gefängnis eine Entziehungskur durchstehen. Konrad hilft ihm unbeirrt hindurch und pariert die Suggestivfragen des hartnäckigen Untersuchungsrichters mit Bravour. Für Konrad ist Rudolf kein Mörder: Der tödliche Schuss auf den Polizisten sei in halluzinatorischer Sinnesverwirrung unter Kokain gefallen. Flossie erträgt die blinde Bruderliebe ihres Mannes nicht länger und verlässt mit der kleinen Tochter Ottegebe das Haus. Konrad sucht seine Frau vergeblich am Telefon.

Flossie ist mit dem Kind in das Sanatorium zu Konrads Mutter Lucie geflüchtet. Die Großmutter Ottegebes wird dort seit drei Jahren wegen zunehmender Depression behandelt, die sie nach dem Tod ihres Mannes Ludwig ergriffen hat. Die quirlige Enkelin erweist sich als wirksamste Medizin: Es geht mit der Mutter gesundheitlich aufwärts. Unterdessen wird Steffie verhaftet; den Mord an Rosenfinger hält er für unerheblich, seien doch vor Verdun Hunderttausende gefallen. Auch Chiffon gerät ins Netz der Polizei: Er hält sich mit Vera in Prag auf und wird festgenommen, nachdem er Schmuck veräußern wollte.

Am Ende steht ein Happyend. Die zum zweiten Mal schwangere Flossie kehrt als treu liebende Frau zu Konrad zurück. Das Ehepaar will sich um Rudolf kümmern, der Rosenfinger erwiesenermaßen nicht ermordet hat, und hofft auf ein mildes Urteil. Dass Rudolf – wenn auch unter Kokain – einen Polizisten getötet hat, ist am Romanende gleichsam vergessen.

Stil↑

Auffällig ist der Umgang des Romans mit dem Kriminalstoff. Schon von der ersten Seite an steht ein Mord im Raum, doch dieser Faden wird bald fallen gelassen. Erst am Ende deutet sich an, dass der Polizeibeamte Steffie den Makler Rosenfinger tötete und Chiffon zumindest Mitwisser, höchstwahrscheinlich sogar Tatzeuge war. Um Verdächtige, Opfer und Mörder geht es dem Buch letztlich nicht. Es entfaltet vielmehr breit die Geschichte der Familie D. und schildert daneben die gerissenen Betrügereien des Gaunerpaares Chiffon und Vera.

Kennzeichnend ist zudem die Erzählhaltung. Weiß kehrt hier zur Rolle des allwissenden Erzählers zurück. Die Figuren äußern sich in seitenlangen, ausufernden Reden und Gedanken, hinter denen sich der Erzähler verbirgt. Ausgerechnet die Hauptfigur, Dr. Konrad D., kommt dabei am wenigsten zu Wort.

Rezeption↑

Aufgenommen wurde das Werk mit gemischten, im Kern aber anerkennenden Urteilen. Hermann Hesse erkannte darin ein sehr dichtes, sorgfältiges Gewebe naturalistischer Einzelschilderungen. Der Literaturwissenschaftler Peter Engel bedauerte dagegen den Rückfall des Autors in die Rolle des allwissenden Erzählers, nachdem in Boëtius von Orlamünde und in Georg Letham jeweils ein souveräner Ich-Erzähler den Leser auf höherem Niveau unterhalten hatte. Zugleich hob Engel zwei erzählerische Glanzlichter hervor: die Schilderung von Rudolfs Rauschgift-Entziehungskur und die allmähliche Gesundung der gemütskranken Mutter Lucie.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 22. Mai 1982 würdigte Ulrich Weinzierl das Buch als durchaus politischen Roman. In ihm werde eine Welt von Schiebern und Verbrechern vorgeführt, und im privaten Schicksal – einer Mischung aus Kriminalgeschichte und Familiendrama – werde die gesellschaftliche Entwicklung sichtbar, die Hitler an die Macht brachte. Ähnlich resümierte Wendler, der Erzähler verberge sich hinter den ausufernden Reden und Gedanken seiner Figuren, während die Hauptperson selbst am wenigsten zu Wort komme.

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