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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Ich, der Augenzeuge
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Ich, der Augenzeuge
1963
– Werkseintrag –

Ich, der Augenzeuge

1963 · Roman

Ein bayerischer Arzt heilt 1918 einen blinden Gefreiten von der Erblindung – und behält seine Aufzeichnungen über den Patienten, die ihn und seine jüdische Frau viele Jahre später in tödliche Gefahr bringen.

Überblick↑

Der Roman Ich, der Augenzeuge ist der letzte Roman von Ernst Weiß. Weiß nannte ihn Der Augenzeuge; erst ein Rechtsstreit um den Titel führte zu der heutigen Fassung. Er erschien 1963 postum im Verlag Kreisselmeier bei München. Erzählt wird die Lebensgeschichte eines katholischen bayerischen Arztes, der seinen Namen nie nennt. Verheiratet ist er mit der Jüdin Viktoria, und sein Bericht reicht bis in das Jahr 1936. Im Mittelpunkt steht eine ärztliche Tat mit ungeheuren Folgen: Der Erzähler hat 1918 in einem Reservelazarett einen blinden Gefreiten namens A. H. wieder sehend gemacht. Das Erscheinen des Buches löste 1963 eine neue Beschäftigung mit Ernst Weiß aus.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Als Schuljunge will der Erzähler einem Pferd Brot reichen und wird von dem Tier getreten. Behandelt wird er von Dr. Kaiser, den man im Ort wegen seiner Konfession den Judenkaiser nennt. Bei ihm lernt er Viktoria kennen, die Tochter des Arztes, „ein bildschönes, schlankes, honigblondes junges Mädchen“, und verliebt sich in sie. Doch die Zuneigung des Mädchens zur Familie des Erzählers schlägt in Hass um, als dessen strenggläubig katholische Mutter eine antisemitische Bemerkung fallen lässt.

Hinter dieser Bemerkung steht eine Lüge des Vaters. Der Brückenbau-Ingenieur hat mit der Magd Vroni Zwillinge gezeugt. Der Mutter gegenüber behauptet er, der Judenkaiser habe ihm dazu geraten. Die Mutter glaubt in ihrem Judenhass diese Behauptung. Dabei gehörten der Arzt und seine Tochter zu den wenigen im Ort, die dem Vater auch nach seiner gesellschaftlichen Ächtung noch die Treue hielten. Eine seiner Brücken war eingestürzt, und Menschen kamen zu Schaden.

Der Erzähler will Arzt werden und besucht dafür das Gymnasium. Fürs Studium sagt ihm ein Onkel ein Stipendium zu. Die Eltern behalten den größten Teil des Geldes. Für die Studiengebühren wendet er sich an den Irrenarzt Dr. Gottfried von Kaiser, den sogenannten Narrenkaiser. Dieser unterstützt ihn mit Geld und Fachwissen, verlangt dafür aber harte Arbeit als Assistent. Der Erzähler wird Chirurg und Psychiater und bildet sich unter anderem zum Fachmann für hysterische Blindheit aus.

Im Krieg operiert er an der Westfront. Während eines Fronturlaubs sieht er die schöne Viktoria wieder. Später greift er selbst zu den Waffen und verdient sich als wagemutiger Stoßtruppführer das Eiserne Kreuz. 1918 ist er als Stabsarzt einem Reservelazarett zugeteilt. Dort begegnet er einem blinden oberösterreichischen Gefreiten aus Braunau, einem Judenhasser, der beim Stab des bayerischen Regimentes List als Ordonnanz dient. Der Arzt macht diesen Mann wieder sehend – und nimmt seine Protokolle über ihn zu Studienzwecken mit nach Hause. Aus diesen Papieren erwächst alles Weitere.

Die Handlung im Detail↑

Die Kindheit des Erzählers steht im Zeichen eines Unglücks und einer Lüge. Ein Pferd tritt ihn. Der Arzt Dr. Kaiser, der Judenkaiser, verschafft ihm Linderung durch eine schmerzhafte Rippenfellpunktion. Bei ihm begegnet er Viktoria, der Tochter des Arztes, und liebt sie. Die antisemitische Äußerung seiner Mutter brüskiert das arglose Mädchen, und seine Zuneigung weicht dem Hass. Verursacht hat die Bemerkung eigentlich der Vater. Er hatte mit der Magd Vroni Zwillinge in die Welt gesetzt und behauptete der Mutter gegenüber, der Judenkaiser habe ihm dazu geraten. Die Mutter nahm diese irrwitzige Behauptung für bare Münze, froh über einen Sündenbock. Besonders unverständlich ist das, denn Arzt und Tochter hielten dem Vater weiter die Treue. Das galt auch nach dem Einsturz einer seiner Brücken und der folgenden Ächtung.

Der Bildungsweg führt über das Gymnasium. Der Vater hält nichts davon, lässt den Sohn aber ziehen. Nach dem Fiasko des Vaters sagt ihm ein Onkel ein Studienstipendium von 100 Mark im Monat zu. Die Eltern behalten den größten Teil davon. Für die Studiengebühren wendet sich der Student an den Narrenkaiser, Dr. Gottfried von Kaiser. Der antisemitische Irrenarzt hilft ihm mit Geld und Fachwissen, fordert aber harte Assistentenarbeit. Der Erzähler wird Chirurg und Psychiater und befasst sich mit Krankheiten wie der hysterischen Blindheit. Im Krieg operiert er zunächst an der Westfront im Abschnitt La Fierté Lescoudes. Ein Fronturlaub bringt das Wiedersehen mit Viktoria. Dann greift er selbst ins Kriegsgeschehen ein und erhält im Kampf gegen Gurkhas das Eiserne Kreuz.

Der Titel verspricht Objektivität und Distanz. Doch schon auf der ersten Seite spricht der Erzähler von seiner Rolle im Leben eines Mannes. 1918 hat er als Stabsarzt im Reservelazarett in P. den Blinden A. H. sehend gemacht. Dieser A. H. ist ein oberösterreichischer Gefreiter aus Braunau. Er nennt sich einen armen Kunststudenten in Wien, der als Anstreicher gearbeitet habe. Er gilt als „ewiger Störenfried“ und „fanatischer Aufwiegler“, dazu als Judenhasser. Zudem ist er Ordonnanz beim Stab des bayerischen Regimentes List. Am Tag nach der Heilung bittet der Arzt seinen Jugendfreund Helmut um einen „Druckposten“ für den Gefreiten. Helmut ist der Sohn des Narrenkaisers und dient im Kriegsministerium. Zu Studienzwecken nimmt der Arzt eigene Aufzeichnungen aus dem Lazarett mit ins süddeutsche M., darunter auch die Protokolle über A. H.

Am Totenbett der Mutter schwört er auf deren Geheiß, keine Lutheranerin und erst recht keine Jüdin zu heiraten. 1918/19 erlebt er in M. die Novemberrevolution und die Räterepublik. Er begegnet A. H. wieder. Helmut ist ihm dankbar für diese Bekanntschaft, denn A. H. ist ein talentierter Redner, und auch der Erzähler erliegt ihm. Beim Putsch vom November 1923 entgehen A. H. und Ludendorff den Kugeln der Landespolizei.

Nach dem Tod ihres Vaters wendet sich Viktoria dem Erzähler wieder zu. Das Paar heiratet, Sohn Robert und Tochter Lise werden geboren. Die Vergangenheit holt den Arzt nach 1929 ein. Helmut, nun Nationalsozialist, erscheint in Parteiuniform und fordert die Protokolle über A. H. Der Erzähler weigert sich. A. H. wird Reichskanzler und lässt den Reichstag in Brand stecken. Viktoria weiß von den Papieren und bittet ihren Mann, sie zu vernichten. Auch das lehnt er ab. Sein Vater, inzwischen überzeugter Nationalsozialist, warnt ihn vor der Gefahr. Der Erzähler flieht allein in die Schweiz. Dann kehrt er bestürzt zu seiner Frau nach Deutschland zurück. Er verfehlt sie. Viktoria ist längst in der Schweiz in Sicherheit. Auf der Reise saß sie im entgegenkommenden Taxi zwischen Hotel und Bahnhof, doch er hielt sie für ein Trugbild. SS-Männer verhaften ihn. Er kommt ins Konzentrationslager von D. und wird dort schwer misshandelt. Mit Helmuts Hilfe gelingt die Flucht. Dafür musste Viktoria dem Fluchthelfer die Protokolle herausgeben.

1934 geht der Erzähler mit Viktoria nach Paris, die Kinder kommen später nach. Das Paar wird einander fremder. Arbeit als Arzt findet er im Ausland nicht. Helmut ist in Ungnade gefallen. Er flüchtet nach Paris und lebt in der Nähe des Paares. Dann taucht dessen Vater auf, der reiche Narrenkaiser, als gut gelaunter Vergnügungsreisender. Die Entfremdung ist unüberbrückbar. Auch der Erzähler kann ihn nicht mehr verstehen. Am Ende will er auf Seiten der Spanischen Republik gegen Franco kämpfen. Viktoria und Lise haben in Versailles eine bescheidene Stellung gefunden, der Sohn arbeitet in einem Hotel. Sie nehmen den Entschluss des Gatten und Vaters hin.

Stil↑

Erzählt wird durchweg aus der Ichform. Der Titel Ich, der Augenzeuge verspricht die Nüchternheit eines Zeugenberichts. Der Erzähler bleibt namenlos. Auch Orte und Personen bleiben auf Anfangsbuchstaben verkürzt: das Lazarett in P., die Stadt M., das Konzentrationslager von D., der Patient A. H. Diese Abkürzungen halten das Geschehen in einem eigentümlichen Zwischenraum zwischen Bericht und Verschleierung. Die Haltung des Augenzeugen wird gleich auf der ersten Seite unterlaufen: Der Erzähler spricht dort von seiner eigenen Rolle im Leben eines Mannes. Der Bericht folgt dem Lebenslauf von der Kindheit bis 1936. Dabei prägt der medizinische Blick des Arztes die Darstellung.

Rezeption↑

Die Veröffentlichung von 1963 hatte eine deutliche Wirkung: Erst danach begann die Wiederentdeckung von Weiß' Werk. 1973 erschien der Roman auch in der DDR. 1983 folgte eine Lizenzausgabe bei Suhrkamp.

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