1882 – 1940
Ernst Weiß
Kurzbiografie↑
Als Arzt und Schriftsteller gehört Ernst Weiß zu den Autoren der literarischen Moderne, deren Werk lange im Schatten stand. Geboren wurde er 1882 in Brünn, damals Österreich-Ungarn, in eine jüdische Familie. Er studierte Medizin, arbeitete als Chirurg und wandte sich früh dem Schreiben zu; Franz Kafka bestärkte ihn 1913 in dieser Tätigkeit. Viele seiner Romane spielen im Arztmilieu und kreisen um Sexualität. Nach Jahren in Berlin trieb ihn die nationalsozialistische Herrschaft ins Pariser Exil, wo er sich 1940 beim Einmarsch der deutschen Truppen das Leben nahm.
Biografie↑
Geboren wurde Ernst Weiß am 28. August 1882 in Brünn als Sohn des Tuchhändlers Gustav Weiß und dessen Frau Berta, geborene Weinberg. Die Familie war jüdisch. Als Ernst vier Jahre alt war, starb 1886 der Vater; danach wurde ein Verwandter, vermutlich ein Bruder der Mutter, zum Vormund bestellt. Weiß hatte drei Geschwister, darunter den älteren Bruder Egon, der später Richter und Juraprofessor an der Deutschen Universität in Prag wurde. Über seine Kindheit ist wenig überliefert.
Trotz finanzieller Schwierigkeiten und mehrerer Schulwechsel – er besuchte unter anderem Gymnasien in Leitmeritz und Arnau – legte Weiß 1902 in Brünn die Matura ab. Anschließend studierte er in Prag und Wien Medizin und wurde 1908 an der Universität Wien zum Doktor der Medizin promoviert. Danach ließ er sich an Kliniken in Bern und Berlin zum Chirurgen ausbilden. Seit 1911 arbeitete er im Wiedner Spital in Wien in der chirurgischen Abteilung, die von Julius Schnitzler geleitet wurde, einem Bruder des Schriftstellers Arthur Schnitzler.
Nach einer Erkrankung an Lungentuberkulose war Weiß 1912 und 1913 als Schiffsarzt beim Österreichischen Lloyd tätig und kam so nach Indien, Japan und in die Karibik. Im Juni 1913 lernte er Franz Kafka kennen, der ihn in seinem Schreiben bestärkte. Noch im selben Jahr debütierte Weiß mit dem Roman Die Galeere. Ebenfalls 1913 begegnete er Rahel Sanzara, einer Tänzerin und Schauspielerin, die für viele Jahre seine Lebensgefährtin wurde. Im Sommer 1914 verbrachten die beiden gemeinsam mit Kafka einige Tage im dänischen Badeort Marielyst.
Mit Kriegsbeginn wurde Weiß 1914 einberufen und diente wegen seines angegriffenen Gesundheitszustands als Sanitäts- beziehungsweise Regimentsarzt in der Etappe und an der Ostfront. Zum Pazifisten geworden, verarbeitete er seine Kriegserlebnisse später literarisch. Nach dem Krieg ließ er sich als Arzt in Prag nieder und wirkte 1919 und 1920 im dortigen Allgemeinen Krankenhaus. Nach einem kurzen Aufenthalt in München zog er Anfang 1921 nach Berlin und lebte fortan als freier Schriftsteller, unter anderem als Mitarbeiter des Berliner Börsen-Couriers. Zwischen 1926 und 1931 wohnte er in Berlin-Schöneberg, wo eine Gedenktafel an ihn erinnert. Im selben Haus wohnte zeitweise der eng mit ihm befreundete Ödön von Horváth.
Im Jahr 1928 gewann Weiß beim Kunstwettbewerb der Olympischen Spiele in Amsterdam eine Silbermedaille für seinen Roman Boëtius von Orlamünde. Dass er dabei für das Deutsche Reich antrat, deutet darauf hin, dass er in den 1920er Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben könnte. Für denselben Roman, seit 1930 unter dem Titel Der Aristokrat erschienen, erhielt er zudem den Adalbert-Stifter-Preis; die Angaben zu Ort und Jahr dieser Auszeichnung gehen in den Quellen auseinander. In diesen Jahren zeigte sich Weiß modernen Techniken aufgeschlossen: Er besaß eine Kamera und ein Grammophon und trat auch im Rundfunk auf, so 1929 mit einer Radiolesung.
Kurz nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 verließ Weiß Berlin für immer und kehrte nach Prag zurück, um seine Mutter zu pflegen. Nach deren Tod im Januar 1934 emigrierte er nach Paris. Dort erhielt er als Arzt keine Arbeitserlaubnis und schrieb für Emigrantenzeitschriften wie Die Sammlung, Das Neue Tage-Buch und Maß und Wert. Da ihn diese Arbeiten nicht ernährten, unterstützten ihn Thomas Mann und Stefan Zweig. Seinen letzten Roman Der Augenzeuge schloss er 1939 ab. Als Weiß am 14. Juni 1940 den Einmarsch der deutschen Truppen in Paris miterlebte, nahm er sich in seinem Hotelzimmer das Leben; er starb am folgenden Tag im Alter von 57 Jahren im nahen Krankenhaus. Ein großer Koffer mit unveröffentlichten Manuskripten ist seither verschwunden, auch die Lage seines Grabes ist ungeklärt.
Literarische Merkmale↑
Ein großer Teil von Weiß’ Werk, vor allem Prosa, ist im Arztmilieu angesiedelt und stellt seelische Vorgänge in den Mittelpunkt. Sein erster Roman Die Galeere zeigt in seiner symbolistischen Anlage und im Psychologisieren der Handlung deutliche Einflüsse der Erzählweise Arthur Schnitzlers. Die folgenden Veröffentlichungen bis Anfang der 1920er Jahre sind laut der Neuen Deutschen Biographie dem Expressionismus verpflichtet.
Immer wieder kreisen seine Bücher um Sexualität als bestimmenden Faktor menschlicher Beziehungen, um Verbrechen und um Vaterkonflikte. Der Roman Der Kampf, später unter dem Titel Franziska neu gefasst, schildert den Zwiespalt einer Pianistin zwischen Karriere und Privatleben; Kafka sah den Text vor der Veröffentlichung durch. Solche Themen prägen auch Tiere in Ketten und dessen Fortsetzung Nahar sowie die Romane Georg Letham, Arzt und Mörder und Der Verführer. Die Kriminalstudie Der Fall Vukobrankovics ist im Stil der Neuen Sachlichkeit gehalten.
Seine Kriegserlebnisse verarbeitete Weiß im Gedichtband Das Versöhnungsfest und im Roman Mensch gegen Mensch. Im Pariser Exil wandte er sich der Frage nach den Ursachen des Nationalsozialismus zu, etwa im Roman Der Gefängnisarzt oder Die Vaterlosen. Sein bekanntestes Werk, Der Augenzeuge, ist als fiktive ärztliche Autobiografie angelegt, die Parallelen zu Weiß’ eigenem Leben aufweist: Ein Arzt heilt im Ersten Weltkrieg einen Gefreiten namens A. H. von einer hysterischen Blindheit und wird dadurch mitschuldig am Aufstieg Hitlers. Die Forschung hat sich besonders mit Weiß’ Technik des unzuverlässigen Ich-Erzählers beschäftigt.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten fand Weiß durchaus Anerkennung. Für den Roman Boëtius von Orlamünde erhielt er 1928 den Literaturpreis des olympischen Kunstwettbewerbs in Amsterdam und den Adalbert-Stifter-Preis. Bereits 1918 war ihm das Goldene Verdienstkreuz am Bande der Tapferkeitsmedaille verliehen worden. Stefan Zweig zählte die erst 1995 in Prag wiederaufgefundene Novelle Jarmila zu den stärksten Texten von Weiß.
Nach 1945 geriet Weiß fast in Vergessenheit. Seine Wiederentdeckung begann erst mit der Veröffentlichung von Der Augenzeuge im Jahr 1963 und mit der in den 1970er Jahren einsetzenden wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit seinem Werk. In der Forschung gilt er als einer der seltenen Autoren, die Arztromane – so R. Schneider – „jenseits der Trivialität“ verfasst haben. Seit 1973 erscheinen die von Peter Engel herausgegebenen Weiß-Blätter, und zahlreiche Studien widmen sich seinem Werk, darunter Peter Engel und Hans-Harald Müller, die ihn als „Seelenanalytiker und Erzähler von europäischem Rang“ würdigten.
Weiß’ Freitod fand auch literarischen Widerhall. Anna Seghers verarbeitete ihn in ihrem Exilroman Transit, in dem er als Vorbild für die Figur des Schriftstellers Weidel diente. Seghers betonte, einige Teile der Handlung seien reine Erfindung, verwies aber zugleich auf die reine Tatsache, dass Weiß sich beim Einzug der Deutschen in Paris das Leben genommen habe. Neben seinem eigenen Schaffen wirkte Weiß als Übersetzer französischer Autoren wie Balzac, Maupassant, Proust und Daudet; einige dieser Übersetzungen werden bis heute aufgelegt.
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