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Porträt Peter Weiss
Peter Weiss
1916 – 1982
– Autorenporträt –

Peter Weiss

1916 – 1982 · 65 Jahre

Deutsch-schwedischer Schriftsteller, Maler und Filmemacher, der als politisch engagierter Dramatiker und Verfasser des Romans „Die Ästhetik des Widerstands“ die Nachkriegsliteratur prägte.

Kurzporträt

Als deutsch-schwedischer Schriftsteller, Maler und Experimentalfilmer prägte Peter Weiss (1916–1982) die deutsche Nachkriegsliteratur auf mehreren Feldern zugleich. Er trat als Vertreter einer genau beobachtenden Beschreibungsliteratur hervor, als Verfasser autobiografischer Prosa und als politisch engagierter Dramatiker. Internationalen Erfolg erzielte er mit dem Stück Marat/Sade, das in den USA mit dem Tony Award ausgezeichnet wurde. Sein Auschwitz-Stück Die Ermittlung löste Mitte der 1960er Jahre breite Auseinandersetzungen über den Umgang mit der NS-Vergangenheit aus. Als sein Hauptwerk gilt der dreibändige Roman Die Ästhetik des Widerstands, den die Wikipedia zu den gewichtigsten deutschsprachigen Werken der 1970er und 1980er Jahre zählt.


Biografie

Geboren wurde Peter Ulrich Weiß am 8. November 1916 in Nowawes bei Potsdam. Wikidata nennt als Geburtsort Nowawes, die Deutsche Nationalbibliothek dagegen Potsdam-Babelsberg; gemeint ist derselbe Ort, der historisch als Nowawes bezeichnet wurde. Er war der älteste Sohn der aus der Schweiz stammenden Schauspielerin Frieda Weiß und des ungarischen Textilkaufmanns Eugen „Jenö“ Weiss. Der Vater nahm nach dem Ersten Weltkrieg die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft an. Peter Weiss hatte zwei Halbbrüder aus der ersten Ehe der Mutter sowie drei jüngere Geschwister.

Nach der Entlassung des Vaters aus dem Militärdienst siedelte die Familie 1918 nach Bremen über. Dort gründete Jenö Weiß ein erfolgreiches Textilwarengeschäft, das der Familie einen gehobenen Lebensstandard verschaffte. 1920 konvertierte der Vater zum Christentum; über seine jüdische Herkunft wurde in der Familie fortan nicht mehr gesprochen. 1929 kehrte die Familie nach Berlin zurück, wo Weiss das Heinrich-von-Kleist-Realgymnasium in Schmargendorf besuchte. In diesen Jahren entwickelte er ein starkes Interesse an Kunst und Literatur und las nach eigener Erinnerung Hermann Hesse, Thomas Mann und Bertolt Brecht. Unter Anleitung des Malers Eugen Spiro begann er zu malen; seine Vorbilder waren die deutschen Expressionisten Emil Nolde, Paul Klee und Lyonel Feininger. Auf Betreiben des Vaters wechselte er vom Gymnasium auf eine Handelsschule.

Bald nach der nationalsozialistischen Machtübernahme begann die Emigration. Von Anfang 1935 bis Ende 1936 lebte die Familie nahe London, wo Weiss die Polytechnic School of Photography besuchte und erste Bilder malte. Kurz zuvor war seine jüngere Schwester Margit Beatrice an den Folgen eines Autounfalls gestorben, ein Verlust, den Weiss als Beginn der Auflösung der Familie erlebte. 1936 zog die Familie in die nordböhmische Stadt Warnsdorf. Über sein Manuskript stellte Weiss 1937 Kontakt zu Hermann Hesse her, der ihn in seinen künstlerischen Ambitionen bestärkte und den er im Tessin besuchte. Auf Hesses Zuspruch hin nahm er im Herbst 1937 ein Studium an der Kunstakademie Prag bei dem Maler Willi Nowak auf und erhielt 1938 den Akademiepreis. Nachdem NS-Deutschland im Oktober 1938 das Sudetenland besetzt hatte, wurde ihm die Rückkehr nach Warnsdorf unmöglich. Die Eltern übersiedelten nach Südschweden, wo der Vater eine Textilfabrik leitete. Weiss ging zunächst in die Schweiz und erlebte ab Februar 1939 in Schweden das Emigrantenschicksal als 22-Jähriger mit voller Härte.

Ende 1940 zog Weiss nach Stockholm, wo er bis zu seinem Tod überwiegend lebte. Er widmete sich zunächst der Malerei und hatte 1941 eine erste Ausstellung, die er als herben Fehlschlag empfand. 1942 nahm er ein Studium an der Stockholmer Kunstakademie auf und heiratete 1943 die schwedische Malerin und Bildhauerin Helga Henschen; 1944 kam die Tochter Rebecca zur Welt. Am 8. November 1946 erhielt er die schwedische Staatsbürgerschaft. 1947 veröffentlichte er bei Albert Bonnier den Prosaband Från ö till ö (Von Insel zu Insel). Als Korrespondent schrieb er Reportagen aus dem zerstörten Berlin, die er literarisch zu dem Text De besegrade (Die Besiegten) verdichtete. Nach der Scheidung von Helga Henschen heiratete er 1949 Carlota Dethorey, mit der er den Sohn Paul hatte.

Ab 1952 arbeitete Weiss als Lehrbeauftragter an der Stockholmer Hochschule und lehrte Filmtheorie und Bauhaus-Theorie. Er drehte die Experimentalfilme Studie I bis V und fasste seine Überlegungen 1956 im Buch Avantgardefilm zusammen. Bis 1961 entstanden zahlreiche Dokumentar- und Spielfilme, darunter 1959 Hägringen (Fata Morgana). Auf Vermittlung Walter Höllerers nahm der Suhrkamp Verlag Weiss’ bereits 1952 entstandenen Text Der Schatten des Körpers des Kutschers an, der 1960 erschien und ihn als Avantgardisten bekannt machte. 1961 folgte die Erzählung Abschied von den Eltern, 1962 der Roman Fluchtpunkt, für den er den Charles-Veillon-Preis erhielt. Im selben Jahr nahm er erstmals an einem Treffen der Gruppe 47 teil. 1964 heiratete er die Bühnenbildnerin und Bildhauerin Gunilla Palmstierna.

Am 29. April 1964 wurde am Berliner Schillertheater das später als Marat/Sade bekannte Drama uraufgeführt; Regie führte Konrad Swinarski. In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre wandte sich Weiss dem Dokumentartheater zu. Sein späteres Romanprojekt Die Ästhetik des Widerstands stieß zunächst auf vielfache Ablehnung in den Feuilletons: Man warf ihm vor, seine künstlerische Identität der politischen Parteinahme geopfert und keine lebendige Handlung geschaffen zu haben. Mit dem Erscheinen von Band zwei und drei 1978 und 1981 setzte ein Bewertungswandel hin zu mehrheitlich positiven Besprechungen ein. 1981 veröffentlichte Weiss seine Notizbücher 1971–1980, denen postum die Notizbücher 1960–1971 folgten. 1982 wurde in Stockholm unter seiner Regie das Stück Der neue Prozess nach Franz Kafka uraufgeführt. Am 2. Mai 1982 lehnte er die ihm angetragenen Ehrendoktorwürden der Universitäten Rostock und Marburg ab. Kurz nach der Premiere starb Peter Weiss am 10. Mai 1982 in einer Stockholmer Klinik an einem Herzinfarkt. Wenige Tage zuvor hatte er erfahren, dass ihm die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den Georg-Büchner-Preis zuerkennen wollte. Seinen Nachlass verwahrt seit 1986 die Akademie der Künste.


Literarische Merkmale

Von Anfang an gingen bei Peter Weiss bildende Kunst und Schreiben Hand in Hand. Seine Malerei kreist um wiederkehrende Themen: Isolation, Verfolgung, Ausgeliefertsein, Einsamkeit und Tod. Diese Bilder sind laut der Deutschen Biographie Ausdruck eines existenziell empfundenen Außenseitertums, das auch seine literarischen Arbeiten bis Ende der 1950er Jahre prägte. In den frühen Texten wirkte das Vorbild Franz Kafkas nach, in den 1950er Jahren kamen Einflüsse der französischen Surrealisten und Existentialisten hinzu. Die frühen Erzähltexte entstanden unter dem Eindruck der Psychoanalyse, wobei Weiss gleichzeitig mit grotesken Stilformen und realistischen Konzepten experimentierte.

Sein Filmwerk fasste dieselben Motive zusammen: Jahrmarkt und große Stadt, Einsamkeit und Ausbruchsversuche, einschließende Mauern und die offene Helle des Strands, scheiternde Liebe und erdrückende Verfolgung. Der experimentelle Spielfilm Hägringen von 1959 gilt der Deutschen Biographie als Summe dieser Bildwelt, und sein Buch Avantgardefilm von 1956 wird dort als filmhistorische Pioniertat bezeichnet.

In der Prosa entwickelte Weiss eine Methode der minutiösen Beschreibung, bei der der Erzähler seine Umgebung bis ins kleinste Detail erfasst. Diese Technik in Der Schatten des Körpers des Kutschers fand zahlreiche Nachahmer und machte ihn zu einem viel imitierten literarischen Avantgardisten. In den 1960er Jahren wandte er sich dem Theater zu. In Marat/Sade verhandelt er die Frage nach dem Selbstverständnis und der politischen Aufgabe des Künstlers und thematisiert zugleich die „Gefängnisse des Innern“ und die der „Ordnungshüter“. Als führender Vertreter des Dokumentartheaters bearbeitete er in Die Ermittlung das Holocaustthema. Die dabei erkannte Deutung des Völkermords als extreme Form der Ausbeutung lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Befreiungskämpfe in der sogenannten Dritten Welt.


Rezeption

Zunächst machte sich Weiss in den 1940er Jahren in Schweden vor allem als Maler einen Namen, ehe er sich literarischen Versuchen im Stil der schwedischen Fyrtiotalisten sowie Collagen und filmischen Studien zuwandte. Der internationale Durchbruch als Schriftsteller kam in den 1960er Jahren mit dem Theater. Marat/Sade brachte ihm internationalen Erfolg und in den USA den Tony Award ein; das Stück nahm nach Einschätzung der Deutschen Biographie Diskussionen der Neuen Linken nach 1968 vorweg.

Als Vertreter des Dokumentartheaters löste er mit Die Ermittlung Mitte der 1960er Jahre breite Auseinandersetzungen über den Umgang mit der NS-Vergangenheit aus. Die Deutsche Biographie nennt das Stück bis heute eine der anspruchsvollsten künstlerischen Bearbeitungen des Holocaustthemas in der deutschsprachigen Literatur. Umstritten blieb dabei seine These, der Holocaust sei kein singuläres Ereignis, sondern mit anderen Formen des Völkermords vergleichbar.

Sein Spätwerk Die Ästhetik des Widerstands erfuhr einen auffälligen Wandel in der Bewertung. Der als Autor von Marat/Sade gefeierte Weiss stieß mit dem ersten Band zunächst auf vielfache Ablehnung: Kritiker warfen ihm vor, seine ästhetischen Maßstäbe und damit seine Identität als Künstler der politischen Parteinahme geopfert zu haben. Mit den Bänden zwei und drei 1978 und 1981 kippte das Urteil hin zu mehrheitlich positiven Besprechungen. Zahlreiche Ehrungen begleiteten das Spätwerk: Weiss erhielt die Literaturpreise der Städte Köln und Bremen, und wenige Tage vor seinem Tod erfuhr er von der Absicht, ihn mit dem Georg-Büchner-Preis auszuzeichnen. Die Berliner „Volksuni“ trug nach seinem Tod mit Sammelbänden und Tagungen zur weiteren Verbreitung seines Hauptwerks bei.

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