1822 – 1856
Georg Weerth
Kurzbiografie↑
Georg Weerth war ein deutscher Schriftsteller, Journalist und Kaufmann, der 1822 in Detmold geboren wurde und 1856 mit nur 34 Jahren in Havanna starb. Zeit seines Lebens verdiente er sein Geld als kaufmännischer Angestellter und Handelsreisender, doch bekannt wurde er durch seine Gedichte, Reiseskizzen und Sozialreportagen. Weerth verkehrte mit Friedrich Engels und Karl Marx und arbeitete an der von Marx geleiteten Neuen Rheinischen Zeitung mit, wo er das Feuilleton leitete. Dort erschien seine Adelssatire Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski, die ihm später eine Haftstrafe eintrug. Engels nannte ihn „den ersten und bedeutendsten Dichter des deutschen Proletariats“.
Biografie↑
Am 17. Februar 1822 kam Georg Ludwig Weerth in Detmold zur Welt. Sein Vater Ferdinand Weerth war Pfarrer und Generalsuperintendent für das Fürstentum Lippe, seine Mutter Wilhelmina war die Tochter eines Pfarrers. Nachdem der Vater 1836 mehrere Schlaganfälle erlitten hatte und seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte, verließ Weerth das Gymnasium und begann eine kaufmännische Lehre in der Textilbranche. In der Freizeit lernte er Französisch und Englisch für die fremdsprachige Handelskorrespondenz.
In der Forschung nicht ganz einheitlich dargestellt ist der Ort dieser Lehre: Nach Wikipedia begann er sie am 16. September 1838 in Elberfeld bei der Handlung J. H. Brink & Co., während die Neue Deutsche Biographie eine kaufmännische Lehre 1836 bis 1840 in Barmen nennt. Einig ist man sich, dass Weerth in dieser Zeit wichtige Bekanntschaften schloss. Er lernte Hermann Püttmann kennen, einen Redakteur der liberalen Barmer Zeitung, der ihn mit der Literatur vertraut machte und für die soziale Frage sensibilisierte. 1838 befreundete er sich mit Ferdinand Freiligrath und trat dessen „Literaten-Kränzchen“ bei, einem Kreis, der sich in Barmen zum Vortrag von Gedichten traf.
1840 zog Weerth nach Köln und arbeitete dort in der Verwaltung von Bleierzbergwerken, laut der Deutschen Biographie als Buchhalter. 1842 ging er nach Bonn in die Baumwollspinnerei Weerth & Peill, die einem Verwandten gehörte. Neben der Arbeit hörte er Vorlesungen an der Bonner Universität, unter anderem bei den Philologen Heinrich Düntzer und August Wilhelm von Schlegel. Durch Vermittlung Freiligraths wurde er Mitglied im „Maikäferkreis“ um Gottfried Kinkel. Sein erstes Gedicht Der steinerne Knappe war bereits 1841 erschienen. Nachdem Weerth 1843 in Bonn zur Aufdeckung eines politischen Skandals um den Bürgermeister beigetragen hatte, musste er um seine Entlassung bitten.
Im selben Jahr reiste er nach England und ließ sich als kaufmännischer Angestellter der Textilfirma Passavant & Co. in Bradford nieder. Diese Jahre prägten und politisierten ihn nachhaltig. Über einen befreundeten Arzt, der in den Arbeitervierteln praktizierte, lernte er die Armut und Not der Fabrikarbeiter kennen. In dieser Zeit machte er die Bekanntschaft von Friedrich Engels und 1845 die von Karl Marx. Weerth schloss sich der kommunistischen Bewegung an und arbeitete nebenbei als Kurier für den Bund der Kommunisten. 1846 ging er als Handelsvertreter der Firma Emanuel & Son nach Brüssel und veröffentlichte Artikel in der Deutschen Brüsseler Zeitung. Im September 1847 hielt er auf einem Kongress eine international beachtete Rede.
Als 1848 in Frankreich die Revolution ausbrach, reiste Weerth nach Paris. Im Frühjahr ging er mit Marx und Engels nach Köln, um bei der Gründung der Neuen Rheinischen Zeitung mitzuhelfen. Von der ersten Ausgabe am 1. Juni 1848 bis zur Einstellung am 19. Mai 1849 gehörte er zur Redaktion, arbeitete als politischer Redakteur und leitete das Feuilleton. Dieses knappe Jahr war seine produktivste Zeit; insgesamt erschienen von ihm mehr als 240 Artikel in dem Blatt. Hier veröffentlichte er 1848/49 in Fortsetzungen seine Adelssatire Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski. Vorbild für die Titelfigur war der Fürst Felix von Lichnowsky. Der Name spielte auf Heinrich Heines Epos Atta Troll an, in dem dieser Ritter kurz auftaucht. Als Lichnowsky im September 1848 ermordet wurde, brachte das Weerth ein Verfahren wegen Verunglimpfung des Verstorbenen ein. Im Januar 1850 wurde er zu drei Monaten Haft und dem Verlust seiner Bürgerrechte verurteilt; im Frühjahr 1850 verbüßte er die Strafe in Köln.
Enttäuscht vom Scheitern der Revolution veröffentlichte Weerth danach nichts Literarisches mehr. Er unternahm lange Handelsreisen durch halb Europa. Auf einer Rückreise besuchte er in Paris sein Dichtervorbild Heinrich Heine. Ende 1852 übernahm er die Agentur der Firma Steinthal & Co. für Westindien, zog auf die Karibikinsel Saint Thomas und bereiste von dort aus Mittel- und Südamerika. In Briefen an seine Mutter schilderte er anschaulich, wie er den Vulkan Chimborazo bestieg, über die Anden ritt und Mexiko durchquerte. 1855 machte er in Southampton seiner Cousine Betty Tendering einen Heiratsantrag, den sie ablehnte. 1856 siedelte er nach Havanna über. Auf einer Geschäftsreise erkrankte er an Fieber; der behandelnde Arzt diagnostizierte zu spät eine auf zerebrale Malaria zurückzuführende Hirnhautentzündung. Am 30. Juli 1856 starb Georg Weerth im Alter von 34 Jahren in Havanna. Seit 1974 erinnert dort eine Gedenktafel an ihn. Sein Nachlass ist auf Archive in Amsterdam, Moskau und Detmold verteilt.
Literarische Merkmale↑
Zwei Welten prägen Weerths Schaffen: die des Kaufmanns und die des Dichters. Seine berufliche Tätigkeit als Handelsreisender führte ihn quer durch Europa und Amerika, und aus diesen Reisen speiste sich ein Gutteil seines literarischen Werks. Neben Gedichten schrieb er zunehmend Reiseskizzen und Sozialreportagen, die er im Feuilleton der Kölnischen Zeitung und in sozialistischen Jahrbüchern veröffentlichte. In seiner frühen Lyrik und in Prosatexten stand er laut der Deutschen Biographie ganz in der Tradition der Romantik.
Seine Erfahrungen in den englischen Industriestädten flossen unmittelbar in sein Schreiben ein. Aus der Anschauung von Armut und Not der Textilarbeiter entstanden Texte wie Lieder aus Lancashire und Berichte über das englische Armenwesen und die Arbeiterbewegung. Sein politisches Weltbild spiegelt sich in diesen Gedichten wider.
Am bekanntesten wurde Weerths satirischer und humoristischer Ton. In den Humoristischen Skizzen aus dem deutschen Handelsleben nahm er die Kaufmannswelt aufs Korn, die er selbst kannte. Mit der Fortsetzungsserie Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski schuf er nach der Deutschen Biographie den ersten deutschen Feuilletonroman. Die Abenteuer seines Titelhelden gestaltete er als pikareske, also schelmenhafte Geschichte, deren Stoff die amourösen Affären eines Fürsten lieferten.
Rezeption↑
Am nachhaltigsten wirkt bis heute das Urteil von Friedrich Engels, der Weerth als „den ersten und bedeutendsten Dichter des deutschen Proletariats“ bezeichnete. Diese Nähe zu Marx und Engels und zur frühen Arbeiterbewegung bestimmte lange, wie Weerth wahrgenommen und weitergegeben wurde. So erschienen Sammlungen wie Gedichte der Arbeiterbewegung, und mehrere seiner Lieder aus Lancashire wurden vertont.
Sein Nachlass wurde nach seinem Tod zu einem gesuchten Gut. Wichtige Werkmanuskripte gelangten ins Internationale Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam, wohin sie 1936 in zwei Kisten für 5000 Mark verkauft worden waren. Ein weiterer Teil der Originalhandschriften liegt im Marx-Engels-Institut in Moskau, angekauft in den 1920er Jahren. In der Lippischen Landesbibliothek Detmold wurden Gedicht-Autographen, sein Handexemplar der Neuen Rheinischen Zeitung und mehrere hundert Briefe für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Die editorische und wissenschaftliche Beschäftigung mit Weerth hält an. Bruno Kaiser gab in den 1940er und 1950er Jahren ausgewählte und schließlich sämtliche Werke in fünf Bänden heraus, später erschienen kritische Ausgaben seiner Briefe und bislang unveröffentlichter Texte. Eine eigene Bibliographie verzeichnet die Forschung fortlaufend, und 2020 widmete ihm die Neue Deutsche Biographie einen Artikel. In Havanna erinnert seit 1974 eine Gedenktafel an den Dichter aus Detmold.
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