1864 – 1918
Frank Wedekind
Kurzporträt↑
Frank Wedekind (1864–1918) war ein deutscher Dramatiker, Dichter, Schauspieler und Kabarettist. Seine Bühnenstücke provozierten das wilhelminische Bürgertum so heftig wie kaum ein anderer Autor seiner Zeit. Mit Frühlings Erwachen, Erdgeist und Die Büchse der Pandora wandte er sich gegen Schulzwang, Scheinmoral und Prüderie. Er führte das deutsche Theater über den Naturalismus hinaus in Richtung einer anti-illusionistischen Bühnenform. Seine Texte wurden wiederholt zensiert, beschlagnahmt und vor Gericht gebracht. Ihn selbst trug eine sechsmonatige Festungshaft wegen Majestätsbeleidigung mit. Trotz, oder gerade wegen dieser Skandale gehörte Wedekind in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zu den meistgespielten Dramatikern auf den deutschsprachigen Bühnen.
Biografie↑
Benjamin Franklin Wedekind kam am 24. Juli 1864 in Hannover zur Welt. Sein Vater Friedrich Wilhelm Wedekind war Gynäkologe und hatte zehn Jahre lang als Arzt am Hof des türkischen Sultans gedient. Nach der gescheiterten Märzrevolution von 1848/49 war er nach San Francisco ausgewandert. Dort erwarb er mit Grundstücksspekulationen während des kalifornischen Goldrauschs ein bedeutendes Vermögen. Er heiratete die Sängerin und Schauspielerin Emilie Kammerer, Tochter des Erfinders Friedrich Kammerer. 1864 kehrte die Familie nach Hannover zurück. Aus Opposition gegen das neugegründete preußisch-deutsche Reich siedelte sie 1872 in die Schweiz über. Der Vater kaufte das Schloss Lenzburg im Kanton Aargau, wo Frank seine Jugendzeit verbrachte.
Wedekind besuchte die Lenzburger Gemeinde- und Bezirksschule, ab 1879 die Kantonsschule in Aarau. Dort gründete er mit Mitschülern den Dichterbund Senatus Poeticus. In dieser Zeit entstand ein beträchtlicher Teil seiner an Goethe und Heine geschulten Gedichte. Nach der Matura 1884 begann er ein Studium der deutschen und französischen Literatur in Lausanne. Noch im selben Jahr wechselte er auf Wunsch seines Vaters nach München zu einem Jurastudium, das er 1886 abbrach. Er arbeitete als Werbetexter für den Lebensmittelfabrikanten Julius Maggi, kurzzeitig als Sekretär beim Zirkus Herzog und als freier Journalist, unter anderem für die Neue Zürcher Zeitung. In Zürich schloss er sich dem literarischen Zirkel "Das junge Deutschland" um Karl Henckell, John Henry Mackay sowie Carl und Gerhart Hauptmann an. 1888 nahm er in Zürich ein zweites Jurastudium auf. Nach dem Tod des Vaters im Oktober desselben Jahres brach er es jedoch ab. Das beträchtliche Erbe verschaffte ihm zunächst finanzielle Unabhängigkeit, war aber bereits nach wenigen Jahren aufgebraucht.
1889 zog Wedekind nach München, knüpfte Kontakt zu Otto Julius Bierbaum und trat 1891 der "Gesellschaft für modernes Leben" bei. Für seine frühen Dramen Der Schnellmaler, Kinder und Narren und Frühlings Erwachen fand er zunächst weder einen Verleger noch eine Bühne. Ende 1891 ging er deshalb nach Paris, wo er bis Ende 1894 lebte und den späteren Verleger Albert Langen kennenlernte. In dieser Pariser Zeit entstand Die Büchse der Pandora. Eine Monstretragödie. Sie wurde später in die Doppeltragödie Lulu mit Der Erdgeist (1895) und Die Büchse der Pandora (1903) aufgeteilt. Ebenfalls in Paris entstand die erste Fassung des fragmentarisch gebliebenen Romans Mine-Haha. 1896 kehrte er nach München zurück und wurde Mitbegründer der Satirezeitschrift Simplicissimus. Dort veröffentlichte er unter wechselnden Pseudonymen wie "Hieronymos" oder "Kaspar Hauser". 1897 ging aus einer Affäre mit Frida Strindberg, der Frau August Strindbergs, der Sohn Friedrich Strindberg hervor.
Das satirische Gedicht Im heiligen Land über Kaiser Wilhelms II. Palästinareise zwang Wedekind 1898 zur Flucht nach Zürich und Paris. 1899 stellte er sich der deutschen Polizei und wurde wegen Majestätsbeleidigung verurteilt. Die Strafe verbrachte er auf der Festung Königstein. Wikipedia berichtet von sechs Monaten Haft vom 21. September 1899 bis zur Begnadigung im Februar 1900, die Deutsche Biographie spricht von sieben Monaten. In diesem Punkt weichen die Quellen voneinander ab. 1901/02 wirkte er im Münchner Kabarett "Die Elf Scharfrichter" mit und trug dort eigene Lieder zur Gitarre vor, darunter die Moritat Der Tantenmörder. 1906 heiratete er in Berlin die Schauspielerin Tilly Newes, die in vielen seiner Stücke die Hauptrolle spielte. Aus der Ehe gingen die Töchter Pamela und Kadidja hervor. Im selben Jahr endete der Berliner Prozess gegen ihn und seinen Verleger Bruno Cassirer wegen Die Büchse der Pandora mit Freispruch.
Den Höhepunkt seines Erfolgs erlebte Wedekind ab 1910 in Berlin. Dort inszenierte Max Reinhardt am Deutschen Theater 1912 den ersten und 1914 den zweiten Wedekind-Zyklus mit großem Publikumserfolg. Eine Rede mit dem Titel Deutschland bringt die Freiheit am Patriotischen Abend der Münchner Kammerspiele im September 1914 löste wegen ihres nationalistischen Tons Irritationen aus. Wedekinds Haltung zum Krieg gilt bis heute als umstritten. Ende 1914 ließ er sich wegen einer Blinddarmentzündung operieren. Komplikationen, Fisteln und Narbenbrüche machten vier weitere Eingriffe nötig, ohne die starken Schmerzen zu lindern. Frank Wedekind starb am 9. März 1918 in München an Herzschwäche und Lungenentzündung. Er wurde auf dem Münchner Waldfriedhof beigesetzt. An der Trauerfeier nahmen neben zahlreichen Künstlern – darunter Bertolt Brecht – auch viele Frauen aus dem Rotlichtmilieu teil; sie geriet zum Skandal.
Literarische Merkmale↑
Wedekinds Bühnenwerke entfernten sich bewusst vom Naturalismus, der zu Beginn seiner Schaffenszeit die deutschsprachige Bühne beherrschte. Laut der Deutschen Biographie ist sein Erdgeist 1898 in Leipzig "die erste Inszenierung überhaupt eines seiner antinaturalistischen Werke" gewesen. Seine Dramen arbeiten mit Prolog und Monolog, mit eingeschobenen Gedichten und Liedern, mit Tänzen, Spiel im Spiel und Zitatmontage. Gerade in Bismarck wird daraus, wie die NDB anmerkt, das erste deutsche Dokumentarstück. Diese Elemente eines epischen Stils kennzeichnen seine Arbeiten seit Frühlings Erwachen und bereiten ein anti-illusionistisches Theater vor, das später für Brecht und andere wegweisend wurde.
Inhaltlich richteten sich seine Stücke gegen schulische Dressur, gegen die Scheinmoral des Bürgertums und gegen die Prüderie der wilhelminischen Gesellschaft. Wedekind griff Geschlechterrollen, Erziehung, Ehe, Familie, Macht und Zensur an und scheute weder das politisch Heikle noch das sexuell Anstößige. Frühlings Erwachen zeigt jugendliche Sexualität sehr direkt, einschließlich sadomasochistischer Motive. Das Stück konnte deshalb erst sehr spät komplett aufgeführt werden und unterlag wiederholt Aufführungsverboten. Ähnliches gilt für Die Büchse der Pandora, deren erste Auflage 1904 wegen Unzüchtigkeit beschlagnahmt wurde. Auch in Schloss Wetterstein, Musik und Der Marquis von Keith verhandelte Wedekind Themen wie den Abtreibungsparagraphen 218, Prostitution und männliche Gewalt.
Charakteristisch ist die grotesk-überzeichnete Darstellung. Auf der Bühne provozierte Wedekind das bürgerliche Publikum mit Figuren, die wie aus dem Zirkus oder dem Kabarett zu kommen schienen. Nicht zufällig hatte ihn die Welt des Zirkus seit seiner Münchner Jugendzeit lebenslang fasziniert. Auch als Verfasser von Balladen und Bänkelliedern wie Der Tantenmörder, Brigitte B. oder Der Zoologe von Berlin mischte er die hohe Bühnenkunst mit Formen der Straße und des Kabaretts; diese Lieder trug er selbst zur Laute oder zur Gitarre vor. Laut der Deutschen Biographie war der politisch liberal eingestellte und pazifistische Wedekind dadurch "der von der Zensur am meisten verfolgte Theaterautor" seiner Zeit.
Rezeption↑
Zu Wedekinds Lebzeiten verlief die öffentliche Wahrnehmung in scharfen Wellen zwischen Skandal und Triumph. Frühe Dramen fanden zunächst weder Verleger noch Bühne. Erst Carl Heines Leipziger Uraufführung des Erdgeists 1898 öffnete eine erste Tür. Sie wurde durch die Verurteilung wegen Majestätsbeleidigung sofort wieder verstellt. Den großen Erfolg brachten Richard Vallentins Erdgeist-Inszenierung am Berliner Kleinen Theater 1902 und Georg Stollbergs Münchner Uraufführung von Hidalla 1905 mit Wedekind in der Hauptrolle. Mit Max Reinhardts Uraufführung von Frühlings Erwachen gelang ihm laut der Deutschen Biographie der "endgültige Durchbruch zu einem der meistgespielten Dramatiker der Vorkriegszeit". Die Wedekind-Zyklen 1912 und 1914 am Berliner Deutschen Theater festigten diesen Rang.
Gleichzeitig blieb sein Werk umstritten. Die Büchse der Pandora wurde 1904 nach der ersten Auflage wegen Unzüchtigkeit beschlagnahmt. Der Berliner Strafprozess gegen Wedekind und seinen Verleger Bruno Cassirer endete erst 1906 mit Freispruch. Karl Kraus führte das Stück 1905 in Wien in geschlossener Gesellschaft auf, nachdem die eigentliche Uraufführung schon 1904 im Nürnberger Intimen Theater stattgefunden hatte. Schloss Wetterstein und Bismarck wurden für die Bühne verboten. Zu seinem Freundes- und Bekanntenkreis zählten Maximilian Harden, Walther Rathenau, Karl Henckell und Otto Julius Bierbaum.
Die literarische Anerkennung schlug sich auch in Ehrungen nieder. 1913 erhielt Wedekind die Ehrengabe der Kölner Johannes-Fastenrath-Stiftung, 1914 eine Ehrengabe zum 50. Geburtstag. Sein Tod 1918 wurde zum öffentlichen Ereignis. Die Grabrede auf dem Münchner Waldfriedhof hielt Ludwig Ganghofer. Die Nachwirkung reicht weit ins 20. Jahrhundert. Brecht nahm an der Beisetzung teil, und Inszenierungen von Leopold Jeßner, Peter Zadek und Einar Schleef hielten Wedekind im Repertoire. Aus dem Lulu-Stoff schuf Alban Berg seine gleichnamige Oper. Deren von Friedrich Cerha vervollständigte Fassung brachte Pierre Boulez 1979 in Paris zur Uraufführung. Die wissenschaftliche Pflege seines Werks tragen die Frank-Wedekind-Gesellschaft (seit 1989) sowie Editions- und Forschungsstellen an der Hochschule Darmstadt (seit 1987) und an der Universität Mainz (seit 2015). Die zwischen 1994 und 2013 erschienene kritische Studienausgabe in acht Bänden und fünfzehn Teilbänden gilt heute als Standardausgabe.
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