1895
Erdgeist
Überblick↑
Die Tragödie Erdgeist von Frank Wedekind erschien 1895. Sie gehört zu den bekanntesten Werken des deutschen Theaters um die Jahrhundertwende. Im Mittelpunkt steht die junge Lulu. Durch ihre ungebändigte Sinnlichkeit fasziniert, beherrscht und zugrunde richtet sie eine Reihe bürgerlicher Männer. Das Stück ist in vier Aufzügen angelegt und richtet sich gegen die Scheinmoral seiner Zeit. Die Uraufführung fand am 25. Februar 1898 im Leipziger Krystallpalast statt. Wedekind übernahm dabei selbst die Rolle des Dr. Schön, und zwar unter dem Pseudonym Heinrich Kammerer. Die Fortsetzung bildet die Tragödie Die Büchse der Pandora von 1902. Später fasste Wedekind beide Stücke unter dem Titel Lulu. Tragödie in 5 Aufzügen mit einem Prolog zu einer Bühnenfassung zusammen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Zentrum des Stücks steht Lulu, ein junges, freizügiges Mädchen, das jeden Mann in seinen Bann zieht. Der wohlhabende Zeitungsverleger Dr. Schön hat sie von der Straße geholt. Zuvor war sie mit ihrem angeblichen Vater, dem alten Ganoven Schigolch, herumgezogen. Schön erzieht Lulu und macht sie zu seiner Geliebten. Zugleich verheiratet er sie an einen anderen, um sich seine eigene gesellschaftliche Karriere offenzuhalten. Der erste Akt führt Lulu in das Atelier des Malers Schwarz, der sie porträtieren soll. Schon hier deutet sich an, dass keine Ordnung lange Bestand hat, in die Lulu hineingestellt wird. Wedekind erzählt ihren Weg in vier Aufzügen, die jeweils eine eigene Station ihres Lebens bilden. Ein Prolog mit einem Tierbändiger kündigt sie als „das wahre Tier, das wilde, schöne Tier“ an und gibt den Ton vor: Das Bürgerliche und das Triebhafte treffen mit voller Wucht aufeinander.
Die Handlung im Detail↑
Im ersten Akt bringt der Medizinalrat Dr. Goll, mit dem Dr. Schön die noch sehr junge Lulu verheiratet hat, sie zum Maler Schwarz, der sie porträtieren soll. Dr. Schön ist mit seinem erwachsenen Sohn Alwa anwesend; beide überreden Goll, mit ihnen zu einer Ballettaufführung aufzubrechen. Lulu bleibt mit dem Maler allein und verführt ihn. Als Goll zurückkommt und die beiden in flagranti erwischt, trifft ihn der Schlag, und er stirbt.
Im zweiten Akt ist Lulu mit dem Maler Schwarz verheiratet, der durch Schöns Förderung zu Ruhm und Geld gelangt ist. Sie ist jedoch weiterhin Schöns Geliebte. Da Schön sich endlich von ihr lösen will, um eine gesellschaftlich passende Verlobung einzugehen, sucht er Schwarz auf und enthüllt ihm Lulus zügelloses Vorleben. Schwarz, zutiefst erschüttert, zieht sich in ein Nebenzimmer zurück und schneidet sich mit einer Rasierklinge die Kehle durch.
Im dritten Akt tritt Lulu als Tänzerin in einer Revue auf. Dr. Schön muss erkennen, dass er ihr nicht entkommen kann. Lulu zwingt ihn, seine Verlobung aufzulösen und sie selbst zu heiraten.
Der vierte Akt zeigt Lulu als Schöns Ehefrau in seinem Haus. Sie betrügt ihn unverhohlen mit einer ganzen Reihe von Männern und Anhängern: mit Schigolch, mit Schöns Sohn Alwa, mit dem großspurigen Artisten Rodrigo Quast und mit der in sie verliebten Gräfin Geschwitz. Als Schön die Bescherung entdeckt, drückt er Lulu einen Revolver in die Hand und versucht, sie zur Selbsttötung zu zwingen. Statt sich selbst tötet sie ihn. Sie wird verhaftet und ins Gefängnis gebracht. Damit endet Erdgeist und liefert zugleich die Ausgangslage für die Fortsetzung Die Büchse der Pandora.
Stil↑
Wedekind gliedert das Stück in einen Prolog und vier Aufzüge. Diese wirken wie abgeschlossene Stationen aus dem Leben der Hauptfigur. Jeder Akt ist auf eine zugespitzte dramatische Situation und auf starke Bühneneffekte hin angelegt: der Schlaganfall, der Selbstmord mit der Rasierklinge, die Tötung mit dem Revolver. Mit dieser Zuspitzung wendet sich Wedekind ausdrücklich gegen den damals herrschenden Naturalismus. Dieser suchte das Alltägliche möglichst nüchtern abzubilden. Schon der Prolog schlägt einen demonstrativ unrealistischen, schaubudenhaften Ton an. In ihm stellt ein Tierbändiger die Figuren wie Raubtiere vor und kündigt Lulu als „das wahre Tier“ an.
Rezeption↑
Das Stück wurde von Wedekind später mit seiner Fortsetzung Die Büchse der Pandora zu einer einzigen Bühnenfassung zusammengefasst. Diese trägt den Titel Lulu. Tragödie in 5 Aufzügen mit einem Prolog. Der Stoff hat eine Reihe von Bearbeitungen angeregt. 1923 verfilmte Leopold Jessner den Erdgeist für das Kino.
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