1902
Die Büchse der Pandora
Überblick↑
Mit der Tragödie Die Büchse der Pandora setzt Frank Wedekind die Geschichte seiner Figur Lulu fort. Diese Figur hatte er zuvor in Erdgeist begonnen. Das Stück in drei Aufzügen erschien 1902. Zusammen mit dem Vorgängerwerk bildet es eine Doppeltragödie über Aufstieg und Fall einer Frau. Wedekind selbst hat sie als „weibliches Triebwesen" und als „Prachtexemplar von Weib" beschrieben. Später fasste er beide Stücke zu der Bühnenfassung Lulu. Tragödie in 5 Aufzügen mit einem Prolog zusammen. Erdgeist zeigt den Aufstieg Lulus, Die Büchse der Pandora schildert ihren sozialen Abstieg. Gemeinsam ergibt das, wie Wedekind sagt, „eine Lebenskurve von extremer Steilheit in beiden Richtungen".
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ende des 19. Jahrhunderts: Im Mittelpunkt steht Lulu, eine junge Frau, die Männer in ihren Bann zieht. Am Ende von Erdgeist ist sie im Gefängnis gelandet. Die Büchse der Pandora knüpft genau dort an. Lulu wird befreit und flieht mit einem kleinen Kreis von Vertrauten ins Ausland. Dabei sind der alte Gauner Schigolch, der vielleicht ihr Vater ist, der Schriftsteller Alwa Schön und der Zirkusathlet Rodrigo Quast. Eine weitere Verehrerin, die Gräfin Geschwitz, liebt Lulu in stiller Hingabe.
Erste Station ist Paris. Dort führt Lulu in einem Salon in weißer Stuckatur ein Luxusleben und lässt sich von Männern umwerben – darunter der Marquis Casti-Piani. Doch die Vergangenheit holt sie ein. Aus ihrem früheren Umfeld tauchen Erpresser auf, das Geld wird knapp, die Polizei rückt näher. Lulus Weg führt sie weiter nach London, in eine ärmliche Dachkammer. Was dort geschieht, bleibt der Lektüre vorbehalten.
Der Titel verweist auf das Gefäß aus der griechischen Mythologie, aus dem Pandora aus Neugier das Unheil in die Welt entließ. Zugleich schwingen erotische Anspielungen mit, die das Stück nicht versteckt.
Die Handlung im Detail↑
Eingeleitet wird das Stück durch einen Prolog in einer Buchhandlung. Dort streiten der Verleger, der Autor, der Leser und ein Staatsanwalt über das neueste Werk des Autors – der Staatsanwalt will es verbieten lassen. Damit verweist Wedekind selbstironisch auf die zu erwartende Zensur des eigenen Stücks.
Die eigentliche Handlung setzt unmittelbar am Ende von Erdgeist ein: Lulu sitzt im Gefängnis. Die in sie verliebte lesbische Gräfin Geschwitz befreit sie. Auch der Gymnasiast Alfred Hugenberg hat aus Liebe zu Lulu einen Befreiungsplan ausgearbeitet, kommt jedoch zu spät. Lulu flieht mit ihrem Anhang nach Paris: bei ihr sind der alternde Gauner Schigolch, der möglicherweise ihr Vater ist, Dr. Schöns Sohn Alwa, der Schriftsteller geworden ist, und der Athlet Rodrigo Quast.
In Paris heiratet Lulu den mittlerweile durch sein Erbe vermögenden Alwa Schön und lebt in einem prachtvollen Salon in weißer Stuckatur ein Leben im Luxus. Sie lässt sich von anderen Männern umwerben, unter ihnen der Marquis Casti-Piani. Doch ihre Pariser Zeit steht unter Druck: Ehemalige Liebhaber, darunter Rodrigo, versuchen, Geld aus ihr zu pressen. Lulu stiftet schließlich Schigolch dazu an, Rodrigo zu ermorden. Als die Polizei ihr auf die Spur kommt, muss sie aus Paris fliehen.
Letzte Station ist London. Dort haust Lulu mit ihren Begleitern in einer Dachkammer und geht der Prostitution nach. Als Strichhure verdient sie den Lebensunterhalt für Alwa, Schigolch und die ihr sklavisch ergebene Gräfin Geschwitz. Alwa wird von einem von Lulus Kunden erschlagen. Am Ende werden Lulu und die Gräfin Geschwitz Opfer des Frauenmörders Jack the Ripper – Lulu erleidet eine bestialische Schändung. Damit endet die Lebenskurve, die in Erdgeest steil nach oben geführt hatte, ebenso steil im Untergang.
Stil↑
Wedekind baut das Stück in drei Aufzügen plus Prolog auf. Er führt die Tragödie durch drei scharf gegeneinander gesetzte Schauplätze: den prachtvollen Saal, den Pariser Salon in weißer Stuckatur und die Londoner Dachkammer. Diese drei Räume markieren zugleich die drei Stufen des sozialen Abstiegs – Glanz, Halbwelt, Elend.
Schon der Titel arbeitet doppeldeutig. Einerseits verweist er auf die griechische Mythologie und die Büchse, aus der das Böse in die Welt tritt. Andererseits trägt er einen erotischen Subtext. Die Büchse kann als Sinnbild für Pandoras Gebärmutter und für den weiblichen Schoß gelesen werden – als „Zentrum von Begierde und sexueller Lust". So lässt es Schigolch im zweiten Aufzug mit der Wendung von „Lulus Hönigtöpfchen" anklingen. Wedekind setzt solche obszönen Untertöne bewusst und provokant.
Der selbstironische Prolog spielt in der Buchhandlung, in der ein Staatsanwalt das Werk verbieten lassen will. Er ist ein Bruch der Bühnenillusion und ein Spiel mit der Zensur, die das Stück tatsächlich zu erwarten hatte.
Rezeption↑
Die Wirkungsgeschichte von Die Büchse der Pandora ist eng verflochten mit der von Erdgeist. Wedekind selbst fasste beide Stücke später zu einer Bühnenfassung zusammen. Sie trägt den Titel Lulu. Tragödie in 5 Aufzügen mit einem Prolog, und die Lulu-Geschichte wird darin als ein einziger dramatischer Bogen aufgeführt.
Der Stoff strahlte weit über das Theater hinaus. 1929 verfilmte Georg Wilhelm Pabst das Stück als Die Büchse der Pandora. Diese Bearbeitung zählt zu den bekanntesten Spielarten des Stoffes. Im Jahr 2000 entstand eine weitere dramatisch-musikalische Bearbeitung unter dem Titel Lulu. Die Figur der Lulu ist damit eine der nachhaltigsten Frauengestalten der Moderne geworden.
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