1891
Frühlings Erwachen
Überblick↑
Das Drama Frühlings Erwachen von Frank Wedekind erschien 1891 und trägt den Untertitel „Eine Kindertragödie". Es erzählt von mehreren Jugendlichen, die in der Pubertät mit ihrer erwachenden Sexualität ringen. Sie stoßen dabei auf die Unaufgeklärtheit, die Strenge und die Heuchelei der Erwachsenenwelt. Das Stück verbindet scharfe Gesellschaftskritik mit satirischen Zügen. Wegen seiner offenen Behandlung von Sexualität galt es lange als Skandalstück und konnte erst 1906 uraufgeführt werden.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt stehen drei junge Menschen an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Wendla Bergmann spürt die Veränderungen ihres Körpers, doch ihre Mutter weicht jedem offenen Wort aus und lässt sie über die Zusammenhänge des Lebens im Unklaren. Melchior Gabor ist ein kluger, früh aufgeklärter Schüler, der seine Umwelt kritisch durchschaut. Sein empfindsamer Freund Moritz Stiefel dagegen leidet unter dem ständigen Druck der Schule und unter der eigenen Unwissenheit in Fragen der Sexualität.
Die Jugendlichen tasten sich an Themen heran, über die niemand mit ihnen reden will. Sie sprechen über Liebe, Fortpflanzung und ihre verwirrenden Empfindungen, während Eltern und Lehrer mauern, strafen oder ausweichen. Aus dieser Mischung von Neugier, Scham und fehlender Aufklärung wachsen Spannungen, die sich für die jungen Menschen bedrohlich zuspitzen. Das Werk schildert, wie eine Gesellschaft, die das Natürliche verschweigt, ihre eigenen Kinder in die Enge treibt.
Die Handlung im Detail↑
Im ersten Akt streitet Wendla Bergmann mit ihrer Mutter über ein Kleid: Die Mutter wünscht ein züchtigeres, längeres Gewand, Wendla möchte ihr altes, kürzeres Kleidchen behalten. Wendla hat kein Bewusstsein für ihre erwachende Weiblichkeit, und ihre Mutter kann aus gesellschaftlicher Scham nicht offen darüber reden. In einer anderen Szene sprechen Melchior Gabor und Moritz Stiefel über Zukunft, Erziehung und Sexualität. Moritz ist nicht aufgeklärt, und so verabreden die beiden, dass Melchior ihm schriftliche und bildliche Erläuterungen über die Fortpflanzung anfertigt und heimlich zukommen lässt. Wendla unterhält sich mit ihren Mitschülerinnen Thea und Martha; Martha berichtet, dass ihre Eltern sie schlagen, was bei Wendla Unverständnis und Neugier weckt. Moritz, der die Versetzung fürchtet, schleicht sich heimlich ins Konferenzzimmer und erfährt erleichtert, dass er versetzt wird. Zuletzt treffen sich Melchior und Wendla zufällig im Wald. Wendla fordert ihn auf, sie zu schlagen, weil sie das Schlagen selbst erleben will. Melchior schlägt sie zögernd, dann immer heftiger, erschrickt über sich selbst und flieht.
Im zweiten Akt klagt Moritz bei einem nächtlichen Besuch in Melchiors Zimmer über den Schuldruck. Melchiors Mutter bringt den beiden Tee, äußert Bedenken über ihre Lektüre von Goethes Faust, überlässt Melchior aber die Wahl seiner Bücher und zeigt damit Vertrauen und Toleranz. Wendla, deren Schwester gerade ein Kind bekommen hat, drängt ihre Mutter, sie endlich aufzuklären. Diese gerät in Erklärungsnot und sagt nur, dass Heirat und große Liebe nötig seien, um Kinder zu bekommen. Der unverklemmte Mitschüler Hänschen Rilow betrachtet auf der Toilette die Reproduktion eines nackten Kunstwerks. Auf einem Heuboden trifft Wendla auf Melchior, der sie vergewaltigt. Melchiors Mutter beantwortet einen Brief von Moritz, der um Geld für eine Flucht nach Amerika bittet und Andeutungen über Selbsttötung macht; sie lehnt das Geld ab und spricht ihm nur förmlich Mut zu, ohne die Lage ernst zu nehmen. Daraufhin ist Moritz entschlossen, seine Andeutungen wahrzumachen. Am Fluss begegnet ihm Ilse, ein junges Modell, das von seinem Künstlerleben erzählt und ihn einlädt mitzukommen. Moritz widersteht, zieht sich ins Ufergebüsch zurück, verbrennt den Brief von Melchiors Mutter und erschießt sich.
Im dritten Akt schildert der Rektor in einer Lehrerkonferenz die heikle Lage, die Moritz' Selbstmord für das Gymnasium bedeutet. Seine Sorge gilt nicht den Opfern, sondern der Angst, die Gesellschaft könne die Schule verantwortlich machen. Die Lehrer, denen Wedekind lächerliche Namen wie „Knochenbruch" und „Affenschmalz" gab, verlieren sich in der banalen Frage, ob ein Fenster geöffnet werden soll. Melchior wird wegen seiner für Moritz angefertigten Illustrationen beschuldigt, am Tod seines Freundes schuld zu sein; er darf nur mit „ja" oder „nein" antworten und wird wie ein Schwerverbrecher abgeurteilt. Bei Moritz' Beisetzung im strömenden Regen verachten die Erwachsenen den Toten; sein Vater betont sogar, Moritz sei nicht sein Sohn gewesen. Am Grab bittet Martha die Ilse, die den Toten gefunden hatte, um die Pistole, doch Ilse will sie als Erinnerung behalten.
Melchiors Rolle führt bei seinen Eltern zum Streit. Der Vater sieht die freie Erziehung der Mutter als Ursache, die Mutter stellt sich schützend vor den Sohn. Da legt der Vater einen abgefangenen Brief Melchiors an Wendla vor, in dem dieser Reue über seine sexuellen Handlungen ausdrückt und sich damit selbst belastet. Die Mutter erkennt die Schrift, ist erschüttert und ändert ihre Meinung. Beide Eltern beschließen, Melchior in eine Korrektionsanstalt zu schicken. Dort, unter stumpf gewordenen Jungen, denkt Melchior über seine Schuld nach und schmiedet Fluchtpläne. Unterdessen liegt Wendla krank im Bett. Ihre Mutter redet ihr zunächst Bleichsucht ein, gesteht ihr dann aber eine Schwangerschaft. Um eine uneheliche Mutterschaft abzuwenden, veranlasst sie eine medikamentöse Abtreibung, an der Wendla stirbt.
In der vorletzten Szene liegen die Schüler Hänschen Rilow und Ernst Röbel im Gras, genießen den Abend, küssen sich und gestehen einander ihre Liebe. Melchior ist aus der Anstalt geflohen und auf den Friedhof geraten. Am Grab Wendlas überfallen ihn Schuldgefühle und Selbstmordgedanken. Da erscheint ihm der tote Moritz, der seinen eigenen Kopf unter dem Arm trägt und Melchior überreden will, ihm ins Grab zu folgen. Bevor Melchior zustimmen kann, taucht ein „vermummter Herr" auf, der ihn von den Selbstmordgedanken abbringt und Moritz als Schwindler entlarvt, der sich nur fürchte, allein in seine Totenwelt zurückzukehren. Melchior entscheidet sich für das Leben. Er dankt Moritz, verspricht, ihn nie zu vergessen, und vertraut seine Zukunft dem Vermummten an.
Stil↑
Sein gesellschaftskritischer Ton verbindet sich in dem Stück mit beißender Satire. Wedekind stellt die Erwachsenenwelt bewusst bloß: Die Lehrer tragen sprechende Spottnamen wie „Knochenbruch" und „Affenschmalz", und ihre Beratung über den Tod eines Schülers kippt ins Lächerliche, sobald sie über das Öffnen eines Fensters streiten. Solche tragisch-komischen Brüche durchziehen das Werk. Schmerzliche Szenen stehen unmittelbar neben grotesker Komik.
Der Untertitel „Eine Kindertragödie" benennt die Bauform: Es ist ein Drama in drei Akten, das die Welt konsequent aus der Sicht der Jugendlichen zeigt. Ihre Sprache ist offen und unmittelbar, während die Erwachsenen sich in Floskeln, Anstand und Ausflüchte zurückziehen. Gegen Ende verlässt das Stück die realistische Ebene: Der enthauptete tote Moritz und der rätselhafte „vermummte Herr" treten als gespenstische, sinnbildliche Figuren auf. So mischt Wedekind nüchterne Alltagsschilderung mit traumhaft überhöhten Bildern.
Rezeption↑
Über Jahre hinweg galt das Werk als anstößig, weil es Sexualität, Selbsttötung und Abtreibung offen zur Sprache brachte. Deshalb verging viel Zeit zwischen dem Erscheinen 1891 und der ersten Aufführung. Die Uraufführung fand erst am 20. November 1906 an den Berliner Kammerspielen statt, unter der Regie von Max Reinhardt und – ungenannt – von Hermann Bahr. Damit begann die Bühnenwirkung eines Stücks, das die verschwiegene Sexualerziehung seiner Zeit anklagte.
Bis heute wird das Drama immer wieder neu auf die Bühne gebracht und verfilmt. Schon 1929 entstand eine Verfilmung unter der Regie von Richard Oswald, später folgten weitere Bearbeitungen für Theater, Film und Fernsehen, darunter ein Fernsehfilm von Nuran David Calis aus dem Jahr 2009. Sein Thema – das Erwachsenwerden zwischen Neugier und gesellschaftlicher Strenge – hat dem Stück über die Generationen hinweg eine anhaltende Wirkung gesichert.
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