1939
Früchte des Zorns
Überblick↑
Der Roman Früchte des Zorns erschien 1939 und gilt als bekanntestes Werk des US-amerikanischen Schriftstellers John Steinbeck. Noch im Erscheinungsjahr erhielt er den National Book Award, 1940 folgte der Pulitzer-Preis. Das Magazin Time zählt ihn zu den hundert besten englischsprachigen Romanen, die zwischen 1923 und 2005 erschienen sind.
Das sozialkritische Buch erzählt vom Schicksal der verarmten Farmersfamilie Joad. Sie gerät zwischen zwei Katastrophen: die Große Depression nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 und eine teils von Menschen verursachte Dürre, die Mitte der 1930er Jahre weite Teile von Oklahoma und Arkansas heimsuchte. Hunderttausende dieser sogenannten Okies verließen damals die ausgetrocknete Dust Bowl und zogen über die Route 66 nach Kalifornien.
Das Werk wuchs aus einer Reihe journalistischer Artikel, die Steinbeck 1936 veröffentlicht hatte. Für sie war er den Okies auf ihrem Treck nach Westen gefolgt. Weil er die Trecks, die Auffanglager und den Alltag der Wanderarbeiter genau wiedergibt, hat das Buch neben seinem literarischen auch einen hohen dokumentarischen Wert. Steinbeck wollte damit erklärtermaßen Empörung wecken über soziale und politische Missstände, die aus einer ungerechten Wirtschaftsordnung und der Zerstörung der Umwelt entstehen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Oklahoma der 1930er Jahre kann die Farmerfamilie Joad nach einer langen Dürre ihre Schuldzinsen nicht mehr bezahlen. Die Grundbesitzer vertreiben sie von dem Land, das sie zuletzt nur noch gepachtet hatte. Da tauchen Handzettel auf, die gut bezahlte Arbeit als Landarbeiter in Kalifornien versprechen.
Wie hunderttausend andere macht sich die Familie auf den Weg nach Westen. Ihr Fahrzeug ist ein alter Hudson Super Six, den sie zu einem Lastwagen umgebaut haben. Mit an Bord sind die Eltern, die Großeltern, ein Onkel, die erwachsenen Söhne Tom, Al und Noah sowie die Kinder Ruthie und Winfield. Dazu kommen die schwangere Tochter Rose of Sharon mit ihrem jungen Mann Connie und der Wanderprediger Jim Casy.
Die Fahrt ist beschwerlich und fordert ihren Preis. Der Vater verliert nach und nach seine Führungsrolle an die Mutter, die mit aller Kraft verhindern will, dass die Familie auseinanderbricht. Eine weitere Stütze ist Tom, der wegen Totschlags im Gefängnis saß und erst kurz zuvor auf Bewährung freikam.
In Kalifornien wartet nicht die erhoffte gute Arbeit. Stattdessen erleben die Joads wirtschaftliche Ausbeutung, Hunger und Anfeindung durch die ansässige Bevölkerung. Der Roman zeigt an dieser einen Familie, was Hunderttausenden widerfuhr, und fragt, wie viel Menschlichkeit und Würde ein Mensch unter solchem Druck bewahren kann.
Die Handlung im Detail↑
Nach einer längeren Dürre kann die Farmerfamilie Joad in Oklahoma ihre Schuldzinsen nicht mehr aufbringen. Die Grundbesitzer vertreiben sie von dem Land, das sie nur noch in Pacht bewirtschaftete. Handzettel versprechen gut bezahlte Arbeit als Landarbeiter in Kalifornien. Also bricht die Familie wie hunderttausend andere nach Westen auf, in einem alten Hudson Super Six, der zum Lastwagen umgebaut wurde.
Neben den Eltern reisen die Großeltern, der Onkel, die erwachsenen Söhne Tom, Al und Noah, die schwangere Tochter Rose of Sharon mit ihrem Mann Connie, die Kinder Ruthie und Winfield sowie der Wanderprediger Jim Casy. Der Name Rose of Sharon spielt auf die biblische Rose von Scharon an.
Die Großeltern verkraften den Verlust der Heimat nicht und sterben schon auf der beschwerlichen Fahrt. Noah und Connie laufen davon. Der Vater resigniert und gibt seine Führungsrolle immer mehr an die Mutter ab, die das Auseinanderbrechen der Familie mit aller Kraft aufhalten will. Tom, wegen Totschlags vorbestraft und erst kurz zuvor auf Bewährung entlassen, ist die zweite Stütze.
In Kalifornien erwarten die Joads statt guter Arbeit Ausbeutung, Hunger und Feindseligkeit der Einheimischen. Jim Casy schließt sich Streikenden an und wird von Hilfstruppen der Grundbesitzer erschlagen. Daraufhin begeht Tom selbst einen Totschlag. Ein Migrantenlager, das die staatliche Farm Security Administration betreibt, verschafft der Familie noch einmal eine kurze Erholung.
Am Ende macht Tom sich die Gedanken des Wanderpredigers zu eigen. Er verlässt die Familie, auch um sie durch seine Tat nicht zu gefährden, und widmet sich dem Kampf für die Rechte der Wanderarbeiter. Das Auseinanderfallen der Familie geht dabei Hand in Hand damit, dass die Einzelschicksale in einer Schicksalsgemeinschaft von Tausenden aufgehen. Rose erleidet eine Totgeburt. In der Schlussszene gibt sie einem verhungernden fremden Mann die Brust.
Stil↑
Auffällig ist der Aufbau in zwei Erzählsträngen. Jedem Kapitel über die Joads geht ein weiteres Kapitel voraus, das das Geschehen in den größeren gesellschaftlichen Zusammenhang stellt. So steht die einzelne Familie immer neben dem Bild der ganzen Zeit.
Das Werk gilt als sozialkritisch und naturalistisch. Steinbeck gibt die Trecks, die Auffanglager und die Lebensumstände der Wanderarbeiter wirklichkeitsgetreu wieder, was dem Buch dokumentarisches Gewicht verleiht. Die Hauptfiguren sind exemplarisch angelegt und verändern sich im Lauf der Handlung. Dadurch trägt der Roman Züge einer Parabel: Am Beispiel der Joads wird sichtbar, was Hunderttausenden geschah.
Steinbeck bereitete das Buch mit eigener Feldforschung vor. 1935 lernte er in Hollywood Anthony Quinn kennen und befragte ihn ausführlich nach dessen Erfahrungen. Quinns Familie war als mittellose Einwanderin aus Mexiko nach Kalifornien gekommen und hatte sich dort als Wanderarbeiter durchgeschlagen. In seiner Autobiographie Ein-Mann-Tango hielt Quinn allerdings fest, er habe die harte Arbeit in ärmlichen Verhältnissen nicht so negativ erlebt; Steinbeck habe „einiges durch seine Brille gesehen“.
Rezeption↑
Am 14. April 1939 kam der Roman in den Vereinigten Staaten in den Buchhandel. Aus den Reihen der politischen Rechten und der Großgrundbesitzer schlug ihm heftige Feindschaft entgegen, bis hin zu Verboten und Bücherverbrennungen. Auch in Fachkreisen wurde er kontrovers diskutiert. Dennoch erhielt er 1940 den Pulitzer-Preis, und 1962 wurde Steinbeck der Nobelpreis für Literatur zugesprochen.
Schon 1940 verfilmte John Ford den Stoff. Henry Fonda spielte Tom Joad, John Carradine den Jim Casy, Jane Darwell die Mutter. Fords Film erreichte selbst Klassikerstatus und gewann mehrere Oscars. Er blieb bis heute die einzige Verfilmung des Romans. Frank Galatis Bühnenfassung wurde 1988 in Chicago uraufgeführt und kam 1990 an den Broadway.
In der Musik hat der Roman ungewöhnlich weite Kreise gezogen. Der amerikanische Folksänger Woody Guthrie widmete der Figur Tom Joad eine Ballade, die später auch Andy Irvine aufnahm und abwandelte. Die englische Band Camel erzählte die Handlung 1991 auf ihrem Konzeptalbum Dust And Dreams nach. Bruce Springsteen benannte 1995 ein Lied und ein Album The Ghost of Tom Joad, in denen er soziale Missstände in Amerika anprangert; fünf Jahre später coverte Rage Against the Machine den Titelsong.
Auch als Namensgeber wirkt das Buch fort. 2006 nannte sich eine Post-Punk-Band in Münster Ghost of Tom Joad, im Jahr 2000 hatte sich bereits eine Hamburger Band Früchte des Zorns genannt. Die Alternative-Rock-Band Weezer veröffentlichte 2021 einen Song mit dem Titel Grapes of Wrath.
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