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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Fräulein Julie
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Cover Fräulein Julie
Fräulein Julie
1888
– Werkseintrag –

Fräulein Julie

1888 · Drama

In einer einzigen Mittsommernacht zerbricht in der Küche eines Gutshofs alles, was eine adelige Tochter und der Diener ihres Vaters voneinander trennt – und entscheidet sich, wer wirklich der Stärkere ist.

Überblick↑

Bei Fräulein Julie handelt es sich um ein naturalistisches Trauerspiel August Strindbergs aus dem Jahr 1888. Es ist das meistgespielte Stück des schwedischen Dramatikers. Es gilt als Schlüsselwerk der modernen europäischen Bühne. Auf engstem Raum führt Strindberg eine adelige junge Frau und einen Diener zusammen. Aus dieser Begegnung macht er ein Lehrstück über Standesgrenzen, Begehren und Macht. Das vorangestellte Vorwort wurde zu einer theoretischen Grundlage des naturalistischen Theaters.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Schauplatz ist ein schwedischer Herrensitz in der Mittsommernacht. Draußen feiern Gesinde und Bauern. Die junge Adelige Julie, Tochter des Grafen, sucht die Nähe der Dienerschaft. Sie tanzt mit den Knechten und setzt sich damit über die geltenden Standesregeln hinweg. Besonders fühlt sie sich zu Jean hingezogen, dem Diener ihres Vaters. Jean ist in der Welt herumgekommen, gebildet und gut erzogen.

In der Küche des Hauses begegnen sich die beiden im Lauf der Nacht immer wieder. Sie ist der einzige Schauplatz des Kammerspiels. Auch Kristin, die Köchin und Verlobte Jeans, ist zugegen. Aus dem Flirt zwischen Julie und Jean wird mehr. Mit jedem Wortwechsel verschieben sich die Gewichte: Wer steht wirklich über wem, wenn die Nacht alle Ordnung lockert? Strindberg führt seine Figuren in einen Kampf um Liebe, Lust und Vorrang. Sein Ausgang soll offen bleiben, solange man das Stück nicht kennt.

Die Handlung im Detail↑

Es ist die Mittsommernacht auf dem Gut eines schwedischen Grafen. Die Dienerschaft feiert ausgelassen, der Hausherr ist abwesend. Seine Tochter Julie, eine junge Adelige, mischt sich unter die Feiernden und tanzt mit den Knechten. Damit verletzt sie die strenge Standesordnung und gibt sich zugleich einer Sehnsucht nach Ausbruch hin: Sie will dem Korsett aus Konventionen entkommen, das ihr Leben bestimmt.

Besonders zu Jean, dem Diener ihres Vaters, fühlt sie sich hingezogen. Jean ist älter als die Burschen draußen, er hat sich in der Welt umgesehen, spricht gepflegt und tritt sicher auf. In der Küche, dem Schauplatz des gesamten Stücks, kommen die beiden ins Gespräch. Anwesend ist auch Kristin, die Köchin, die mit Jean verlobt ist; sie verfolgt das Geschehen teils mit, teils zieht sie sich zurück.

Aus dem Flirt zwischen Julie und Jean wird im Lauf der Nacht eine vollendete Liebesbeziehung. Was als Spiel beginnt, verändert das Machtgefüge zwischen den beiden grundlegend. Julie steht ihrer Geburt nach über Jean, doch der Diener gewinnt durch Bildung, Selbstbewusstsein und männliche Behauptung die Oberhand. Je weiter die Nacht voranschreitet, desto stärker wird Jean der bestimmende Teil der Beziehung.

In den Gesprächen, die folgen, schwanken die beiden zwischen Plänen für eine gemeinsame Zukunft, Vorwürfen, Erinnerungen an ihre Herkunft und nüchternen Abrechnungen. Jean nutzt seine neue Position aus und macht Julie für seine eigenen Ziele dienstbar. Sie hat sich gesellschaftlich entehrt und sieht keinen Weg zurück in ihre alte Welt. Am Ende treibt Jean sie in den Selbstmord, mit dem das Stück endet.

Stil↑

Das Drama Fräulein Julie ist ein Kammerspiel. Es zieht die gesamte Handlung in einer einzigen Nacht und an einem einzigen Schauplatz zusammen, der Gutsküche. Strindberg schreibt einen knappen, alltagsnahen Dialog und verzichtet auf große Bühneneffekte. Die Spannung entsteht ausschließlich aus dem Aufeinandertreffen weniger Figuren und aus den Verschiebungen zwischen ihnen.

Das Stück gilt als Musterwerk des naturalistischen Theaters. Strindberg zeichnet seine Figuren als Ergebnis von Herkunft, Erziehung, Trieb und Augenblick. Ihr Handeln führt er auf erkennbare seelische und gesellschaftliche Kräfte zurück. Im vorangestellten Vorwort erläutert er seine Auffassung von Charakter, Dialog und Bühne. Dieses Vorwort wurde selbst zu einer theoretischen Grundlage des modernen naturalistischen Theaters.

Rezeption↑

Das Drama Fräulein Julie hat sich zum meistgespielten Stück Strindbergs entwickelt. Es gehört zu den festen Größen des internationalen Repertoires. Der Stoff wurde mehrfach für das Kino bearbeitet: von der frühen schwedischen Verfilmung Anna Hoffman-Uddgrens 1912 über Alf Sjöbergs preisgekrönte Fassung von 1951 bis zur Verfilmung von Liv Ullmann aus dem Jahr 2014. Hinzu kommen Ballett- und Musiktheaterfassungen. Sie zeigen, wie offen das Stück für immer neue Lesarten geblieben ist.

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