Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Frost
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Frost
1963
– Werkseintrag –

Frost

1963 · Roman

Ein junger Famulant soll in einem winterlichen Bergdorf den Bruder seines Chefarztes beobachten – und gerät dabei in den Sog eines Mannes, der über den Verfall der Welt redet, bis ihm die eigene Stimme abhandenkommt.

Überblick

Der Roman Frost ist Thomas Bernhards erstes veröffentlichtes Buch in dieser Gattung. Er erschien 1963. Er gilt als Auftakt eines Werks, das die deutschsprachige Nachkriegsliteratur über Jahrzehnte prägen sollte. Schon in diesem Erstling ist der unverkennbare Bernhard-Ton zu hören: monologische Wucht, eisige Welt- und Menschenverachtung, eine Sprache, die zwischen Klage und Anklage pendelt. Fünfzig Jahre später, 2013, gaben Raimund Fellinger und Martin Huber unter dem Titel Argumente eines Winterspaziergängers zwei Vorarbeiten zu dem Buch heraus.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein junger, namenloser Medizinstudent absolviert seine Famulatur an einem Spital in Schwarzach im österreichischen Pongau. Sein Vorgesetzter, der Chirurg Strauch, erteilt ihm einen ungewöhnlichen Auftrag. Er soll in den Gebirgsort Weng reisen und dort den Bruder des Chirurgen, den Maler Strauch, beobachten. Die Brüder haben sich seit zwanzig Jahren nicht gesehen. Der Briefkontakt ist seit zwölf Jahren abgerissen. Verlangt wird ein genauer Bericht über Verhalten, Tagesablauf, Ansichten, Äußerungen, sogar über die Art, wie der Maler seinen Stock führt.

In Weng angekommen, schließt sich der Famulant dem Maler an. Er begleitet ihn auf langen Spaziergängen durch eine eisige Winterlandschaft und hält ihre Gespräche fest. Der Maler ist ein schwer kranker, in sich versunkener Mann mit Hut, Stock und einer Ausgabe von Pascals Pensées in der Tasche. Er redet unablässig: über seine Kindheit, über Politik, Menschen, Kunst und vor allem über den Verfall der Welt. Daneben treten die Bewohner des Ortes auf – die Wirtin, der Wasenmeister, der Ingenieur – mit ihren eigenen Geschichten und Andeutungen.

Aus 27 Tagebucheinträgen und sechs Briefen an den Chirurgen setzt sich Stück für Stück ein Bericht zusammen. Er handelt weniger von Ereignissen als von einem Sog: dem Sog, den die Reden des Malers auf seinen Beobachter ausüben.

Die Handlung im Detail

Der Roman ist ein Tagebuchroman, erzählt von einem namenlosen Ich-Erzähler, einem Medizinstudenten in der Famulatur am Spital in Schwarzach im Pongau. Sein Vorgesetzter, der Chirurg Strauch, schickt ihn in den Gebirgsort Weng mit der Aufgabe, dessen Bruder, den Maler Strauch, zu beobachten und über ihn zu berichten. Der Auftrag ist genau gefasst: Beschreibung der Verhaltensweisen, des Tagesablaufs, Auskunft über Ansichten, Absichten, Äußerungen, Urteile, ein Bericht über den Gang, über die Art zu gestikulieren, aufzubrausen, Menschen abzuwehren, und ausdrücklich auch über die Funktion des Stockes in der Hand des Bruders. Zwanzig Jahre haben sich die Brüder nicht gesehen, seit zwölf Jahren schreiben sie einander nicht mehr.

Das Buch besteht aus 27 Tagebucheinträgen und sechs Briefen an den Chirurgen, die der Famulant während seines Aufenthalts in Weng verfasst. Wie der Chirurg in Schwarzach auf diese Mitteilungen reagiert, erfährt der Leser nicht. Der Famulant notiert vor allem die Gespräche, die er auf langen Spaziergängen mit dem Maler führt, dazu Gespräche mit den Bewohnern Wengs, allen voran der Wirtin, dem Wasenmeister und dem Ingenieur. Den eigenen Gesprächsanteil spart er meist aus und gibt nur die Äußerungen seines Gegenübers wieder, direkt oder indirekt. Hinzu kommen Schilderungen kleiner Begebenheiten im Ort. An wenigen Stellen kommt der Famulant, durch die Reden des Malers aufgestört, zu eigenen Reflexionen über sich und die Welt.

Der Maler hat seine sämtlichen Bilder vernichtet und sich nach Weng zurückgezogen, nachdem ihn eine nicht näher benannte unheilbare Krankheit befallen hat. Er leidet oft unter starken Kopf- und Fußschmerzen, an ihm sind, wie der Famulant festhält, Anzeichen von „Verwesung" zu erkennen. Trotzdem bewältigt er ausgedehnte Spaziergänge ohne Mühe. Sein Spazierstock, sein Hut und die Ausgabe der Pensées von Pascal, die er immer bei sich trägt, sind die Zeichen seiner Existenz. In seinen Unterhaltungen mit dem Famulanten erzählt er von Kindheit und Jugend und philosophiert über Politik, Menschen, Natur und Kunst. Seine Sicht ist durchweg vom Verfall geprägt: Der Staat sei „ein Hotel der Zweideutigkeit, das Bordell Europas, mit einem ausgezeichneten überseeischen Ruf", die Gegenwart ein Stadium der absoluten Verwahrlosung.

Im Verlauf des Aufenthalts gelingt es dem Famulanten immer schwerer, die Reden des Malers zu verstehen und wiederzugeben. Die kritische Distanz, die seine Rolle als Beobachter eigentlich verlangt, geht ihm nach und nach verloren. Am Ende fühlt er sich übermächtigt: „Ich entdeckte mich fortwährend abgehackt durch den Mund dieses Menschen sprechend." Die sechs Briefe an den Chirurgen, obwohl an unterschiedlichen Tagen entstanden, sind im Buch geschlossen nach dem Bericht über den 26. Tag eingefügt; danach folgt erst der Bericht über den 27. Tag.

Der Roman endet damit, dass der nach Schwarzach zurückgekehrte Famulant aus dem Demokratischen Volksblatt vom Verschwinden des Malers erfährt. Noch am selben Tag beendet er seine Famulatur, reist nach Wien zurück und nimmt sein Medizinstudium wieder auf.

Stil

Bernhard wählt die Form eines Tagebuchromans und schiebt ihm sechs Briefe ein. So entsteht eine doppelte Schriftgestalt, in der zwei Schreibanlässe nebeneinanderstehen: das Festhalten für sich selbst und das Berichten an einen Auftraggeber. Erzählt wird in der Ich-Form eines namenlosen Beobachters. Dieser lässt seinen eigenen Anteil an den Gesprächen weg und gibt überwiegend die Stimme eines anderen weiter. Dadurch wird der Maler Strauch zur dominierenden Stimme des Buches. Sein Monolog überlagert die Tagebuchprosa, bis der Erzähler ihn nicht mehr nur wiedergibt, sondern in seinem eigenen Sprechen wiederfindet.

Die Sprache ist suggestiv, voller Wiederholungen, Steigerungen und scharfer Urteile. Eingeschobene Zitate in Anführungszeichen, oft mit Kursivierung wie bei den Hinweisen des Chirurgen oder den Tiraden des Malers, geben dem Text einen montagehaften Zug. Die Winterlandschaft des Pongaus, die Kälte, das Eis und die Schneelast bilden den Hintergrund, vor dem sich die Reden über Verfall und Verwesung abspielen.

Rezeption

Mit Frost tritt Bernhard 1963 als Romanautor erstmals an die Öffentlichkeit. Das Buch wird rückblickend immer wieder als Schlüsseltext seines Werks beschrieben – als jener Roman, in dem sein Ton, seine Form und seine Themen bereits voll ausgebildet sind. Raimund Fellinger und Martin Huber gaben 2013 unter dem Titel Argumente eines Winterspaziergängers zwei Vorarbeiten zu dem Roman heraus. Das zeigt, welchen Stellenwert der Text in der Werkgeschichte einnimmt. 2006 erschien die englische Übersetzung von Michael Hofmann. Mit ihr fand das Buch auch im englischsprachigen Raum eine neue Lesergeneration.

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