Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Fritz Kochers Aufsätze
Eingang · Werke · Fritz Kochers Aufsätze
Cover Fritz Kochers Aufsätze
Fritz Kochers Aufsätze
1904
– Werkseintrag –

Fritz Kochers Aufsätze

1904 · Prosa

Ein wohlhabender Gymnasiast schreibt brave Schulaufsätze – und entlarvt darin altklug und schonungslos die Welt der Erwachsenen.

Überblick↑

Mit Fritz Kochers Aufsätze legte Robert Walser 1904 sein erstes Buch vor, erschienen im Insel Verlag in Leipzig. Es versammelt die angeblichen Schulaufsätze eines Gymnasiasten namens Fritz Kocher und dazu drei weitere Prosastücke: die Betrachtungen Der Commis und Der Wald sowie die Tagebuchaufzeichnung Ein Maler. Walser selbst hielt viel von dem Band; gegenüber dem Leiter des Insel Verlages nannte er ihn eines seiner besten Prosastücke. Die naive Schülersprache, die das Buch erprobt, wurde für sein späteres Werk zum bleibenden Werkzeug.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Den Kern des Buches bilden die Aufsätze des Gymnasiasten Fritz Kocher, eines Schülers der zweiten A-Klasse. In scheinbar braver Schülersprache schreibt Fritz über große Themen, die ihm sein Lehrer vorgibt: über den Menschen, die Freundschaft, die Armut, die Höflichkeit, das Vaterland, den Beruf. Dabei rutscht ihm immer wieder eine altkluge, manchmal kalte und schadenfrohe Wahrheit heraus. Fritz hält sich für klug, stammt aus wohlhabendem Haus und blickt mit spöttischem Auge auf die armen Mitschüler, auf den Lehrer und auf die Welt der Erwachsenen. Welchen Beruf er später ergreifen soll, weiß er nicht – Lust hat er zu keinem.

An die Aufsätze schließen sich drei weitere Stücke an. Die Betrachtung Der Commis zeichnet das Bild des fleißigen, bescheidenen Handlungsgehilfen im kargen Büro. Ein Maler erzählt aus dem Notizbuch eines Landschaftsmalers, der die Großstadt verlässt und im Hochgebirge bei einer kunstsinnigen Gräfin Obdach findet. Der Wald schließlich ist ein überschwänglicher Lobpreis auf den heimatlichen Schweizer Wald. So entsteht ein Buch, das zwischen kindlichem Ton und feiner Ironie hin- und herwandert.

Die Handlung im Detail↑

Im Mittelpunkt steht der Gymnasiast Fritz Kocher, in dessen Rolle der Autor schlüpft – eine Rollenprosa, in der der Schriftsteller die Stimme einer Figur annimmt. Fritz beschreibt sich selbst als wohlhabend. Sein Vater habe Wagen und Pferde, sei mild, herzlich, gerecht und heiter, gegen arme Leute aber hart und barsch. Diese Härte gibt Fritz weiter: Gegen die Kinder armer Leute, die in der Eiseskälte vor der Tür singen, ist er ebenso barsch. Den Vater hält er für einen weisen Mann.

In seinen Aufsätzen arbeitet Fritz die ihm gestellten Themen ab. Im grundlegenden Stück über den Menschen behauptet er, dieses höhere Wesen solle über dem Tier stehen, und gesteht zugleich seinen Wunsch, berühmt zu werden – wobei die Niedrigkeit lauere, denn die meisten Unternehmungen entsprängen der Habgier. Beim Thema Freundschaft fühlt er sich überfordert, schreibt aber tapfer drauflos: Es komme auf das Lieben und Schätzen an, doch manche Menschen gäben sich nur als Freunde aus, um schaden zu können. Über die Armut spottet er mit sarkastischem Blick. Arme Frauen schätzt er, weil sie so schön bitten können; die Armut habe ihr Gutes, denn sie mache die Reichen mildtätig. Die armen Knaben seiner Klasse liebt er nicht, weil sie ihm seinen Wohlstand neiden und über seine Misserfolge schadenfroh sind. Was in den Fabriken geschieht, kümmert ihn nicht – er vermutet, die armen Leute arbeiteten dort zur Strafe für ihre Armut.

In der Betrachtung über die Höflichkeit findet er schauerliche Abgründe, schauerlicher als im Hochgebirge, und kommt zu dem Schluss, Höflichkeit wäre überflüssig, lebten nur wenige Menschen verstreut auf der Erde. Im Aufsatz über das Vaterland vergleicht er die Untertanen anderer Länder mit Haustieren und gibt sich als glühender Republikaner, der ärgerlicherweise selbst noch wie an der Kette liege. Beim Thema Beruf zählt er auf, was er werden könnte: nicht Sattler, Schlosser, Schreiner oder Drechsler, eher Buchbinder oder gar Schiffskapitän, vielleicht Förster, Dichter, Musiker, Kaufmann, Seiltänzer oder Clown – wobei er fürchtet, der lächerliche Clownsanzug könnte den Eltern missfallen. Diese sähen ihn am liebsten als Arzt, Pfarrer, Juristen oder Lehrer. Doch zu alledem hat Fritz keine Lust.

Auch von Schule und Lehrer berichtet er. Dreißig Menschen sitzen in seiner Klasse, darunter ein Haupthalunke, der Gesichter schneiden kann und mit dem Schafsgesicht seine Prügel empfängt. Der Lehrer stolziert in hohen Stiefeln durchs Zimmer, als käme er aus einer Schlacht, und kratzt sich wollüstig im Haar. Während des Klassenaufsatzes, meint Fritz, solle man ihn lieber nicht mit Fragen behelligen. Über die Kunst weiß Fritz, dass sein älterer Bruder Kapellmeister werden will und später Verse macht; auch Fritz ist musisch und möchte im Anhören von Musik sterben, weil sie ihm wie Weinen in Melodien vorkommt. Beim Aufsatzschreiben komme es auf den Stil an, den er mit Ordnungssinn gleichsetzt.

Auf die Aufsätze folgt Der Commis, ein Stück ohne eigentliche Handlung, das der Untertitel als eine Art Illustration ausweist. Geschildert wird der Handlungsgehilfe: fleißig, taktvoll, anpassungsfähig, mit weißem reinlichem Stehkragen, naiv, gutmütig, höflich und tüchtig, ein guter Rechner und Haushalter, der seine Arbeit in Ruhe und Bescheidenheit im kargen Büro verrichtet. Gerät er aber außer Stellung, so wird er zu einer der schrecklichsten Erscheinungen – hungernde Arbeiter seien nichts dagegen.

In Ein Maler liest man die Blätter aus dem Notizbuch eines Landschaftsmalers. Er verlässt die Großstadt, wo der Kummer der Vielen das glänzende Glück der Wenigen ausmacht, und zieht ins Hochgebirge. Dort findet er Obdach bei einer kunstsinnigen Gräfin und um ihr Haus herum alles, was er liebt: Tannen und seine Lieblingsfarbe Grau. Er malt die Bergwelt nach der Überzeugung, Malen sei die kälteste Kunst. Den Dichtern spricht er jede Naturkenntnis ab. Dann malt er die Gräfin, die ihm unbeweglich und kalt Modell sitzt; das Bildnis gelingt. Es kommt ein weltberühmter, todkranker Dichter, dem die Gräfin ihr Haus zum Sterben überlässt und in dem er seinen Lastern bis zuletzt frönen darf. Der Maler malt den Sterbenden, wie er zu den Tannen hinausschaut und die Bäume zum Fenster hereinschauen. Dann gebietet die Gräfin dem Maler, sie zu lieben, und er gehorcht – doch er kann Liebe nicht ertragen, ist für ein kälteres Leben bestimmt. Für die Gräfin geht die Geschichte nicht gut aus: Der Maler fragt sich, warum Künstler zu keiner Ruhe kommen, und verlässt die Geliebte.

Das letzte Stück, Der Wald, ist ein überschwänglicher Lobpreis auf den heimatlichen Schweizer Wald, das Ziel der Städter und der Aufenthalt der Wanderburschen. Schon in Fritz Kochers Aufsatz über seinen Berg klang dieses Thema an: die gewaltigen Buchen auf dem Rücken des Bözingenberges, benannt nach dem Dorf Bözingen, einem Ortsteil von Biel, dem Geburtsort Walsers. Der Autor weiß, dass Ruhe und Wald eins sind, und gesteht doch, er habe diese Ruhe mit Unruhe beschrieben. Sein Versuch, über etwas Schönes genau zu schreiben, sei schwierig; bemerkenswert ist weniger sein Philosophieren als seine treffliche Schilderung des Waldes. Die Eloge gerät überschwänglich bis zu dem Wunsch, mit seiner Liebe zum Wald zu sterben.

Stil↑

Das auffälligste Mittel des Buches ist die Rollenprosa: So wie im Rollengedicht ein fremder Sprecher das Wort führt, übernimmt Walser hier die Stimme des Schülers Fritz Kocher. In dessen drollig naiver Schülersprache liegt der ganze Reiz. Was harmlos und kindlich klingt, kippt immer wieder in altkluge, ironische, manchmal kalte Beobachtung. Fritz schreibt brav über die ihm gestellten Themen, doch zwischen den Zeilen erscheint die Welt der Erwachsenen in scharfem, entlarvendem Licht. Diese Spannung zwischen dem unschuldigen Ton und dem scharfen Blick trägt das ganze Werk.

Die einzelnen Aufsätze sind kurz, thematisch gefügt und folgen dem Schema des Schulunterrichts: Der Mensch, die Freundschaft, die Armut, die Höflichkeit, das Vaterland. Gerade dieses Korsett nutzt Walser, um seinen Sprecher umso eigenwilliger ausbrechen zu lassen. In den drei angehängten Stücken wechselt der Ton: Die Betrachtung über den Commis verzichtet ganz auf Handlung und reiht Beobachtungen wie eine Illustration aneinander; im Maler-Stück herrscht eine kühle, ins Kalte gewendete Künstlerstimmung; im Waldstück schlägt die Sprache ins Überschwängliche um. Greven nannte die Aufsätze ein launiges und originelles Kunstprodukt, ironisch-altklug und von verblüffender Sensibilität.

Rezeption↑

Beim Publikum hatte das Buch zunächst keinen Erfolg – es verkaufte sich schlecht. Für Walsers weiteren Weg war es dennoch von Gewicht: Er übernahm die drollig naive Schülersprache aus den Aufsätzen als Werkzeug einer unbestechlichen Erkenntnis der Menschenwirklichkeit und machte sie für seine spätere Arbeit fruchtbar. Schon 1909 bemerkte Hermann Hesse in den Aufsätzen ein Aufleuchten von Liebe zu den Dingen und über rednerischer Prosa den warmen, innigen Schein der echten Dichtung.

Die spätere Forschung las das Werk weniger als bloße Parodie auf den gymnasialen Deutschunterricht. Peter Sprengel deutete es vielmehr als ironisch gebrochene Selbstaussage des Autors. Jochen Greven, der das Buch neu herausgab, würdigte es als launiges und originelles Kunstprodukt von verblüffender Sensibilität. Walser selbst zählte es zu seinen besten Prosastücken. Heute gilt der schmale Band als Ausgangspunkt eines eigenwilligen Werkes, das früh seinen unverkennbaren Ton fand.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten