1917
Der Spaziergang
Überblick↑
Die Erzählung Der Spaziergang gehört zu den bekanntesten kürzeren Prosatexten von Robert Walser. Sie erschien 1917 im Huber Verlag in Frauenfeld und Leipzig. In ihr begleitet der Leser einen Schriftsteller auf seinem Gang durch eine kleine Stadt und ihre Umgebung. Aus diesem scheinbar belanglosen Anlass entwickelt Walser eine Feier des Müßiggangs und ein leises Nachdenken über das Leben. Eine Sammelrezension nannte den Text ein „heiteres, kleines Meisterwerk“.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein Schriftsteller bricht zu einem Spaziergang auf, so wie es der Erzähler Robert Walsers häufig tun. Er gilt in seiner Umgebung als wohlhabender Privatier oder als Tagedieb, der keiner geregelten Arbeit nachgehen muss und sich ganz dem Müßiggang hingeben darf. In Wahrheit aber lebt dieser Mann der Feder in unsicheren Verhältnissen und ist auf die Freundlichkeit anderer angewiesen.
Sein Weg führt ihn nicht nur in den Wald, sondern auch zu ganz praktischen Stationen wie der Bank und der Gemeindekasse. Unterwegs reiht sich eine Begegnung an die andere: mit einer würdevoll wirkenden Frau und einem singenden Mädchen, die er beide mit schmeichelnden Worten anspricht, mit einem unheimlichen Riesen namens Tomzack und mit einem Schneidermeister, dem er vorwirft, seinen Anzug verpfuscht zu haben. Auch unbelebte Dinge ziehen seinen Blick auf sich, etwa die vergoldete Aufschrift einer Bäckerei. In der Stille der hohen Tannen überkommt den Erzähler ein tiefes Empfinden für die Welt, und seine Gedanken wenden sich den letzten Dingen zu.
Die Handlung im Detail↑
Der Held der Erzählung erscheint wie ein später Nachfahre von Eichendorffs Taugenichts und ein Verwandter der Hauptfiguren aus Walsers Romanen. Er ist Schriftsteller und macht sich zu einem Spaziergang auf. Bald erfährt der Leser, dass dieser Mann in finanziell wenig soliden Verhältnissen lebt, denn sein Weg führt ihn nicht allein in den Wald, sondern ebenso zur Bank und zur Gemeindekasse.
In der Umgebung hält man den Spaziergänger für einen gut betuchten Privatier oder einen Tagedieb. Er scheint frei von allen Pflichten zu sein und muss, anders als gewöhnliche Leute, keiner Brotarbeit nachgehen. Daraus schließt man, er müsse vermögend sein. Tatsächlich jedoch verfügt der Mann der Feder nur über ein sehr fragwürdiges Vermögen. Im Gegenteil ist er, wie es heißt, „voll behangen von jeder Art Armut“, hat nichts zu versteuern und ist auf Almosen angewiesen.
In seinem Umfeld gibt es gütige Gönner und freundliche Gönnerinnen, die ihn hin und wieder zum Essen einladen. Eine von ihnen ist Frau Aebi, die ihn aufs Liebenswürdigste empfängt. Doch die freundliche Dame hat die Eigenschaft, den Schriftsteller zu erschrecken, indem sie ihn zu stopfen beginnt wie eine Weihnachtsgans. Ähnlich der Hexe im Märchen nötigt sie ihn, immer noch mehr zu essen, und macht den armen Poeten glauben, sie wolle ihn mästen und seinen Tod herbeiführen. So gerät ihre Einladung für ihn zum wahren Albtraum.
Die Erzählung gliedert sich in eine Folge solcher Begegnungen. Der Spaziergänger spricht eine würdevoll wirkende Frau und ein singendes Mädchen mit schmeichelnden Worten an. Er trifft auf den unheimlichen Riesen Tomzack und auf den Schneidermeister Dünn, dem er vorhält, seinen Anzug verpfuscht zu haben. Daneben wendet er sich auch den Dingen zu, der vergoldeten Aufschrift einer Bäckerei ebenso wie dem Wald selbst. In der Stille der hohen Tannen durchflutet ihn schließlich ein „unsagbares Weltempfinden“, und seine Gedanken schweifen zu den letzten Dingen.
Stil↑
Als Erzähler arbeitet Walser in Der Spaziergang assoziativ. Er umschreibt scheinbar willkürlich seine unmittelbare Welt und reiht Eindruck an Eindruck. Wie auch seine übrigen Erzählungen ordnet sich der Text nicht über die Handlung der Hauptfigur, sondern über den Schreib- und Erzählvorgang selbst.
Kennzeichnend ist dabei eine eigentümliche Verschiebung der Gewichte: Der Erzähler rückt das Nebensächliche in den Mittelpunkt seines Schreibens, während er die wichtigen Themen gleichsam beiläufig zur Sprache bringt. So entsteht ein Ton, in dem das scheinbar Kleine groß wird und das Bedeutende sich leichthin äußert.
Rezeption↑
Schon früh wurde der Text gelobt. Eduard Korrodi nannte ihn in einer Sammelrezension ein „heiteres, kleines Meisterwerk“ und sprach von der „Apologie des geschäftigen Müßiggängers, den gewöhnliche Leute – Dichter nennen“. Die Herrlichkeit eines kostenlosen Spaziergangs am heiter-hellen Werktag werde hier, so Korrodi, geradezu aufreizend schön gepriesen.
Spätere Betrachter heben hervor, dass Walser sich in diesen Büchern auf neue Weise mit Form und Inhalt seines Erzählens auseinandersetzt. Andere lesen die Erzählung als Bild für den Lebensweg und laden dazu ein, das Gehen auf spirituelle Spuren hin zu befragen, auch wenn ausdrückliche religiöse oder christliche Motive bei Walser fehlen. Die Frage nach dem eigenen Selbst und nach dem Sinn des Daseins, so dieser Deutungsstrang, liege dem Text und seinem Spazieren näher, als man zunächst wahrnimmt.
Die Wirkung reicht bis in die jüngere Literatur. Jurij Andruchowytsch stellte seinem Roman Radio Nacht aus dem Jahr 2021 ein Zitat aus Der Spaziergang als Motto voran.
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