1972
Der Räuber
Überblick↑
Der Roman Der Räuber gehört zu den eigenwilligsten Werken der deutschsprachigen Moderne. Robert Walser schrieb ihn im Juli und August 1925 in Bern. Es war keine fertige Reinschrift, sondern ein Bleistiftentwurf in winziger, fast mikroskopisch verkleinerter Kurrentschrift. Der gesamte Text fand auf 24 Manuskriptseiten Platz, obwohl die spätere Druckfassung knapp zweihundert Seiten umfasst. Walser selbst hat diese Niederschrift wohl nie zur Veröffentlichung bestimmt. Das Manuskript trug nicht einmal einen Titel. Erst 1972, lange nach Walsers Tod, gab Jochen Greven den Text erstmals heraus. Zuvor hatte er die schwer leserliche Miniaturschrift entziffert. Heute gilt das Buch als einer der eigenartigsten Romane der deutschen Literatur – ein Werk, in dem das Erzählen selbst zum Gegenstand wird.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht ein Mann, der im Roman nur „der Räuber" genannt wird. Er ist Bohemien, mittelloser Schriftsteller und Müßiggänger. Als Außenseiter begegnet ihm die bürgerliche Welt mit Spott und Ablehnung, denn er will sich nicht einfügen und kann es auch nicht. Eine Zeitlang hat er im Ausland gelebt. Doch nachdem er die Gunst seines Mäzens verspielt hat, ist er nach Bern zurückgekehrt. Dort lebt er in den Tag hinein: teils von seiner Wirtin ausgehalten, teils mit gelegentlichen Büroarbeiten beschäftigt.
Sein Alltag besteht aus Spaziergängen, Beobachtungen und flüchtigen Begegnungen, vor allem mit Frauen. Er verliebt sich in das bürgerliche Mädchen Wanda, später in die Kellnerin Edith. Doch über zarte Annäherungen kommt es nie hinaus. Schließlich soll er in einer Berner Kirche einen öffentlichen Vortrag über die Liebe halten. Was dabei geschieht, soll hier nicht verraten werden.
Wer eine geordnete Geschichte erwartet, wird überrascht. Die Handlung ist nur das Gerüst, an dem entlang der Erzähler ein virtuoses Spiel der Abschweifungen entfaltet.
Die Handlung im Detail↑
Der Roman beginnt mit den Sätzen „Edith liebt ihn. Hiervon nachher mehr." Schon mit diesem Auftakt kündigt der Erzähler ein Geflecht aus Vorverweisen und Verrätselungen an, das den ganzen Text durchzieht.
Der „Räuber" ist ein mittelloser Schriftsteller und Müßiggänger, der von der Gesellschaft ausgegrenzt und belächelt wird. Er wäre, so heißt es, „vielleicht froh, wenn irgend jemand an sein Räubertum geglaubt hätte". Der Erzähler tritt als ein vom Räuber beauftragter Autor auf, der dessen Geschichte niederschreiben soll. Diese Geschichte wäre schnell erzählt: Der Räuber hat eine Zeitlang im Ausland gelebt, musste aber nach Bern zurückkehren, nachdem er sich die Zuwendungen seines Mäzens verscherzt hatte. In Bern lebt er teils von seiner Wirtin ausgehalten, teils von gelegentlichen Büroarbeiten. Er treibt sich umher, beobachtet, plaudert, denkt nach – und begegnet vor allem Frauen, ohne dass es über flüchtige Annäherungen hinausginge.
Zunächst verliebt er sich in ein bürgerliches Mädchen namens Wanda, dann in die Saaltochter Edith. Schließlich wird er gebeten, in einer Kirche einen öffentlichen Vortrag über die Liebe zu halten. Dabei demütigt er Edith durch seine Ausführungen vor allen Zuhörern. Edith schießt daraufhin auf ihn. Der Räuber wird getroffen, überlebt jedoch die Verletzung.
Diese Handlung ist allerdings, wie der Erzähler selbst betont, nur ein Gerüst. Wichtiger als das Geschehen ist der Erzählprozess: Der Roman ist in 35 Textsegmente gegliedert und folgt einem fortlaufenden Schreibfluss. Der Erzähler greift frei und scheinbar ungeordnet auf die Ereignisse zu, schweift ständig ab, mischt seine eigene Geschichte mit der des Räubers und ruft sich gelegentlich selbst zur Ordnung: „Armer Räuber, ich vernachlässige dich ja ganz." Manche der angekündigten Vorverweise bleiben uneingelöst, andere beziehen sich auf Episoden, die für den Fortgang gar keine Rolle spielen. Das Verweisgeflecht spielt mit den Erwartungen des Lesers und führt ihn an der Nase herum. Aus den Begebenheiten gewinnt der Erzähler Sentenzen über die Liebe, das Schreiben, das Bürgertum und das Künstlerleben. So wird der Akt des Erzählens selbst zum eigentlichen Thema des Romans.
Stil↑
Der Roman zieht zahllose sprachliche Register zugleich: saloppen Tonfall, Ironie, kalauernde Wortspielereien, Parodien auf gehobene Rede. Weil der Text als kontinuierlicher Erzählstrom geschrieben ist, gehen diese Tonfälle bruchlos ineinander über. Walser arbeitet mit Gleichklängen, Reimen und Assoziationen: „Der Sexuelle oder Intellektuelle hatte ihn aufgeweckt", „Holdheiten und Goldheiten". Oft entstehen Überleitungen rein über die Klangebene, während die Gedanken inhaltlich weit auseinanderspringen. Thomas Bolli hat in seiner Arbeit Inszeniertes Erzählen (Bern 1991) gezeigt, dass die hohe sprachliche Geschlossenheit des Textes mit einer auffälligen Unzusammenhängigkeit des Erzählten einhergeht.
Typisch sind Tautologien wie „geeigneten Platzes und Ortes" und Synonymbildungen. Der Räuber heißt einmal „unser Kenner der Umgebung von Pontarlier", dann „unser oft und viel Französisch Lesender", dann „der Liebhaber von Schokoladenstängeli". Sperrige Wortneubildungen wie „der Weniginbetrachtfallende" stehen neben gewollten Umständlichkeiten in Wortwahl und Satzbau. Beschreibungen wirken oft, als entsprängen sie eher der Lust am Sprachfluss als dem Beschriebenen: „Die Haut war warm und kalt, trocken abgerieben und feucht zugleich." Verniedlichung und Übertreibung treffen aufeinander. Attribute werden auf Dinge bezogen, zu denen sie nicht zu passen scheinen – so ist vom „Tragen und Mitschleppen des Titels Dame" die Rede.
Charakteristisch ist eine durchgehende Unangemessenheit der Sprache zum Erzählgegenstand. Großes wird banalisiert („Da brach auch noch der Weltkrieg aus, und die Pension fing bald an, sich Ausländern bekannt zu machen"). Alltägliches wird in gehobenem Ton beschrieben („Der Räuber war mit Lampenanzünden beschäftigt und stand zu diesem Behuf auf einem Stuhl"). Ein einfacher Löffel wird zum „witfraulichen Gebrauchsgegenstand". Auch lyrisches Pathos wird parodiert. In dieser Wahl unpassender Sprache zeigt sich eine bestimmte Haltung zur Welt: die Unfähigkeit, sich den geltenden Codes anzupassen, verbunden mit einem feinen Gespür für deren Lächerlichkeit.
Auch der Titel selbst spielt mit dieser Unangemessenheit. Die Bezeichnung „Räuber" verweist auf das Urteil des Bürgertums, das den mittellosen Künstler als Nutznießer ansieht. Zugleich verweist sie auf die Selbsteinschätzung des Schriftstellers, der sich als Räuber von „Landschaftseindrücken" und „Neigungen" begreift. Daneben klingen literarische Bezüge mit. Walser verweist in Kurzprosastücken auf Schillers Die Räuber und auf Christian August Vulpius' Roman Rinaldo Rinaldini, der Räuberhauptmann.
Das Erzählen selbst ist Gegenstand des Romans. Der Text ist in 35 Segmente gegliedert, folgt aber einem fortlaufenden Schreibprozess, in dem der Erzähler ständig auf das Erzählen zu sprechen kommt. Vorverweise und Verrätselungen führen den Leser an der Nase herum. Manche werden eingelöst, viele nicht. Das geordnete Erzählen des neunzehnten Jahrhunderts wird parodiert, indem der Erzähler vorgibt, ihm zu folgen: „Genfergasse und Portugal, wie bringe ich diese Auseinandergelegenheiten in Zusammenhang?" Erzähldramaturgische Kniffe werden offen ausgestellt: „Wir wollen alles das im Interesse verhaltener Interessantheit aufsparen." Ständige Abschweifungen sind formales wie inhaltliches Prinzip – mal durch das Verweisgeflecht behauptet, mal als bloßer Gedankensprung: „Zu Mittag gab es gewöhnlich Spaghetti, ach ja, und er aß sie immer wieder herzlich gern. (…) Gestern schnitt ich mir eine Gerte ab."
Rezeption↑
Die Rezeption dieses Romans setzte erst spät ein, und das aus einem einfachen Grund. Walser hatte den Text in seiner berühmten Miniaturschrift auf nur 24 Manuskriptseiten festgehalten, einer extrem verkleinerten Kurrentschrift. Wegen ihrer schweren Leserlichkeit galt sie lange fälschlich als „Geheimschrift". Erst Jahrzehnte nach Walsers Tod gelang Jochen Greven unter Mitarbeit von Martin Jürgens die erste Transkription. Eine Revision besorgten später Bernhard Echte und Werner Morlang. So konnte der Roman erst 1972 erscheinen, fast ein halbes Jahrhundert nach seiner Niederschrift.
In der Literaturwissenschaft hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass Walser den Text nie zur Veröffentlichung bestimmt habe. Das Manuskript trug nicht einmal einen Titel. Gerade dieser Werkstattcharakter aber machte den Roman für die spätere Forschung besonders reizvoll. Arbeiten wie Thomas Bollis Inszeniertes Erzählen (Bern 1991) haben gezeigt, wie kunstvoll die Spannung zwischen sprachlicher Geschlossenheit und inhaltlicher Sprunghaftigkeit gebaut ist. Der Roman gilt heute als einer der wichtigsten Texte Walsers und als ein Schlüsselwerk der literarischen Moderne.
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