1804
Der Runenberg
Überblick↑
Die Erzählung Der Runenberg stammt von Ludwig Tieck, einem der Romantiker. Sie erschien 1804 im Taschenbuch für Kunst und Laune. Acht Jahre später nahm Tieck sie in seine Sammlung Phantasus auf, die Märchen, Erzählungen und Schauspiele vereint. Die Geschichte erzählt von einem jungen Mann, den die Sehnsucht nach den Bergen und nach einer geheimnisvollen Erscheinung aus seinem bürgerlichen Leben herauslöst. Sie verbindet die Form des Märchens mit der einer Novelle und gilt als ein eindringliches Beispiel romantischer Erzählkunst.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Christian, ein schwermütiger junger Jäger. Schon als Sohn eines Schlossgärtners zog es ihn nicht zu den Pflanzen, sondern allein in die Berge und in die Natur. Er verließ darum sein Elternhaus und erlernte bei einem alten Förster das Jägerhandwerk.
Im Gebirge begegnet er einem Fremden, der ihn ein Stück begleitet. Auf dessen Rat besteigt Christian zweifelnd und doch wie getrieben den Runenberg. Dort erlebt er eine seltsame nächtliche Begegnung, die ihn nicht mehr loslässt – auch wenn er sich am Morgen einredet, alles sei nur ein Traum gewesen.
Bald darauf findet Christian zurück unter die Menschen. In einem Dorf lernt er die schöne Elisabeth kennen, tritt bei ihrem Vater als Gärtner an und heiratet sie. Die beiden gründen eine Familie und leben glücklich. Doch die Erinnerung an das Erlebnis im Gebirge bleibt in Christian wach und stellt sein ruhiges Leben auf die Probe.
Die Handlung im Detail↑
Der schwermütige junge Jäger Christian trifft im Gebirge auf einen Fremden, der ihn ein Stück des Weges begleitet. Unterwegs erzählt Christian von seiner Herkunft. Sein Vater war Gärtner an einem Schloss und enttäuscht darüber, dass der Sohn nicht seine Interessen teilte, sondern sich einzig von der Sehnsucht nach dem Gebirge und der Natur leiten ließ. Schließlich verließ Christian das Elternhaus und lernte bei einem alten Förster den Beruf des Jägers.
Nach einer Weile trennen sich die Wege von Christian und dem Fremden. Auf den Rat des Fremden besteigt Christian zweifelnd und ängstlich, zugleich aber wie besessen den Runenberg. Er gelangt an ein Fenster und wirft einen Blick hindurch. Drinnen sieht er eine singende Frau, die sich entkleidet. Die nackte Schönheit überreicht ihm eine seltsame, mit Edelsteinen besetzte Tafel mit Zeichen. Beim Erwachen ist die Tafel verschwunden.
Am Morgen kann Christian sich nur noch vage an das Erlebte erinnern und redet sich schließlich ein, es habe sich um einen Traum gehandelt. Kurze Zeit später kommt er in ein kleines Dorf und ist erleichtert, wieder unter Menschen zu sein. In der Dorfkirche begegnet er zum ersten Mal seiner künftigen Frau, der schönen Elisabeth. Um in ihrer Nähe zu sein, tritt er bei Elisabeths Vater eine Stelle als Gärtner an. Er arbeitet fleißig, und nach sechs Monaten nimmt er Elisabeth zur Frau. Die beiden sind sehr glücklich und gründen bald eine Familie.
Nach langer Zeit beschließt Christian, seine Heimat zu besuchen. Schon im Gebirge, am Fuße des verhängnisvollen Runenbergs, trifft er auf seinen Vater. Nach dem Tod der Mutter war dieser sehr einsam geworden und hatte sich auf die Suche nach dem Sohn gemacht. Der Vater zieht bei Christians Familie ein, und ihr Leben verläuft sorglos. Eines Tages kommt ein Fremder vorbei, der sich bei der Familie einlebt. Nach drei Monaten folgt er einem unbestimmten Ruf und zieht weiter. Er hinterlässt eine hohe Summe Geld, auf die Christian aufpassen soll: Kehrt der Fremde nicht binnen eines Jahres zurück, so gehört das Geld Christian.
Ein Jahr vergeht, und die Reichtümer gehen in Christians Besitz über. Zunehmend leidet er nun unter Verfolgungswahn – das Gold habe ihn verdorben, sagt sein Vater. Christian wandert ziellos umher, bis er im Wald auf eine alte Frau trifft. Sie gibt ihm die verschwundene Tafel zurück, die ihn völlig in ihren Bann zieht.
Christian verschwindet in einem Bergschacht und wird von den Seinen für tot gehalten. Erst nach vielen Jahren taucht er ganz verwahrlost wieder auf. In der Zwischenzeit sind sein Vater und seine Schwiegereltern gestorben. Elisabeth hat erneut geheiratet und weitere Kinder geboren, doch ihre Familie und ihr Besitz erleben einen unaufhaltsamen Niedergang. Christian zeigt seiner verarmten Frau einen Sack mit wertlosen Steinen, die in seinen Augen Edelsteine zu sein scheinen. Dann kehrt er zu seinem Waldweib zurück.
Stil↑
Als Märchennovelle verbindet das Werk zwei Erzählformen miteinander: das Wunderbare des Märchens und die zugespitzte Form der Novelle. Die Grenze zwischen Wachen und Traum bleibt durchlässig. Was Christian auf dem Runenberg erlebt, lässt sich weder eindeutig als Wirklichkeit noch als bloßer Traum festmachen, und gerade diese Unsicherheit prägt den Ton der Erzählung.
Kennzeichnend ist der Gegensatz zwischen zwei Welten: dem geordneten Leben im Dorf, in Familie und Garten, und der lockenden, unheimlichen Welt des Gebirges mit seinen Steinen, Schächten und geheimnisvollen Gestalten. Wiederkehrende Bilder – die Tafel mit den rätselhaften Zeichen, die nackte Schönheit, die Edelsteine – verknüpfen die einzelnen Stationen der Handlung und kehren am Ende verwandelt wieder. So entsteht der für die Romantik typische Eindruck einer Natur, die Geheimnisse birgt und den Menschen in ihren Bann ziehen kann.
Rezeption↑
Die Erzählung gehört zu den bekannten Werken Ludwig Tiecks und wird zu den eindrücklichen Beispielen der romantischen Prosa gezählt. Sie wurde 1812 in Tiecks Sammlung Phantasus aufgenommen. Bis heute findet sie Beachtung als Text, in dem sich zentrale Anliegen der Romantik verdichten: die Sehnsucht nach der Natur, die verführerische Kraft des Geheimnisvollen und die Gefährdung des bürgerlichen Lebens durch eine dunkle, unwiderstehliche Anziehung.
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