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Werkseintrag · Der gestiefelte Kater
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Der gestiefelte Kater
1797
– Werkseintrag –

Der gestiefelte Kater

1797 · Komödie

Ein sprechender Kater verschafft seinem armen Herrn ein Königreich – und ein erfundenes Publikum schimpft und applaudiert mitten im Stück.

Überblick

Bei diesem Werk handelt es sich um eine Komödie von Ludwig Tieck, die das alte Märchen vom listigen Kater auf höchst eigenwillige Weise auf die Bühne bringt. Tieck veröffentlichte Der gestiefelte Kater 1797 in seiner Sammlung Volksmärchen, gemeinsam mit Der blonde Eckbert und Ritter Blaubart. 1811 erschien eine zweite, überarbeitete Fassung. Auf die Bühne kam das Stück allerdings erst spät: Die Uraufführung fand am 20. April 1844 in Berlin statt. Das Besondere ist, dass nicht nur das Märchen selbst gespielt wird, sondern auch ein erfundenes Theaterpublikum, das während der Vorstellung mitredet, schimpft und applaudiert. So entsteht ein Spiel im Spiel, das sich über das Theater, den Geschmack der Zuschauer und die Kunst selbst lustig macht.

Inhalt (ohne Spoiler)

Schon bevor das eigentliche Märchen beginnt, sitzt im Theater ein erfundenes Publikum, das sich für aufgeklärt und geschmackssicher hält. Es ist empört darüber, dass man ihm ausgerechnet ein Kindermärchen mit einem Kater vorsetzen will, und beginnt zu poltern. Erst der Dichter, der eigens auf die Bühne tritt, kann die leicht beeinflussbaren Zuschauer beruhigen.

Dann setzt die Handlung ein. Drei Söhne eines verstorbenen Müllers teilen das Erbe. Dem jüngsten, Gottlieb, bleibt nur der Kater Hinze, und er verzweifelt an seiner Lage. Doch der Kater kann sprechen. Klug und voller Tatendrang verspricht Hinze, dem unbeholfenen Gottlieb aus der Not zu helfen – vorausgesetzt, dieser lässt ihm ein Paar Stiefel anfertigen. Während Hinze seine Pläne schmiedet, lernt man den König und seine bildungsbeflissene Tochter kennen, einen weither gereisten Prinzen und einen finsteren Herrscher namens Popanz, der sich in Tiere verwandeln kann.

Das Reizvolle liegt darin, dass die Märchenhandlung immer wieder unterbrochen wird: Das Publikum diskutiert in den Pausen, der Geschmack der Zuschauer kippt von Empörung zu Begeisterung und zurück, und mehrfach reißt der Faden zwischen Spiel und Wirklichkeit. So bleibt offen, ob Hinzes kühner Plan, den schlichten Gottlieb zum Herrscher zu machen, am Ende aufgeht.

Die Handlung im Detail

Im Prolog versammelt sich das erfundene Publikum im Parterre des Theaters. Die Zuschauer, die sich selbst für aufgeklärt halten, sind verwirrt und ablehnend, weil sie ein Kindermärchen mit einem Kater nicht für guten Geschmack halten, und beginnen zu pochen. Der Dichter tritt auf, schildert höflich seine Verzweiflung über die Ablehnung und rührt die wankelmütigen Zuschauer so, dass sie ihm applaudieren.

Der erste Akt beginnt in einer Bauernstube. Die drei Söhne des toten Müllers teilen das Erbe; Gottlieb erhält nur den Kater Hinze und ist verzweifelt. Das Publikum ist zunächst zufrieden, weil es ein rührendes Familienstück zu sehen glaubt. Als der Kater aber zu sprechen anfängt, ist die Empörung über die „unvernünftige Illusion“ groß. Hinze gibt sich um Gottlieb besorgt, beide schließen Freundschaft, und der Kater verlangt ein Paar Stiefel, um helfen zu können. Ein herbeigerufener Schuhmacher fertigt sie an, ohne sich über den sprechenden Kater zu wundern – wie später keine der Bühnenfiguren. Im Palast warnt der König seine Tochter vor einer unglücklichen Ehe; die Prinzessin schwärmt fürs Intellektuelle, scheitert aber an der eigenen Sprache. Prinz Nathanael von Malsinki hält um ihre Hand an. Der König zeigt sich als willkürlicher Herrscher, der fremde Länder schon wegen ihrer Rosinen anzugreifen bereit ist, und wundert sich, dass Nathanael seine Sprache spricht – worauf dieser ihn bittet, das Publikum nicht darauf hinzuweisen. Eine Wirtshausszene an der Grenze zum Land des Popanzes zeigt einen Deserteur und seine Verfolger, die einträchtig zusammen ein Bier trinken.

Im Zwischenakt streiten die Zuschauer über den Sinn der Szenen. Manche fühlen sich an die Oper Die Zauberflöte erinnert, der Kenner Bötticher verliert sich in der Beschreibung des Katers.

Im zweiten Akt vertröstet Hinze Gottlieb auf etwas Geduld und geht auf die Jagd. Auf freiem Feld bekommt er Lust, eine Nachtigall zu fressen – das Publikum ist über diesen Rückfall ins Tierische unzufrieden. Ein schwärmerisches Liebespaar tritt auf, dann fängt Hinze ein Kaninchen und beherrscht sich in einem kleinen Monolog über sein Pflichtbewusstsein. Bei der großen Audienz überreicht er das Kaninchen dem König als Geschenk des „Grafen von Carabas“ – einer erfundenen Standesperson, mit der Hinze den schlichten Gottlieb ausstattet. Der König ist so begeistert, dass er das Ereignis von seinem Geschichtsschreiber festhalten lässt. Im Speisesaal zeigt sich die Rivalität zwischen dem Gelehrten Leander und dem Narren Hanswurst, zwischen denen der König keinen Unterschied sieht. Als der König einen „Zufall“ bekommt, beruhigt ihn der Besänftiger mit einem Glockenspiel; Tiere und Schauspieler tanzen zu einer Szene, die Die Zauberflöte zitiert, und der Vorhang fällt unter Beifall.

Ein weiterer Zwischenakt zeigt, wie sich das Publikum gegen den selbstgefälligen Bötticher zu wenden beginnt.

Im dritten Akt geht der Vorhang zu früh auf; ein Gespräch zwischen Maschinist und Dichter stiftet Verwirrung, Hanswurst hetzt die Zuschauer auf, der Dichter beschwichtigt erneut. Hinze verspricht Gottlieb, dass er noch am selben Tag Herrscher werde; dann fällt der Darsteller Gottliebs scheinbar aus der Rolle und erinnert daran, dass die Vorstellung um acht Uhr ohnehin zu Ende sei. Bötticher wird schließlich von den anderen Zuschauern aus dem Theater gejagt. Auf dem Feld ist Hinze inzwischen ein geübter Jäger; das Liebespaar erscheint zerstritten und will sich scheiden lassen. Im Palast streiten Leander und Hanswurst über den Wert des Stücks Der gestiefelte Kater selbst – die Zuschauer verstehen nicht, dass damit von einem Publikum die Rede ist, denn ein solches komme in dem Stück ja gar nicht vor.

Nun führt Hinze seinen Plan aus. Er bringt Gottlieb zum Palast des Popanzes und sorgt dafür, dass Wirt und der Bauer Kunz dem König melden, die Dörfer und Felder gehörten dem „Grafen von Carabas“. Am Fluss lässt er Gottlieb ohne Kleider baden, so dass die vorbeifahrende königliche Kutsche ihn aufnimmt und in vornehme Gesellschaft bringt. Im Palast des Popanzes überlistet Hinze den tyrannischen Herrscher: Er lobt ihn, bringt ihn dazu, sich in eine Maus zu verwandeln, und frisst ihn auf. Ein Ausruf Hinzes lässt die Szene für einen Augenblick wie ein Revolutionsstück wirken, worüber das Publikum erbost pocht. Der Besänftiger wird gerufen, die Kulisse verwandelt sich in Feuer und Wasser aus der Zauberflöte. Wie in der Oper schreitet Gottlieb durch Feuer und Wasser und wird so zum Herrscher. Er heiratet die Prinzessin, und Hinze wird vom König in den Adelsstand erhoben. Das Stück endet unter gewaltigem Pochen der Zuschauer.

Im Epilog applaudieren die Zuschauer dennoch, weil ihnen wenigstens die Dekoration der Schlussszene gefällt. Der Dichter erscheint ein letztes Mal und macht das Publikum für das Scheitern seines Stücks verantwortlich.

Stil

Sein auffälligstes Mittel ist die mutwillige Zerstörung der Theaterillusion. Tieck lässt nicht nur das Märchen vom gestiefelten Kater spielen, sondern stellt ihm ein erfundenes Publikum, einen Dichter und sogar die Theatertechnik zur Seite. Prolog, Zwischenakte und Epilog gehören mit zum Stück: Dort streiten die Zuschauer über den Sinn der Szenen, fordern einen festen Standpunkt und kippen unberechenbar zwischen Empörung und Begeisterung. So entstehen mehrere Ebenen zugleich – das Märchen, das Gerede über das Märchen und das Stück, das beides ineinander verschränkt.

Immer wieder reißt der Faden zwischen Spiel und Wirklichkeit absichtlich. Figuren sprechen das Publikum direkt an oder bitten, es nicht auf Widersprüche hinzuweisen; ein Darsteller fällt scheinbar aus der Rolle und verweist auf das nahe Ende der Vorstellung; der Vorhang geht zu früh auf, und ein Regiegespräch wird hörbar. Aus solchen gewollten „Pannen“ zieht das Stück seinen Witz. Dazu kommt die Komik der Übertreibung: der König als launischer Willkürherrscher, die Prinzessin mit großen Worten und kleinem Können, der Streit zwischen Gelehrtem und Narr.

Auffällig ist auch das offene Spiel mit anderen Werken. Mehrfach zitiert Tieck Mozarts Oper Die Zauberflöte – der Besänftiger zitiert mit seinem Glockenspiel Papagenos Auftritt aus der Zauberflöte, am Schluss schreitet Gottlieb durch Feuer und Wasser. Auf diese Weise verbindet das Stück das schlichte Volksmärchen mit Spott auf Theatergewohnheiten, Publikumsgeschmack und Literaturbetrieb seiner Zeit.

Rezeption

Erschienen ist das Werk 1797 innerhalb von Tiecks Sammlung Volksmärchen, gemeinsam mit Der blonde Eckbert und Ritter Blaubart. 1811 brachte Tieck eine zweite, überarbeitete Fassung heraus. Auffällig ist der große Abstand zwischen Niederschrift und Bühne: Erst am 20. April 1844, also fast ein halbes Jahrhundert nach dem ersten Druck, wurde das Stück in Berlin uraufgeführt. Diese späte Premiere zeigt, wie ungewöhnlich Tiecks Spiel mit der Theaterillusion für seine Zeit war und wie lange es dauerte, bis die Bühne ihm gewachsen war.

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