Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Ludwig Tieck
Eingang · Autoren · Ludwig Tieck
Porträt Ludwig Tieck
Ludwig Tieck
1773 – 1853
– Autorenporträt –

Ludwig Tieck

1773 – 1853 · 79 Jahre

Begründer der deutschen Romantik, gefeierter Vorleser und Meister der Novelle – Mitstifter der Jenaer Frühromantik und 1842 Gründungsmitglied des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste.

Kurzporträt

Ludwig Tieck (1773–1853) gehört zu den Begründern der deutschen Romantik. Als Dichter, Erzähler, Dramatiker, Herausgeber und Übersetzer prägte er über ein halbes Jahrhundert lang das literarische Leben in Berlin, Jena und Dresden. Mit dem Briefroman William Lovell, den Volksmärchen und dem Künstlerroman Franz Sternbalds Wanderungen lieferte er der jungen romantischen Schule ihre ersten Musterwerke. In seiner späten Dresdner Zeit wurde er zum europaweit gefeierten Vorleser und Meister der Novelle. König Friedrich Wilhelm IV. holte ihn 1842 als Geheimen Hofrat nach Berlin zurück.


Biografie

Tieck wurde am 31. Mai 1773 in Berlin geboren. Er wuchs in der Roßstraße nahe dem Cöllnischen Fischmarkt auf, als Sohn des Seilermeisters Johann Ludwig Tieck und seiner Frau Anna Sophie. Der Vater war ein belesener Mann mit einer kleinen Hausbibliothek, in der auch Schriften der Aufklärer standen. Zusammen mit seinen jüngeren Geschwistern Friedrich und Sophie genoss Ludwig eine sorgfältige Schulbildung. Ab 1782 besuchte er das Friedrich-Werdersche Gymnasium unter Leitung Friedrich Gedikes. Diese Schule unterrichtete nach modernen Methoden in Deutsch und in den Fremdsprachen. Hier befreundete er sich für das ganze Leben mit Wilhelm Heinrich Wackenroder. Schon als Schüler arbeitete er für die Literaturfabrik seiner Lehrer August Ferdinand Bernhardi und Friedrich Rambach. Er ergänzte fremde Texte und schrieb am Ende ganze Partien und Romanschlüsse selbst.

Von 1792 an studierte Tieck Geschichte, Philologie sowie alte und neue Literatur in Halle, Göttingen und Erlangen. In Halle hörte er bei Friedrich August Wolf, in Göttingen bei Johann Dominik Fiorillo und Jeremias David Reuss. Mit Wackenroder unternahm er von Erlangen aus die „Pfingstreise durch Franken" auf der Suche nach Zeugnissen der „altdeutschen Zeit". Auch Nürnberg und das Schloss Weißenstein bei Pommersfelden besuchten sie. Formal war Tieck für evangelische Theologie, Philologie und Geschichte eingeschrieben. In Wahrheit galt sein Interesse der Literatur. 1794 brach er das Studium ab und kehrte nach Berlin zurück. Dort begann er ein bald wieder aufgegebenes Jurastudium und entschied sich endgültig für die freie Schriftstellerexistenz.

In raschem Tempo entstanden in Berlin die frühromantischen Hauptwerke: der Briefroman William Lovell (1795/96), die mit Wackenroder verfassten Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders (1796), die Volksmaehrchen von Peter Lebrecht (1797) und der Künstlerroman Franz Sternbalds Wanderungen (1798). Dieser gab die Richtung für die romantischen Romane Novalis' und Eichendorffs vor. Daneben veröffentlichte Tieck in Friedrich Nicolais Sammlung „Straußfedern" Unterhaltungsliteratur, teils als Gemeinschaftsarbeit mit seiner Schwester Sophie. 1798 heiratete er in Hamburg Amalie Alberti, Tochter des Predigers Julius Gustav Alberti. Aus der Ehe ging die Tochter Dorothea hervor.

1799/1800 hielt Tieck sich in Jena auf. Dort trat er mit den Brueder Schlegel, Novalis, Brentano, Fichte und Schelling in engen Austausch. Der Kreis bildete die sogenannte Jenaer Frühromantik. Tieck lieferte zu den Theorien der Schlegels die literarischen Beispiele. Auch Goethe und Schiller lernte er kennen. 1801 zog er mit Friedrich Schlegel nach Dresden, 1802 mit der Familie auf das Landgut seines Freundes Wilhelm von Burgsdorff in Ziebingen östlich von Frankfurt an der Oder. Dort lebte er bis 1819 mit Unterbrechungen. Auf dem nahen Gut Madlitz lernte er Henriette Gräfin Finck von Finckenstein kennen, mit der er eine lebenslange Beziehung einging. Sie begleitete ihn 1819 nach Dresden und später nach Berlin. Laut der Deutschen Biographie wurde die erste Ziebinger Dekade von einer Lebens- und Schaffenskrise überschattet. Ausgelöst wurde sie durch eine offene Ménage à trois mit Ehefrau und Geliebter und durch das Auseinanderfallen des Jenaer Kreises nach dem Tod Wackenroders und Novalis'. Tieck reiste viel: 1803 mit Burgsdorff nach Süddeutschland, 1804–1806 mit der Familie über München nach Rom, 1808–1810 nach München und Wien. Danach folgten längere Reisen nach London und Paris, die einem nie vollendeten großen Shakespeare-Werk dienten. Die Krise überwand er mit der Sammlung Phantasus (1812–1817), die Märchen, Schauspiele und Erzählungen vereinte.

Von 1819 bis 1842 lebte Tieck in Dresden, am Altmarkt. Hier festigte er seine schriftstellerische Existenz und freundete sich mit dem Philosophen Karl Wilhelm Ferdinand Solger an. Durch seine fast allabendlichen dramatischen Vorlesungen, besonders sonnabends um 18 Uhr, wurde er deutschlandweit bekannt. Von 1825 bis 1841 wirkte er als Dramaturg des Hoftheaters. Als Dichter widmete er sich seit der Niederlassung in Dresden fast ausschließlich der Novelle. Zwölf Bände seiner gesammelten Novellen erschienen 1852–1854. 1826 übernahm er die Vollendung der von August Wilhelm Schlegel begonnenen Shakespeare-Übersetzung, gemeinsam mit Wolf Graf Baudissin und seiner Tochter Dorothea. Außerdem gab er Heinrich von Kleists hinterlassene Schriften, Lenz' Schriften, Johann Gottfried Schnabels Insel Felsenburg und vieles mehr heraus. Sein letztes groeßeres Werk, der Roman Vittoria Accorombona (1840), entstand unter dem Einfluss der neufranzösischen Romantik.

1841 rief König Friedrich Wilhelm IV. ihn nach Berlin. Im Herbst 1842 zog er endgültig dorthin. Der König ernannte ihn zum Geheimen Hofrat und sicherte ihm eine lebenslange Pension und eine Ehrenstelle als Dramaturg der königlichen Theater zu. Am 31. Mai 1842 berief er ihn als Gründungsmitglied in den preußischen Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste. Krank und durch den Tod fast aller Angehörigen vereinsamt – darunter seiner Tochter Dorothea, seiner engsten Mitarbeiterin – verlebte er ein ehrenvolles, aber resigniertes Alter. Ludwig Tieck starb am 28. April 1853 in Berlin an Lungenlähmung. Er wurde auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof II beigesetzt. Der König schritt dem Trauerzug voran. Sein Grab ist heute Ehrengrab des Landes Berlin.


Literarische Merkmale

Tiecks Schreiben verbindet die geistige Atmosphäre des spaetfriderizianischen Berlin – Aufklärung, Rokoko, Empfindsamkeit – mit dem neuen Ton der Romantik. Schon die frühen Hauptwerke zwischen 1795 und 1798 zeigen eine bemerkenswerte thematische und stilistische Vielfalt: vom pessimistischen Briefroman William Lovell über die kunsttheoretischen Prosastücke der Herzensergießungen und die Volksmaehrchen bis zum Künstlerroman Franz Sternbalds Wanderungen. Laut der Deutschen Biographie liegt der Keim der späteren Romantik in diesen Werken einerseits in Pessimismus und Schicksalsverfallenheit, einer Absage an den Optimismus der Aufklärung. Andererseits liegt er in der Verherrlichung der Sinnlichkeit und der Kunst sowie im vorherrschenden Ton des Wundersamen. Die romantische Autonomie der Kunst zeigt sich bei Tieck zudem in selbstbezüglichen literarischen Verfahren, die er als erster der neuen Schule radikal durchspielte.

Charakteristisch ist seine Bearbeitung alter Volkssagen und Märchen, bald dramatisch-satirisch, bald schlicht erzählend. Märchen und Erzählungen wie Der getreue Eckart, Die Elfen, Der Pokal und vor allem Der blonde Eckbert gelten schon ihrer formalen Vorzüge wegen als bleibend. In den dramatischen Werken griff er gern auf altes Volksbuch- und Sagenstoff zurück, etwa in dem Trauerspiel Leben und Tod der heil. Genoveva oder im Lustspiel Kaiser Octavianus.

Nach der Übersiedlung nach Dresden wandte Tieck sich fast ausschließlich der Novelle zu. In den gelungensten erscheint laut Wikipedia eine wirklich dichterische Aufgabe mit rein poetischen Mitteln gelöst. Sie zeichnen sich durch einfache Darstellung, die Vielfalt lebendiger und typischer Charaktere und den Tiefsinn der poetischen Idee aus. Mit zahlreichen anderen Novellen aber bahnte er einer „Gespraechsnovellistik" den Weg. In ihr tritt das Erzählerische zurück, und der Text wird zum Vehikel für Meinungen und Bildungsresultate. Annette von Droste-Huelshoff bemerkte 1835 über den Phantasus, Tiecks Nervensystem müsse aeußerst reizbar sein, weil er alle Zustände von Halbwachen, Schwindel und seltsamen fixen Ideen so genau darstelle.

Die Spannung zwischen dem Rationalismus des achtzehnten Jahrhunderts und der mystischen Romantik durchzieht sein Werk. Sie erklärt seine vielfach widersprueckliche Art. Hinzu kommt, dass Tieck weitgehend aus dem Augenblick heraus schrieb. Das Improvisatorische seiner Begabung ließ ihn selten zu vollkommen reiner Ausgestaltung seiner Entwürfe gelangen.


Rezeption

Tiecks Stellung in der Romantik war von Anfang an pragend. Mit dem Künstlerroman Franz Sternbalds Wanderungen gab er die Richtung für die romantischen Romane Novalis' und Eichendorffs vor. Im Jenaer Kreis lieferte er den Schlegels die literarischen Beispiele zu ihren Theorien. Die späteren Phantasus-Bände zogen das Interesse des deutschen Lesepublikums erneut auf ihn.

In Dresden wurde Tieck zu einer europäisch beachteten Figur. Seine fast allabendlichen, deutschlandweit bekannten dramatischen Vorlesungen sammelten einen Kreis um ihn, der seine Kunstauffassung als maßgebend anerkannte. Seine Wirkung als Dramaturg des Hoftheaters wurde ihm allerdings durch Kabalen oft verleidet. Sein letzter Roman Vittoria Accorombona (1840) fand laut Wikipedia beim zeitgenössischen Publikum auch wegen der Emanzipationsthematik ein geteiltes Echo. Von der Literaturkritik aber wurde er überwiegend gelobt.

Annette von Droste-Huelshoff schrieb 1835, alles von Tieck sei „höchst aufregend für diejenigen, welche es eigentlich allein ganz verstehen können". König Friedrich Wilhelm IV. schätzte ihn sehr. Er rief ihn 1842 nach Berlin und berief ihn als Gründungsmitglied in den preußischen Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste. Bei seinem Begräbnis 1853 schritt der König dem Trauerzug voran. Sein Grab auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof II ist heute Ehrengrab des Landes Berlin.

Die Forschung hat zwei Schattenseiten festgehalten. Erstens das vielfach Widersprüchliche seiner Natur. Dieses rührt laut Wikipedia nicht nur aus dem Zwiespalt seiner Bildung – Rationalismus gegen mystische Romantik –, sondern auch aus dem Improvisatorischen seiner Begabung, das ihn selten zu reiner Ausgestaltung seiner Entwürfe gelangen ließ. Zweitens sein Antisemitismus, der in seiner vehementen Ablehnung der Emanzipation der Juden zum Ausdruck kommt. Eine ausführliche Würdigung erfuhr Tieck in der Allgemeinen Deutschen Biographie 1894 durch seinen Neffen Wilhelm Bernhardi und 2016 in der Neuen Deutschen Biographie durch Marek Zybura.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis

Im Lexikon

Weitere Werke (Auswahl)

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (50 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten