1798
Franz Sternbalds Wanderungen
Überblick↑
Dieser Roman erschien 1798 in Berlin. Er ist einer der bedeutendsten Künstlerromane der Frühromantik. Ludwig Tieck erzählt die Wanderschaft eines jungen Malerlehrlings durch das Deutschland und Italien des 16. Jahrhunderts. Damit stellt er die Frage nach dem Wesen wahrer Kunst. Der Roman gilt als Schlüsselwerk romantischer Kunstauffassung. Er beeinflusste Maler und Dichter weit über seine Zeit hinaus.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Der junge Franz Sternbald ist ein Schüler Albrecht Dürers in Nürnberg. Er bricht zur Wanderschaft auf. Sein Weg führt ihn durch deutsche Landschaften und schließlich nach Italien, dem Sehnsuchtsland aller Maler seiner Zeit. Unterwegs begegnet er Künstlern, Frauen, Pilgern und Sonderlingen. Er hört Lieder, erlebt Liebesabenteuer und führt Gespräche über die Kunst. Die nüchterne, fromme Welt des deutschen Nordens und der sinnliche Glanz des Südens treten dabei in einen Gegensatz. An ihm hat sich Franz immer wieder neu zu prüfen.
Die Handlung im Detail↑
Franz Sternbald, Lehrling Albrecht Dürers, verlässt Nürnberg, um auf Wanderschaft zu gehen und seine künstlerische Bestimmung zu suchen. Sein Weg führt ihn durch die deutschen Lande und weiter nach Italien.
Auf dieser Reise erlebt er eine Folge von Begegnungen, Stimmungen, Liedern und Kunstgesprächen, in denen sich seine Auffassung von Malerei und Leben fortwährend wandelt. Die Kunst des Nordens steht ihm dabei für tugendhafte Authentizität, während ihn der Süden mit sinnlicher Verlockung umfängt und ihn zeitweise vom rechten Weg abbringt. Im ersten Teil sorgt eine als „Wollustorcan" bezeichnete Episode für Aufsehen, die schon Tiecks Zeitgenossen kritisch vermerkten.
Franz erlebt die Geschehnisse um sich her oft wie im Traum und vergleicht sich mit der biblischen Figur des Jakob. Er bezeichnet sich selbst als „Zerrissener" und gleitet zeitweise in einen Zustand der Schwermut ab. Das Reisen wird ihm gleichbedeutend mit einer inneren Reise „über sich selbst" hinaus, mit dem Versuch, an einer höheren Welt der Ideen teilzuhaben. Eine geschlossene Entwicklung im Sinne eines klassischen Bildungsromans hat der Roman nicht; schon Jean Paul vermisste „historische oder psychologische Entwicklung", „Szenen" und „Charaktere". Der Roman blieb im Übrigen Fragment.
Stil↑
Tiecks Roman ist berühmt für seine lyrische Grundstimmung und die zahlreichen eingestreuten Lieder. Wolfgang Rath nannte den Sternbald ein „Sprachgemälde". Der Erzähler treibt darin weniger Handlung voran, als dass er die Gedankenbewegungen seiner Figuren in Bilder umsetzt. Naturschilderungen durchziehen das Buch in großer Dichte, vor allem Sonnenaufgänge und Frühlingsbilder. Schon Caroline Schelling sprach von „vielen lieblichen Sonnenaufgängen und Frühlingen". Goethe notierte spöttisch „zu viel Morgensonne" am Rand.
Die eingelegten Gedichte sind formal uneinheitlich. August Wilhelm Schlegel rügte das holprige Versmaß einiger Lieder. Bei anderen geriet er aber ins Schwärmen, etwa beim Lied vom Jüngsten Gericht. Prägend ist der Gegensatz zweier Kunstwelten: die strenge, fromme Malerei des deutschen Nordens in der Nachfolge Dürers gegen die sinnenfrohe, betörende Kunst Italiens.
Rezeption↑
Schon bei Erscheinen schieden sich an Tiecks Roman die Geister. Friedrich Schlegel feierte ihn als „göttliches Buch". Caroline Schelling dagegen notierte am 14. Oktober 1798, es fehle „an durchgreifender Kraft", alles sei „sehr artig, aber doch leer". Sie sei tags zuvor bei der Lektüre eingeschlafen. August Wilhelm Schlegel sandte das Buch mit wohlwollenden Worten an Goethe. Goethe las es im Erscheinungsjahr und hielt in Randglossen fest: „Zu viel Morgensonne. Erntefest. Sentimentalität." Am 5. September 1798 reichte Goethe den Roman an Schiller weiter mit den Worten: „Den vortrefflichen Sternbald lege ich bey, es ist unglaublich wie leer das artige Gefäß ist." Ähnlich urteilte Jean Paul. Er warf dem Buch „keinen Stof – keine Karaktere… lauter Dakapo's" vor.
Doch der Roman fand auch begeisterte Leser. E. T. A. Hoffmann drängte 1805 seinen Freund Theodor von Hippel, „so bald als möglich dies wahre Künstlerbuch" zu lesen. Noch 1846 nannte Ida von Lüttichau den Sternbald „wunderbar schön". Tieck bleibe in ihm „ewig 18 Jahr alt", meinte sie. Heinrich Heine hingegen verspottete in seiner Romantischen Schule (1836) Tiecks Hinwendung zu mittelalterlicher Naivität als „lallende Einfalt".
Für die Maler der Romantik wurde das Buch zum Schlüsseltext. Roger Paulin bezeichnete es 1988 als „Elementarbuch" der Nazarener und als „lyrische Begleitmusik zur romantischen Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts". Auch in der Literatur wirkte der Sternbald fort. Er gab Anstöße für spätere romantische Künstlerromane wie Joseph von Eichendorffs Ahnung und Gegenwart (1815) und Dichter und ihre Gesellen (1834). In jüngerer Zeit fiel das Urteil mitunter scharf aus. Armin Gebhart erklärte den Roman 1997 zur „glatten Zumutung für den Leser unserer Tage" und nannte den Protagonisten ein „Genie im Weinen".
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