1818
Frankenstein
Überblick↑
Mit ihrem 1818 zunächst anonym erschienenen Roman Frankenstein oder Der moderne Prometheus hat Mary Shelley eine der wirkmächtigsten Gestalten der Weltliteratur geschaffen. Erzählt wird die Geschichte des jungen Schweizer Wissenschaftlers Victor Frankenstein. Ihm gelingt es, einen künstlichen Menschen zum Leben zu erwecken. Dieses Geschöpf greift auf grausame Weise in das Leben seines Schöpfers ein. Das namenlose Wesen wird im Volksmund meist nach seinem Erschaffer benannt. Es wurde zu einer Ikone der Populärkultur und zur bekanntesten Monstergestalt der Filmgeschichte. Heute gilt das Buch als einer der größten Schauer- und Romantikromane. Zugleich zählt es zu den ersten Science-Fiction-Romanen überhaupt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein junger Schweizer Wissenschaftler ist besessen von dem Gedanken, das Geheimnis des Lebens zu entschlüsseln. In einsamer Arbeit gelingt ihm, was vor ihm niemand gewagt hat: Er erschafft aus toter Materie ein lebendiges Wesen. Doch im Augenblick des Erfolgs überkommt ihn das Entsetzen über das, was er getan hat. Was aus seinem Geschöpf wird und wie tief es in das Leben seines Schöpfers eingreift, entfaltet der Roman in einer Folge ineinandergeschachtelter Erzählungen.
Die Handlung im Detail↑
Im Mittelpunkt steht der junge Schweizer Wissenschaftler Victor Frankenstein, dem es gelingt, einen künstlichen Menschen zu erschaffen. Die Kreatur, die im Roman keinen Namen erhält, greift auf grausame Weise in das Leben ihres Schöpfers ein. Über die einzelnen Stationen dieses Eingriffs schweigt das vorliegende Material.
Stil↑
Der Roman ist als Briefroman angelegt. Er arbeitet mit ineinandergeschachtelten Erzählerstimmen. Er betont Intuition, Empfindsamkeit und intensives Naturerleben. Deshalb gilt er als „eine Art Kompendium romantischer Ideen und Motive" der englischen Romantik am Beginn des 19. Jahrhunderts. Zugleich wird er der Schauerliteratur, der sogenannten Gothic Novel, zugerechnet. Walter Scott lobte früh die „ungewöhnliche poetische Vorstellungskraft" der Erzählung. Die Kritikerin Germaine Greer hielt dagegen, dass die drei Erzählerstimmen einander zu ähnlich klingen.
Rezeption↑
Die zeitgenössischen Stimmen waren geteilt. Kritiker ordneten das 1818 anonym erschienene Buch sofort dem Genre der Gothic Novel zu. Damit übersahen sie nach Ansicht des Forschers Max Duperray die eigentliche Bedeutung von Frankensteins Schöpfungsakt. Dieser Akt macht den Gelehrten zugleich zu einem romantischen Künstler. John Wilson Croker schmähte in der Quarterly Review das Buch als „Gewebe von schrecklicher und ekelhafter Absurdität". Zugleich erkannte er eine „ungeheuer mächtige" Kraft der Vorstellung und der Sprache an. Walter Scott sprach in Blackwood's Edinburgh Magazine von einer „außergewöhnlichen Erzählung", La Belle Assemblée von einer „sehr kühnen Fiktion". Trotz aller kritischen Stimmen wurde der Roman zum Publikumserfolg. Befördert wurde er vor allem durch melodramatische Theaterfassungen wie Richard Brinsley Peakes Presumption; or The Fate of Frankenstein von 1823.
Im 20. Jahrhundert urteilten Kritiker wie M. A. Goldberg und Harold Bloom überwiegend positiv. Sie lobten die „ästhetische und moralische" Relevanz des Buches. Seit Mitte des Jahrhunderts kamen psychoanalytische und feministische Lesarten hinzu. Brian Aldiss sah in Frankenstein die erste echte Science-Fiction-Geschichte. Denn die Hauptfigur trifft „eine bewusste Entscheidung" und wendet sich „modernen Experimenten im Labor" zu. Der Filmregisseur Guillermo del Toro nannte das Werk „das Teenager-Buch schlechthin" und hob das Gefühl des Nicht-Dazugehörens hervor. Er staunte darüber, dass ein Mädchen im Teenageralter ein so überwältigendes Buch geschrieben habe. Die Philosophin Patricia MacCormack sieht in der Kreatur die grundlegendsten menschlichen Fragen verkörpert: „Warum sind wir hier, was können wir tun?" Heute wird Frankensteins Geschöpf häufig als Metapher genutzt, um vor den Gefahren der Künstlichen Intelligenz zu warnen.
Die Wirkungsspuren reichen weit über die Literatur hinaus. Das Geschöpf wurde zu einer der bekanntesten Monstergestalten der Filmgeschichte. Die Reihe der Adaptionen reicht vom Stummfilm-Kurzfilm James Searle Dawleys von 1910 über James Whales klassische Verfilmung von 1931 bis zu Mel Brooks' Parodie Frankenstein Junior von 1974. 2015 wählten 82 internationale Literaturkritiker den Roman zu einem der bedeutendsten britischen Romane. 2019 nahm BBC News ihn in die Liste der 100 einflussreichsten Romane auf. 2023 erschien er in der „Zeit-Bibliothek der Weltliteratur". Selbst die Naturwissenschaft hat sich des Namens bedient. Der Molekularbiologe Sol Spiegelman taufte 1965 ein System sich selbst entwickelnder chemischer Moleküle in Anspielung auf das Geschöpf „Spiegelmans Monster".
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