1826
Verney, der letzte Mensch
Überblick↑
Mit Verney, der letzte Mensch legte Mary Shelley 1826 einen apokalyptischen Roman vor. Er spielt in einer fernen Zukunft am Ende des 21. Jahrhunderts. Eine Seuche zieht über die Welt, und der Erzähler Lionel Verney berichtet vom Untergang der Menschheit. Bemerkenswert ist der Roman auch wegen seiner halb biografischen Züge. In mehreren Hauptfiguren spiegeln sich Persönlichkeiten aus Mary Shelleys romantischem Umfeld, vor allem ihr späterer Ehemann Percy Bysshe Shelley und Lord Byron.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Englands Königreich ist abgeschafft, eine Republik regiert. Der junge Lionel Verney ist der Sohn eines verstoßenen Höflings. Er wächst verwahrlost auf und hegt Groll gegen das Königshaus. Eine Begegnung mit dem sanftmütigen Adrian, der die Krone ausschlägt, verändert sein Leben. Aus dem aufbrausenden jungen Mann wird ein gebildeter, philosophisch denkender Freund.
Bald verflechten sich vier Lebenswege. Lionel liebt Adrians Schwester Idris. Der berühmte Kriegsheld Lord Raymond kehrt aus den Kämpfen zwischen Griechenland und der Türkei zurück, und Lionels Schwester Perdita verliebt sich in ihn. Ehen, politische Intrigen und persönliche Treuekonflikte führen die Freunde durch glückliche und bittere Jahre.
Dann taucht aus dem Osten eine Seuche auf. Sie zieht sich durch Europa und erreicht England. Sie stellt die Gefährten vor eine Aufgabe, die weit über ihre Kräfte hinauswächst.
Die Handlung im Detail↑
In einer Rahmenerzählung berichtet Mary Shelley, sie habe 1818 in der Höhle der Sibylle bei Neapel Prophezeiungen auf Laubblättern gefunden; aus diesen Aufzeichnungen sei der Roman entstanden, erzählt aus der Sicht eines Mannes am Ende des 21. Jahrhunderts.
Lionel Verneys Vater, einst Freund des Königs, wurde wegen seiner Spielsucht verstoßen und nahm sich das Leben. Sein Abschiedsbrief, in dem er den König um Unterstützung für seine Familie bat, erreichte den Adressaten nie. So wachsen Lionel und seine Schwester Perdita verwahrlost auf, und Lionel entwickelt heftige Ressentiments gegen die königliche Familie. Als der König abdankt, wird die Monarchie abgeschafft und eine Republik gegründet. Die Gräfin, Mutter des Thronfolgers Adrian, will ihren Sohn dennoch zum König erziehen, doch Adrian lehnt ab. In Cumberland trifft Adrian auf Lionel; seine Gutmütigkeit und die Versicherung, der Brief des Vaters sei erst kürzlich entdeckt worden, besänftigen den jungen Mann. Aus den beiden werden Freunde, und unter Adrians Einfluss wird Lionel zu einem gebildeten Menschen.
Zurück in England verlieben sich Adrians Geliebte Evadne und Perdita in den heimgekehrten Kriegshelden Lord Raymond. Raymond plant zunächst mit der Gräfin, Lionels Geliebte Idris zu heiraten, um seinem Ziel, König zu werden, näher zu kommen – entscheidet sich aber schließlich für Perdita. Als die Gräfin von der Liebe zwischen Idris und Lionel erfährt, will sie Idris betäuben und nach Österreich verschleppen, wo eine politische Ehe auf sie warten soll. Idris durchschaut den Plan, flieht zu Lionel und heiratet ihn.
Eine glückliche Zeit folgt, bis Raymond zum Lordprotektor gewählt wird und sich zum geschätzten Führer entwickelt. Heimlich unterstützt er die verarmte Evadne mit künstlerischen Aufträgen und pflegt sie, als sie erkrankt. Perdita entdeckt dies, verdächtigt ihn der Untreue, und Raymond trennt sich von ihr, legt sein Amt nieder und zieht in den Krieg in Griechenland. Bald geht das Gerücht um, er sei gefallen. Perdita lässt sich von Lionel mit ihrer Tochter Clara nach Griechenland bringen, um ihren Mann zu suchen.
Lionel und Raymond ziehen in den Kampf bei Konstantinopel und finden Evadne tödlich verwundet; im Sterben sagt sie Raymonds Tod voraus. In der von der Pest heimgesuchten Stadt kommt Raymond in einem Feuer um. Die Seuche verbreitet sich über Europa und Amerika. Lionel und Adrian kehren nach England zurück, als die Pest auch dort ankommt. Der neue Lordprotektor stirbt an der Krankheit, und Adrian übernimmt das Kommando und hält Ordnung und Humanität aufrecht. Aus Amerika landen plündernde Überlebende in Irland, ziehen durch Schottland und fallen in England ein; Adrian löst den Konflikt am Ende friedlich.
Die kleine Schar der Überlebenden sucht nach Lucy Martin. In einem Schneesturm stirbt Idris, ausgezehrt von jahrelangem Stress und Sorge. An ihrem Grab versöhnt sich Lionel mit der Gräfin. Mit Lucy zieht die Gruppe weiter, erreicht Dover und setzt nach Frankreich über. Dort haben sich Emigranten in Lager gespalten, darunter eine fanatisch-religiöse Sekte, deren Anhänger sich gegen die Pest gefeit glauben. Als Adrian in Versailles die meisten Lager vereint, erklärt ihm die Sekte den Krieg.
Lionel will Juliet aus Paris retten, doch der Sektenführer hat ihr das Kind genommen. Als das Kind erkrankt, wird klar, dass der Hochstapler die Spuren der Pest vor seinen Anhängern verheimlicht. Juliet warnt die Anhänger, wird dabei getötet, und der Sektenführer nimmt sich das Leben. Die Reste der Sekte schließen sich den anderen wieder an. Gemeinsam ziehen alle in die Schweiz, wo das kühlere Klima Schutz vor der Seuche verspricht. Am Ziel sind nur noch Lionel, Adrian, Clara und Evelyn übrig.
In der Schweiz, in Mailand und Como verbringen sie eine vergleichsweise glückliche Zeit. Dann stirbt Evelyn an Typhus. Clara und Adrian ertrinken bei einem Seesturm auf der Überfahrt nach Griechenland. Lionel kann sich retten und bleibt als letzter Mensch zurück.
Stil↑
Mary Shelley legt eine Rahmenerzählung um den Roman. Die Geschichte gibt sich als Wiedergabe sibyllinischer Prophezeiungen aus, die die Autorin in einer Höhle nahe Neapel gefunden habe. Erzählt wird dann aus der Ich-Perspektive Lionel Verneys, in der Rückschau eines Mannes am Ende des 21. Jahrhunderts. Der Roman verschränkt politisches Zukunftsszenario, persönliche Lebensgeschichten und apokalyptische Vision. In den Hauptfiguren werden Persönlichkeiten aus Mary Shelleys romantischem Freundeskreis erkennbar. Im idealistischen Adrian klingt Percy Bysshe Shelley an, im Kriegshelden Lord Raymond Lord Byron.
Rezeption↑
Zu seiner Entstehungszeit wurde der Roman scharf kritisiert. Danach blieb er lange praktisch unbekannt. Erst in den 1960er Jahren kehrte er ins literarische Bewusstsein zurück. Heute wird er als frühes Werk der Endzeitfiktion und der Science-Fiction gewürdigt.
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