1825
Verstand schafft Leiden
Überblick↑
Die Komödie Verstand schafft Leiden von Alexander Sergejewitsch Gribojedow entstand zwischen 1822 und 1824. Sie trägt im Original den Titel Горе от ума und ist im Deutschen auch als Wehe dem Verstand bekannt. Das Stück umfasst vier Akte und ist in freien jambischen Versen geschrieben. Offiziell durfte es zunächst nicht erscheinen. Dennoch verbreitete es sich um 1825 so stark, dass sein Inhalt als allgemein bekannt vorausgesetzt werden konnte. Bis heute zählt es zu den einflussreichsten Theaterstücken der russischen Literatur. Die Handlung spielt im vornehmen Moskau.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
In einem vornehmen Moskauer Haus lebt Sophie, die Tochter des Beamten Famusow. Heimlich fühlt sie sich zu Moltschalin hingezogen, dem zurückhaltenden Sekretär ihres Vaters. In diese Lage hinein kehrt Tschatzkij zurück. Er ist mit Sophie aufgewachsen und dann drei Jahre lang durch die Welt gereist. Noch immer liebt er sie und hofft, sie für sich zu gewinnen.
Doch die Moskauer Gesellschaft, die er wiederfindet, stößt ihn ab. Überall sieht er Karrierestreben, Heuchelei und leeres Gerede. Mit seinem scharfen, spöttischen Verstand eckt er bei fast allen an – beim heiratslustigen Vater ebenso wie bei den Gästen eines abendlichen Empfangs. Und Sophie, so muss er bald ahnen, erwidert seine Gefühle nicht. Aus dieser Mischung aus verschmähter Liebe und beißender Gesellschaftskritik entwickelt sich der Konflikt des Stücks.
Die Handlung im Detail↑
Im ersten Akt hat Sophie die Nacht mit Moltschalin verbracht, dem Sekretär ihres Vaters. Die Zofe Lisa weckt sie und will verhindern, dass Famusow, Sophies Vater, die Verbindung entdeckt. Als der alte Herr erscheint und nach seiner Tochter fragt, weist Lisa ihn wortreich ab. Beim Verlassen des Zimmers trifft Moltschalin dann doch auf Famusow, der ihn zur Rede stellt. Moltschalin behauptet, er sei gerade von einem Spaziergang zurückgekehrt. Der Vater bleibt misstrauisch, doch Sophie und Moltschalin tischen ihm Ausreden auf. Famusow macht Sophie zugleich klar, dass sie nicht unter ihrem Stand heiraten werde. Lisa und Sophie erinnern sich an Tschatzkij, der mit Sophie aufgewachsen und dann durch die Welt gereist ist. Nun ist er nach drei Jahren zurück und offenbar in Sophie verliebt. Diese aber zweifelt an ihm: Er sei klug und gewitzt, doch nicht ohne Grund abgereist, und außerdem liebe sie Moltschalin. Da erscheint Tschatzkij und beteuert Sophie seine Liebe. Er fragt nach alten Bekannten und beschreibt sie so scharf und spitzzüngig, dass es Sophie zu weit geht. Kurz treffen Tschatzkij und Famusow aufeinander. Tschatzkij verabschiedet sich vorerst und will später wiederkommen.
Im zweiten Akt kehrt Tschatzkij zurück und bringt sich bei Famusow erneut als möglicher Bräutigam ins Spiel. Famusow hat im Grunde nichts dagegen, verlangt aber, dass Tschatzkij seine unbestimmten Weltverbesserungsideen aufgibt und in den Staatsdienst zurückkehrt. Es kommt zum Streitgespräch, und Famusow warnt ihn, es nicht zu weit zu treiben. Tschatzkij dagegen hält den älteren Mann für verschroben. Dann erscheint der Oberst Skalosub und plaudert mit Famusow übers Heiraten. Famusow lästert über die Jugend und schwärmt von Moskau und den guten Sitten der Moskauerinnen, bis Tschatzkij sich einmischt und über das Militär spottet. Draußen stürzt Moltschalin bei einem Reitunfall. An Sophies heftiger Reaktion merkt Tschatzkij, dass sie in den Verunglückten verliebt ist. Moltschalin wird hereingebracht. Sophie will ihre Liebe zu ihm gegen jedes Gerede verteidigen. Als sie fort ist, bleibt Lisa mit Moltschalin allein – und dieser macht der Zofe Avancen, die sie abwehrt.
Im dritten Akt sprechen Tschatzkij und Sophie miteinander. Er bemüht sich um einen sachlichen Ton und versucht herauszufinden, was Sophie wirklich will. Sie nennt ihn einen spöttischen Sonderling ohne Mitgefühl und zieht ihm Moltschalin vor, der zurückhaltend sei und sich nicht über andere erhebe. Danach treffen Tschatzkij und Moltschalin aufeinander. Moltschalin berichtet, alle seien damals verwundert gewesen, als Tschatzkij den Staatsdienst quittierte, und er selbst wolle sich in seinem Rang keine eigene Meinung erlauben. Für Tschatzkij wird immer weniger begreiflich, dass Sophie einen solchen Mann liebt. Am Abend beginnt der Empfang. Tschatzkij trifft die inzwischen verheirateten Natalie und Goritschew wieder und stellt fest, dass Goritschew, der das Militär verlassen hat, matt geworden ist. Fürst und Fürstin Tugouchowskij erscheinen mit ihren sechs Töchtern. Sie erkundigen sich, ob Tschatzkij noch ledig ist, und wollen ihn einladen – nehmen aber davon Abstand, als sie hören, dass er weder eine Stellung noch Vermögen hat. Nun beginnt Sophie eine kleine Intrige: Einem Herrn N. erzählt sie, Tschatzkij sei nicht mehr ganz bei Verstand. Herr N. gibt es an Herrn D. weiter, dieser an Sagoretzkij, der ein paar Einzelheiten hinzuerfindet – Tschatzkij sei gerade aus der Irrenanstalt entflohen. Die Komtesse Chrumina will es geahnt haben, ihre schwerhörige Großtante versteht es falsch und hält Tschatzkij für einen degradierten Freimaurer. So wächst das Gerücht von Mund zu Mund. Als Tschatzkij schließlich in die Runde tritt, verstummen alle. Sophie fragt nach seinem Befinden, und er hält einen Monolog über die unerträglichen Verhältnisse in Russland. Als er endet, haben sich die Gäste längst zum Tanz oder an die Spieltische begeben.
Im vierten Akt ist es Nacht geworden, und die Gäste brechen auf. Während Tschatzkij auf seine Kutsche wartet, kommt Repetilow angehetzt, nur um ihn zu treffen; er schwärmt vom Englischen Club. Tschatzkij ist genervt und sucht das Weite. Sagoretzkij steckt Repetilow die Nachricht von Tschatzkijs angeblicher Verrücktheit, die Repetilow erst glaubt, als die heimkehrende Fürstenfamilie sie bestätigt. Inzwischen hat auch Tschatzkij mitbekommen, dass alle ihn für verrückt halten. Lisa geht zu Moltschalin, um ihn zu Sophie zu holen. Doch Moltschalin macht sich wieder an die Zofe heran – beobachtet von Tschatzkij und heimlich auch von Sophie. Sophie stellt Moltschalin zur Rede und wirft ihn aus dem Haus. Tschatzkij muss bitter erkennen, dass er in Sophies Gunst hinter einem Opportunisten wie Moltschalin zurückstand. Vom Lärm ist Famusow erwacht und rechnet mit allen ab: Sophie soll zu einer Tante geschickt, Tschatzkij des Hauses verwiesen werden. Nebenbei erfährt Tschatzkij, dass Sophie selbst das Gerücht über seine Verrücktheit in die Welt gesetzt hat. In seinem letzten Monolog rechnet er mit der Schwätzerei und Heuchelei der Moskauer Gesellschaft ab. Es zieht ihn wieder hinaus in die Welt.
Stil↑
Verfasst ist die Komödie in freien jambischen Versen, deren wechselnde Zeilenlängen dem Wortwechsel einen raschen, gesprochenen Klang geben. Über vier Akte hinweg lebt das Geschehen weniger von äußerer Handlung als vom Dialog. Gribojedow zeichnet seine Figuren vor allem durch ihre Art zu reden: Famusows selbstgefälliges Loblied auf das alte Moskau, Moltschalins unterwürfige Vorsicht, Repetilows leeres Geplapper. Tschatzkij dagegen führt das scharfe, spöttische Wort. Seine Reden greifen die Verhältnisse offen an und heben ihn zugleich von den anderen ab. Ein Glanzstück ist die Szene, in der das Gerücht von seiner angeblichen Verrücktheit von Person zu Person weitergereicht wird und dabei immer weiter ausufert. So verbindet das Werk die Form der Verskomödie mit einer beißenden Satire auf die feine Gesellschaft.
Rezeption↑
Zunächst durfte die Komödie offiziell nicht gedruckt werden. Trotzdem verbreitete sie sich um 1825 so weit, dass ihr Inhalt bald als allgemein bekannt galt. Auf diesem ungewöhnlichen Weg erlangte das Stück große Wirkung und wurde zu einem der einflussreichsten Werke der russischen Literatur. Auch später blieb es auf den Bühnen lebendig: 1976 brachte das Satire-Theater unter der Regie von Walentin Nikolajewitsch Plutschek eine vielbeachtete Inszenierung heraus. Bis heute gehört Verstand schafft Leiden zum festen Bestand des russischen Theaters.
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