1811
Verstand und Gefühl
Überblick↑
Mit dem Roman Verstand und Gefühl erzählt Jane Austen die Geschichte zweier Schwestern, die in Liebesdingen ganz unterschiedliche Wege gehen. Die ältere, Elinor, hält ihre Gefühle beherrscht zurück; die jüngere, Marianne, gibt sich ihnen offen und ungebremst hin. Schon der Originaltitel Sense and Sensibility stellt diese beiden Haltungen – Verstand und Empfindsamkeit – gegeneinander. Austen schrieb den Roman bereits um 1795 als noch nicht zwanzigjährige Autorin. Veröffentlicht wurde er erst 1811 bei Thomas Egerton. Zusammen mit Stolz und Vorurteil und Die Abtei von Northanger zählt er zu ihren frühen Werken.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Nach dem Tod ihres Vaters müssen Elinor und Marianne Dashwood, ihre Mutter und die jüngere Schwester Margaret ihr bisheriges Zuhause verlassen. Das Gut Norland Park fällt an den Sohn aus erster Ehe des Verstorbenen, der es für sich beansprucht. So sind die Frauen plötzlich fast mittellos.
Die neunzehnjährige Elinor hat sich kurz zuvor in ihren Schwager Edward Ferrars verliebt. Doch dessen Mutter wünscht sich eine wohlhabende Partie für den Sohn, und so macht sich Elinor von Anfang an keine großen Hoffnungen. Ihre Gefühle behält sie für sich – sehr zum Unverständnis der temperamentvollen Marianne, die nicht glaubt, dass sich wahre Liebe so leicht beherrschen lässt.
Marianne selbst verliert ihr Herz bald an den gutaussehenden und charmanten Mr. Willoughby, der sie nach einem Sturz beim Spaziergang nach Hause trägt. Den älteren, zurückhaltenden Oberst Brandon, der sich seinerseits in Marianne verliebt hat, beachtet sie kaum. Doch Willoughbys Verhalten wird bald rätselhaft, und beide Schwestern müssen lernen, mit Enttäuschung, Schweigen und Geheimnissen umzugehen.
Das Werk verfolgt, wie Verstand und Gefühl die beiden jungen Frauen durch eine Welt führen, in der Geld, Stand und die Erwartungen der Familien über das Glück mitentscheiden.
Die Handlung im Detail↑
Nach dem Tod von Mr. Dashwood erbt sein Sohn aus erster Ehe das Gut Norland Park. Seine Witwe und die drei Töchter Elinor, Marianne und Margaret müssen das Anwesen verlassen und kommen in bescheidenen Verhältnissen unter. Elinor, die älteste, verlässt das Haus nur ungern, denn sie hat sich in den Schwager Edward Ferrars verliebt. Da dessen Mutter aber auf eine finanziell vorteilhafte Heirat drängt, hält die mittellose Elinor ihre Zuneigung im Zaum. Marianne zweifelt deshalb sogar an der Tiefe von Elinors Gefühlen.
Bald nach dem Umzug verstaucht sich Marianne bei einem Spaziergang den Knöchel und wird von Mr. Willoughby „gerettet“. Die offene, leidenschaftliche Marianne verliebt sich rasch in ihren charmanten Retter, der ihre Zuneigung zu erwidern scheint. Den älteren Oberst Brandon, der Marianne ernsthaft liebt, übersieht sie dabei völlig. Nach einer Zeit inniger Annäherung reist Willoughby jedoch plötzlich und ohne Erklärung nach London ab. Marianne, die an diesem Tag fest mit einem Heiratsantrag gerechnet hatte, ist untröstlich.
Eine Einladung der gutherzigen Nachbarin Mrs. Jennings führt beide Schwestern nach London. Elinor reist nur widerwillig mit, denn sie hat inzwischen erfahren, dass Edward bereits seit fünf Jahren heimlich verlobt ist. Weil ihr dies im Vertrauen gesagt wurde und weil sie Mutter und Schwester nicht zusätzlich belasten will, verschweigt sie es. Marianne ahnt nichts davon und kann nicht verstehen, warum Elinor sich der Reise nicht freut.
In London kommt es auf einem Ball zum Wiedersehen mit Willoughby, der auf keinen von Mariannes zärtlichen Briefen geantwortet hat. Er behandelt sie kühl und distanziert. Kurz darauf erfährt Marianne, dass er sich mit einer reichen Dame verlobt hat, und bricht vor Kummer fast zusammen. Oberst Brandon besucht die Schwestern und vertraut Elinor an, dass Willoughby zuvor sein Mündel – die Tochter seiner Jugendliebe Eliza – verführt und schwanger sitzen gelassen hat. Marianne fragt sich nun, ob auch ihr Ähnliches gedroht hätte.
Zugleich kommt Edwards heimliche Verlobung ans Licht. Marianne ist entsetzt, dass Elinor das so lange für sich behalten hat, und macht sich Vorwürfe, weil sie in ihrem eigenen Schmerz nicht bemerkt hat, dass auch die Schwester leidet. Edward soll auf Geheiß seiner Mutter die Verbindung lösen, da seine Verlobte noch ärmer ist als Elinor. Er will jedoch zu seinem Wort stehen und wird daraufhin enterbt. Oberst Brandon, dem ein ähnliches Schicksal widerfuhr, bietet Edward über Elinor eine Pfründe an, die dieser nach kurzem Zögern annimmt.
Auf der Rückreise zur Mutter erkältet sich Marianne schwer. Sie unterschätzt die Krankheit, die sich so verschlimmert, dass ihr Leben in Gefahr gerät. In einer dieser Nächte erscheint ein aufgelöster, inzwischen verheirateter Willoughby. Er hat von ihrem Zustand gehört und will sich für sein Verhalten entschuldigen. Er erklärt, er hätte Marianne geheiratet, wäre er nicht wegen seiner früheren Verfehlung gegenüber Elizas Tochter von seiner Tante enterbt worden. Elinor verspricht, Mariannes Genesung abzuwarten und ihr seine Worte auszurichten – so weiß Marianne wenigstens, dass Willoughby sie wirklich geliebt hat.
Wieder zu Hause vereint, werden die Schwestern bald durch die Nachricht von der Vermählung „Mr. Ferrars“ erschüttert. Erst jetzt begreift Mrs. Dashwood, dass Elinor ebenso tief leidet wie Marianne, es nur nicht zeigt. Kurz darauf steht Edward selbst vor der Tür. Im Gespräch klärt sich auf, dass nicht er geheiratet hat: Seine einstige Verlobte hat den enterbten Edward fallen gelassen und stattdessen seinen jüngeren Bruder Robert genommen. Noch am selben Tag macht Edward Elinor einen Antrag. Nach der Hochzeit lassen sich die beiden in Delaford in der Nähe von Oberst Brandon nieder. Da nun auch Elinor, Edward und Mrs. Dashwood diese Verbindung wünschen, heiratet Marianne schließlich den treuen Oberst – mit einem Gefühl echter Wertschätzung, das mit der Zeit zu wahrer Liebe wird.
Stil↑
Das Buch ist um einen klaren Gegensatz gebaut, den schon der Titel ankündigt: Verstand und Gefühl, Beherrschung und Empfindsamkeit. Diese beiden Haltungen verteilt Austen auf die beiden Schwestern, die einander auf Schritt und Tritt spiegeln. Elinor wahrt Maß und Selbstbeherrschung, Marianne lebt ihre Gefühle offen und maßlos aus. An ihrem unterschiedlichen Umgang mit Liebe, Enttäuschung und gesellschaftlichem Druck führt der Roman vor, was beide Haltungen wert sind und wo sie an ihre Grenzen stoßen.
Austen erzählt mit feinem Blick für die Sitten und Geldfragen ihrer Zeit. Erbschaft, Mitgift und Heiratsaussichten bestimmen das Schicksal der Frauen ebenso wie ihre Gefühle. Die Verwicklungen entstehen aus verschwiegenen Verlobungen, missverstandenen Andeutungen und dem, was sich in der guten Gesellschaft sagen lässt und was nicht.
Rezeption↑
Der Roman gehört bis heute zu den vielgelesenen Werken Jane Austens und wurde mehrfach für Kino und Fernsehen bearbeitet. Besonders bekannt wurde die Verfilmung Sinn und Sinnlichkeit von Ang Lee aus dem Jahr 1995. Weitere Bearbeitungen folgten, darunter Fernsehfassungen und Filme, die den Stoff in andere Zeiten und Länder versetzten. So zeigt sich, dass die Geschichte der beiden Schwestern und ihrer gegensätzlichen Wesensart immer wieder neues Publikum findet.
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