Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Verstörung
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Verstörung
1967
– Werkseintrag –

Verstörung

1967 · Roman

Ein junger Student begleitet seinen Vater, einen Landarzt, auf Krankenbesuchen durch die steirische Gebirgsgegend und gerät am Ende des Tages in den unaufhörlichen Redestrom eines Fürsten auf einer abgelegenen Burg.

Überblick↑

Der 1967 im Insel-Verlag erschienene Roman Verstörung gehört zu den frühen Hauptwerken Thomas Bernhards. Er ist in zwei sehr ungleiche Teile gegliedert. Darin verdichtet er die für Bernhards frühe Prosa zentralen Motive Krankheit, Tod, Wahnsinn und Selbstmord. So entsteht ein düsteres Bild der steirischen Provinz. Schon der Titel benennt das Thema des Buches. Es geht um die Erschütterung eines jungen Mannes. Er begleitet seinen Vater auf Krankenbesuchen und begegnet dabei einer Welt des körperlichen und geistigen Verfalls.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Ein einundzwanzigjähriger Student der Montanistik berichtet rückblickend von einem Tag. An diesem Tag begleitet er seinen Vater, einen steirischen Landarzt, auf dessen Visiten. Die beiden fahren durch die Gebirgsgegend. Sie kommen in die Orte Voitsberg, Köflach und Salla. Dort treffen sie auf eine Reihe schwerkranker, vereinsamter oder verstörter Patienten. Von Station zu Station werden die Krankheitsfälle drastischer. Der Sohn gibt vor allem die Beobachtungen und Urteile seines Vaters wieder. Dieser zeichnet ihm ein zunehmend düsteres Bild der Landbevölkerung.

Am Ende dieses Tages führt der Weg auf die abgelegene Burg Hochgobernitz. Dort lebt der Fürst Saurau, ein weiterer Patient des Arztes. Der zweite, längere Romanteil trägt den Titel der Fürst. Er besteht beinahe vollständig aus dessen Reden. Der Erzähler tritt fast völlig zurück. So ist der Leser unmittelbar mit dem Denken eines Mannes konfrontiert, der über Tod, Sprache und das Ende seines Hauses nachsinnt.

Die Handlung im Detail↑

Der Roman ist in zwei Teile gegliedert. Der erste, unbetitelte und kürzere Teil ist der rückblickende Bericht des einundzwanzigjährigen Ich-Erzählers, eines Studenten der Montanistik und Sohns eines steirischen Landarztes. Er schildert eine einzige Konsultationsfahrt, auf der er den Vater begleitet, und gibt dabei zu großen Teilen dessen Äußerungen, Berichte und Urteile in indirekter Rede wieder. So entsteht das Bild einer grausamen, sinnentleerten Natur und einer, wie es heißt, „durch und durch kranken, zur Gewalttätigkeit und zum Irrsinn neigenden“ österreichischen Landbevölkerung.

Die Stationen führen unter anderem zu einer dahinsiechenden alten Frau, zu einem völlig zurückgezogen lebenden, schriftstellernden Industriellen und zu einem geistig und körperlich verkrüppelten Jugendlichen, der einst hochmusikalisch war. Von Besuch zu Besuch werden die Fälle schwerer. Beim vorletzten Halt in der „Fochlermühle“ wird der Erzähler Zeuge einer grotesken Szene: Die Müllersburschen schlachten dutzende exotische Vögel. In die Schilderungen sind selbstreflexive Passagen eingestreut, in denen das schwierige, von gegenseitiger Entfremdung geprägte Verhältnis zwischen Erzähler, Vater und der zunehmend depressiven, kränker werdenden Schwester aufscheint. Über die Mutter erfährt man, dass sie an einer von Depression begleiteten „Todeskrankheit“ gestorben ist. Die gesamte erzählte Zeit umfasst nur etwa vierundzwanzig Stunden; Schauplätze sind die steirische Gebirgsgegend, Voitsberg, Köflach, Salla sowie die fiktive Burg Hochgobernitz.

Der zweite, der Fürst betitelte Teil spielt auf Hochgobernitz, dem Wohnsitz des Fürsten Saurau, ebenfalls eines Patienten des Landarztes. Während der erste Teil noch die Außenwelt und ihren Einfluss auf die Menschen zeigte, verlagert sich der Schwerpunkt nun in die Innenwelt einer einzigen Figur. Der Ich-Erzähler tritt fast vollständig hinter den Reden des Fürsten zurück; seine Sätze schrumpfen auf Wendungen wie „sagte der Fürst“ oder „sagte er“. Allenfalls die räumliche Bewegung der beiden Männer auf der inneren und der äußeren Burgmauer wird noch knapp angezeigt.

Der Fürst spricht in einem assoziativen, monologischen Strom. Er kreist um wenige Themenkomplexe: die Allgegenwart des Todes und die daraus folgende Absurdität der menschlichen Existenz sowie die Unmöglichkeit von Erkenntnis und Verständigung im Medium der Sprache. Inhaltlich beginnt er mit drei Bewerbern um einen Verwalterposten, die er genüsslich verbal zerlegt. Es folgen Anekdoten und Reflexionen über sein eigenes Leben, darunter der Selbstmord seines Vaters, ein Bericht über eine Hochwasserkatastrophe und ausgedehnte Traumschilderungen. Den umfangreichsten Traum bildet ein imaginierter Brief, den sein Sohn nach Sauraus eigenem Selbstmord geschrieben haben soll; in ihm äußert sich die Angst des Fürsten, Hochgobernitz werde nach seinem Tod vernichtet. Der Roman endet, ohne dass aus dem geschlossenen Bewusstseinsraum des Fürsten ein Ausgang gewiesen würde.

Stil↑

Die Form des Romans ist auf eine zweiteilige Konstruktion zugeschnitten. Diese macht das Erzählen selbst zur Verhandlungssache. Im ersten Teil tritt der Ich-Erzähler als Vermittler auf. Er berichtet rückblickend und fasst zusammen. Die Beobachtungen und Urteile seines Vaters gibt er überwiegend in indirekter Rede wieder. Eingestreute selbstreflexive Passagen lassen ihn als denkende Instanz erkennbar bleiben.

Im zweiten Teil dagegen verschwindet diese Vermittlung beinahe vollständig. Übrig bleiben kurze Redeeinleitungen wie „sagte der Fürst“ und gelegentliche Hinweise auf das Gehen der Figuren entlang der Burgmauern. Der Leser ist dem Bewusstsein Sauraus fast unmittelbar ausgesetzt. Dessen Sprechen ist monologisch und assoziativ. Es kreist immer wieder um dieselben Themen, ohne sie je zum Abschluss zu bringen. So entsteht eine Sprachbewegung, die selbst zum Sinnbild dessen wird, wovon sie handelt: der Unmöglichkeit, im Sprechen zu festem Wissen zu gelangen.

Rezeption↑

Der Roman Verstörung gilt als eines der zentralen Werke der frühen Prosa Thomas Bernhards. In ihm finden sich die Motivkomplexe „Krankheit und Tod“ sowie „Wahnsinn und Selbstmord“ gebündelt, wie bereits der Titel andeutet. Diese Motive sind für Bernhards frühes Erzählen prägend. Sie bestimmen sein späteres Werk fortwirkend.

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