Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Korrektur
1975
– Werkseintrag –

Korrektur

1975 · Roman

Was geschieht mit einem Menschen, der sein Werk so lange korrigiert und kürzt, bis fast nichts mehr übrig bleibt?

Überblick

Im Mittelpunkt dieses 1975 erschienenen Romans von Thomas Bernhard steht ein hinterlassenes Bündel von Papieren. Ein Mann hat sich das Leben genommen, und sein Freund nimmt sich vor, dessen Nachlass zu „sichten und ordnen". Aus dieser einfachen Ausgangslage entwickelt Korrektur ein dichtes Gedankengebäude über das Bauen, das Schreiben und den Drang, alles so lange zu verbessern, bis am Ende kaum noch etwas übrig bleibt. Das Buch zählt zu den großen Prosawerken Bernhards.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein namenloser Ich-Erzähler verlässt, noch geschwächt, das Krankenhaus. Er hat sich eine Aufgabe gestellt: den Nachlass seines verstorbenen Freundes Roithamer zu durchlesen und zu ordnen. Dafür quartiert er sich bei einem gemeinsamen Bekannten ein, dem Tierpräparator Höller. In dessen Dachkammer, der „höllerschen Dachkammer", hatte zuvor schon Roithamer oft gearbeitet und übernachtet. Hier macht sich der Erzähler an die Arbeit.

Roithamer war ein Mann mit einer fixen Idee. Aus dem englischen Cambridge zurückgekehrt, hatte er in jahrelanger Planung mitten in einem Wald einen seltsamen Bau errichtet: einen bewohnbaren „Wohnkegel", gedacht als Geschenk für die von ihm über alles geliebte Schwester. Viele hielten das Vorhaben für unmöglich und belächelten es. Zugleich arbeitete Roithamer an einem umfangreichen Schriftwerk über Altensam, seinen verhassten Heimatort, das er unablässig überarbeitete.

Der erste der beiden Teile schildert das Ankommen des Erzählers, seine Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit und die Zeit in Cambridge sowie einen Abend im Haus der Familie Höller. Der zweite Teil gibt vor allem die Aufzeichnungen Roithamers wieder. Wie sich die Geschichte des Kegels und des Schriftwerks zu Ende fügt, bleibt dem eigenen Lesen vorbehalten.

Die Handlung im Detail

Der namenlose Ich-Erzähler verlässt, obwohl er noch schwach ist, das Krankenhaus, um sich dem Nachlass seines Freundes Roithamer zu widmen. Roithamer hat Selbstmord begangen. Der Erzähler will dessen Aufzeichnungen und Notizen durchlesen und ordnen. Zu diesem Zweck zieht er bei dem gemeinsamen Freund Höller ein und richtet sich in der „höllerschen Dachkammer" ein, jenem Raum, in dem auch Roithamer früher häufig gearbeitet und übernachtet hatte.

Der Roman gliedert sich in zwei Teile, „Die höllersche Dachkammer" und „Sichten und ordnen". Der erste Teil schildert aus der Sicht des Erzählers das Ankommen in der Dachkammer, seine Erinnerungen an Roithamer und die gemeinsam verbrachte Kindheit sowie die gemeinsame Zeit in Cambridge. Er stellt Überlegungen zu den Eigenarten des höllerschen Hauses an, das an einer Engstelle der Aurach erbaut ist. Es folgen das gemeinsame Abendessen mit der Familie, das Sitzen am Tisch mit Höller und schließlich die heranbrechende Nacht, die der Erzähler wieder allein in der Dachkammer verbringt, weiteren Gedanken nachhängend. Dabei beobachtet er Höller, der als Tierpräparator in seiner Werkstatt in vielen Arbeitsschritten einen „großen schwarzen Vogel" ausstopft.

Im zweiten Teil paraphrasiert der Erzähler überwiegend die Worte und Gedanken Roithamers aus dessen Aufzeichnungen. Es geht um Roithamers Familie, um seine Herkunft aus dem verhassten Altensam und um seine Planungen und Unternehmungen zur Errichtung des Kegels. Dessen Konstruktion wurde von vielen belächelt und für unmöglich gehalten. Dennoch stellte Roithamer den Kegel fertig und schenkte ihn seiner Schwester, die er über alles liebte. Doch beim Einziehen in den Kegel, in einem Moment des größten Glücks, starb sie. Von da an begann Roithamer mit den ständigen Korrekturen und Kürzungen seines Werkes über Altensam. Er korrigierte und strich so lange, bis fast nichts mehr übrig blieb – bis er zu dem Schluss gelangte, dass es für ihn nur noch eine endgültige und richtige Korrektur gebe: den Selbstmord.

Stil

Aus zwei etwa gleich großen Teilen besteht der Roman, doch davon abgesehen gibt es keinerlei Absätze im Text. Die Schilderungen des Ich-Erzählers und die darin wiedergegebenen Gedanken, Handlungen und Wesenszüge Roithamers treiben die Erzählung voran. Häufig ziehen sich einzelne Sätze über mehrere Seiten. Trotz des beträchtlichen Umfangs – die Originalausgabe zählt 363 Seiten – gibt es kaum äußere Handlung; fast alles spielt sich im Denken, Erinnern und Wiedergeben ab.

Bezeichnend ist auch die Erzählhaltung: Der Erzähler spricht selten in eigenem Namen, sondern paraphrasiert über weite Strecken die Worte Roithamers, sodass sich beide Stimmen ineinanderschieben. Dem Buch ist ein Motto vorangestellt, das diese Bauweise wie ein Leitsatz begleitet: „Zur stabilen Stützung eines Körpers ist es notwendig, daß er mindestens drei Auflagenpunkte hat, die nicht in einer Geraden liegen, so Roithamer."

Rezeption

Zu den bekannteren Prosawerken Thomas Bernhards zählt dieser Roman. Sein Ruf gründet nicht zuletzt auf der kompromisslosen Form: die seitenlangen Sätze, das Fehlen von Absätzen und der fast vollständige Verzicht auf äußere Handlung machen das Buch zu einer anspruchsvollen, fordernden Lektüre. Gerade diese Strenge hat dazu beigetragen, dass Korrektur als ein Schlüsselwerk im Schaffen Bernhards wahrgenommen wird, in dem seine Themen – die Herkunft, der verhasste Heimatort, der unbedingte Wille zur Vollkommenheit und dessen zerstörerische Kehrseite – besonders verdichtet erscheinen.

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