Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Kopfkissenbuch
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Cover Kopfkissenbuch
Kopfkissenbuch
– Werkseintrag –

Kopfkissenbuch

· Tagebuch

Eine japanische Hofdame hielt um das Jahr 1000 in rund 320 kurzen Einträgen fest, was ihr am Kaiserhof auffiel, gefiel oder missfiel – und sprach ihre Meinungen dabei auffallend offen aus.

Überblick↑

Zu den frühesten und zugleich bedeutendsten Prosawerken der japanischen Literatur zählt das Kopfkissenbuch der Hofdame Sei Shōnagon. Es entstand um das Jahr 1000 und gehört in die Heian-Zeit. Die Verfasserin diente der Kaiserin Fujiwara no Sadako als Hofdame und verband sich mit ihr freundschaftlich. In rund 320 meist kurzen Einträgen hält sie Beobachtungen, Anekdoten, Listen und persönliche Urteile aus dem Leben am kaiserlichen Hof fest. Damit ist das Buch zugleich eine wichtige Quelle für die Kulturgeschichte dieser Epoche.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Das Werk Kopfkissenbuch erzählt keine fortlaufende Geschichte, sondern versammelt Aufzeichnungen einer Frau, die täglich im Umkreis der Kaiserin lebte. Die Einträge sind kurz und wechseln unablässig das Thema. Mal ist es eine Szene aus dem Hofalltag, mal eine Anekdote, mal eine Aufzählung von Dingen, die der Verfasserin gefallen oder missfallen.

Der Ton ist auffallend offen. Sei Shōnagon spricht ihre Meinungen sehr direkt aus und hält auch Eindrücke und Gefühle fest, die andere lieber für sich behalten hätten. Wer das Buch aufschlägt, betritt eine Welt strenger höfischer Formen und findet zugleich eine ungewöhnlich persönliche Stimme darin.

Der Titel geht auf die Überlieferung zurück, die Aufzeichnungen seien in einem hohlen Kopfkissen aus Porzellan aufbewahrt worden. Man kann das Buch an beliebiger Stelle aufschlagen, ohne etwas zu versäumen.

Die Handlung im Detail↑

Eine durchgehende Handlung besitzt das Kopfkissenbuch nicht. Es ist eine Art Tagebuch und besteht aus etwa 320 überwiegend kurzen Einträgen zu Themen des Alltags am kaiserlichen Hof. Diese Einträge lassen sich grob in mehrere Arten unterscheiden: genaue, scharfsinnige Beobachtungen; erzählte Anekdoten aus dem Hofleben; Aufzählungen von Dingen; sowie ausgesprochen offene, ungeschminkte Meinungsäußerungen. Dazu treten festgehaltene Eindrücke und Gefühle.

Im Mittelpunkt steht die Welt um Kaiserin Fujiwara no Sadako, in deren Dienst Sei Shōnagon als Hofdame stand und zu der sie eine freundschaftliche Beziehung entwickelte. Weil die Kaiserin im Jahr 1001 starb, nimmt man vielfach an, dass die Verfasserin ihren Text danach noch einmal gründlich überarbeitet und redigiert hat.

Die Überlieferung des Werks ist verwickelt: Es liegt in verschiedenen Handschriften vor, und die Herstellung eines gesicherten Textes bereitet der Forschung erhebliche Schwierigkeiten. Auch die deutschen Ausgaben spiegeln das. Mehrere davon bieten nur eine Auswahl; die von Mamoru Watanabé besorgte Übersetzung etwa enthält rund zwei Drittel des Textbestands. Eine Übersetzung von Michael Stein erschien 2016 bei Manesse in Zürich und wurde mit dem Übersetzerpreis der Japan Foundation ausgezeichnet.

Stil↑

Auffällig an diesem Werk ist, wie beiläufig es sich gibt. Die Einträge sind scheinbar kunstlos niedergeschrieben, ohne erkennbaren Bauplan und ohne verbindende Erzählung. Für diese Schreibweise steht der Ausdruck „zui-hitsu“, was so viel bedeutet wie „aus dem Pinsel geflossen“. Sei Shōnagon gilt als die erste Meisterin dieses Stils.

Sprachlich fällt auf, dass der Text nur wenige aus dem Chinesischen übernommene Wörter enthält. Er ist vorwiegend in der Kana-Schrift verfasst. Kennzeichnend ist außerdem die Form der Liste: Aufzählungen von Dingen stehen gleichberechtigt neben Anekdoten und Beobachtungen. Und die Verfasserin urteilt sehr direkt, ohne ihre Meinung abzumildern.

Rezeption↑

In Europa wird das Werk seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wahrgenommen. Englische und französische Übersetzungen erschienen seit 1889. Die erste deutsche Übertragung, eine Auswahl in der Bearbeitung von Helmut Bode, kam 1944 heraus; sie wurde später in der Insel-Bücherei nachgedruckt. 1948 folgte eine weitere Auswahl, herausgegeben von Gerhart Haug. Die Übersetzung von Mamoru Watanabé erschien zuerst 1952 und später bei Manesse in Zürich.

Auch im 21. Jahrhundert wird das Buch neu übersetzt. 2006 legte Meredith McKinney eine englische Neuübersetzung bei Penguin vor. 2016 erschien die deutsche Übersetzung von Michael Stein, für die der Übersetzer den Übersetzerpreis der Japan Foundation erhielt.

Das Werk hat auch außerhalb der Fachwelt Spuren hinterlassen. In Peter Greenaways Film Die Bettlektüre von 1996 wird häufig darauf verwiesen und daraus zitiert. In Hanns-Josef Ortheils Roman Liebesnähe von 2011 spielt das Buch eine besondere Rolle.

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