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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Die Jagdgesellschaft
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Die Jagdgesellschaft
1974
– Werkseintrag –

Die Jagdgesellschaft

1974 · Drama

Auf einem winterlichen Landgut spielen die Generalin und ein Schriftsteller Karten, während der General zur Jagd geht – und nicht weiß, dass sein Wald, seine Gesundheit und sein Amt zugleich am Ende sind.

Überblick↑

Das Drama Die Jagdgesellschaft von Thomas Bernhard entstand für die Bühne. 1974 wurde es am Wiener Burgtheater uraufgeführt. Regie führte Claus Peymann, das Bühnenbild gestaltete Karl-Ernst Herrmann. Das Stück gehört zu den frühen Bühnenwerken Bernhards. Es führt drei seiner zentralen Themen eng zusammen: körperlichen Verfall, gesellschaftliche Demontage und das Verschwinden einer ganzen Lebenswelt. Der Hintergrund ist eine winterliche Jagdgesellschaft auf einem Landgut. Davor spitzt Bernhard eine Frage zu: Wie lebt ein Mensch, der zugleich krank, abgehängt und um seine Umgebung gebracht ist?

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Auf dem Landgut eines Generals versammelt sich eine Jagdgesellschaft. Zu den Gästen zählen der Prinz und die Prinzessin, die Minister des Generals und ein Schriftsteller, der dem Haus nahesteht. Während die Männer in den Wald aufbrechen, bleiben die Generalin und der Schriftsteller im Haus zurück. Sie spielen Karten – Siebzehn und Vier.

In ihren Gesprächen kreisen die beiden um russische Dichter und um die Konzentrationsschwierigkeiten des Schriftstellers. Sie sprechen über die seltsamen Rituale, mit denen er die Generalin an den Spieltisch zwingt. Und immer wieder geht es um den abwesenden Hausherrn. Nach und nach treten die wahren Verhältnisse hervor. Der General ist schwer krank und leidet am Grauen Star. Darum bemerkt er nicht, dass sein geliebter Wald vom Borkenkäfer zerfressen ist und vollständig gefällt werden muss. Auch in der Politik gerät er unter Druck: Seine Minister legen ihm den Rücktritt nahe.

Das Stück gliedert sich in drei Teile: vor der Jagd, während der Jagd und nach der Jagd. Mit jedem dieser Abschnitte verengt sich der Spielraum des Generals weiter. Der Schriftsteller ist halb Gast, halb Beobachter. Er nähert sich der Frage, ob und wie man dem Bedrohten die Wahrheit über seinen Zustand sagen kann.

Die Handlung im Detail↑

Der erste Teil – „Vor der Jagd“ – zeigt die Generalin und den Schriftsteller im Gespräch. Sie reden über russische Dichter, über die Konzentrationsschwierigkeiten des Schriftstellers und über seine Eigenart, die Generalin in Phasen innerer Anspannung zu endlosen Partien Siebzehn und Vier zu drängen, das Spiel aber zu verweigern, sobald sie selbst Lust dazu verspürt. Im Lauf des Gesprächs wird klar, dass das gesamte Waldstück des Generals vom Borkenkäfer befallen ist und abgeholzt werden muss. Der General selbst ahnt das Ausmaß nicht: Er leidet am Grauen Star und sieht den Wald nicht mehr richtig. Zudem ist er an einer wahrscheinlich tödlichen Krankheit erkrankt. Am Ende der Szene treten der General, seine Minister, der Prinz und die Prinzessin auf. Gut gelaunt stellt der General den Schriftsteller vor und bittet zu Tisch.

Im zweiten Teil – „Während der Jagd“ – sitzen Generalin und Schriftsteller wieder beim Karten­spiel. Die Generalin gewinnt eine Partie nach der anderen. Es kommt zur Sprache, dass der General in Stalingrad gekämpft und dort seinen Arm verloren hat. Das Gespräch wendet sich vom General, den beide zu verachten scheinen, zum Tod und zur dauernden Selbsttäuschung der Menschen und kehrt schließlich wieder zum General zurück, der von seinen Ministern unter Druck gesetzt werde. Draußen fallen Schüsse. Die Glückssträhne der Generalin endet, der Schriftsteller gewinnt das Spiel.

Im dritten Teil – „Nach der Jagd“ – kehrt die Gesellschaft zurück. Der General lobt den Prinzen, der sich um das Gut kümmert, lobt seine Frau, deren Gedichte an der Schule gelesen werden, und sogar den Holzknecht Asamer, der nebenher als Mesner und Totengräber arbeitet. Kurz erwähnt er das Theater, das er verachtet. Dann kündigt er eine Entscheidung an: Wegen seiner Krankheit habe man ihm den Rücktritt nahegelegt, er selbst vermute den eigentlichen Grund jedoch in seiner „politischen Unzuverlässigkeit“. Er wendet sich an den Schriftsteller.

Der Schriftsteller setzt zu einer Betrachtung an, in der er die allgemeine Interessenlosigkeit und den Zustand der ganzen Existenz als „Todeskrankheit“ bezeichnet. Daraus geht er, kaum verschleiert, zu einer Aufzählung der konkreten Lage über: dass der General am Star und an einer tödlichen Krankheit leidet, dass man ihn zum Rücktritt zwingt und dass der Borkenkäfer den Wald befallen hat. Anschließend spricht er von seinen Beobachtungen des Generals, den jedes erfrorene Stück Wild im Wald an Stalingrad und an die dort gefallenen, erfrorenen Soldaten erinnere. Er zieht die Parallele zu Generalfeldmarschall Paulus, den Hitler vor der Aufgabe Stalingrads in dem Glauben befördert habe, er werde sich umbringen, der stattdessen aber in Gefangenschaft ging.

Während der Schriftsteller spricht, hat der General die Gesellschaft verlassen. Aus dem Nebenraum fällt ein Schuss. Mit der Leiche des Generals und dem von draußen heraufdringenden Lärm der Holzfäller, die den Wald umlegen, endet das Stück.

Stil↑

Bernhard baut sein Stück streng in drei Stationen. Jede ist für sich kaum mehr als eine Gesprächs­situation um einen Kartentisch oder eine Tafel. Die äußere Handlung – Jagd, Krankheit, Rücktritt, Abholzung – findet fast vollständig im Bericht statt. Gespielt wird das Sprechen darüber. Die Karten­partie Siebzehn und Vier dient dabei als ruhiger Grundtakt. Vor ihm stehen die langen Reden der Figuren.

Die Sprache ist erkennbar bernhardsch: lange, kreisende Sätze, beharrliche Wiederholungen, Übertreibungen, die ins Grimmige und Komische zugleich ausschlagen. Aus dem Reden über Belanglosigkeiten – russische Dichter, Spielgewohnheiten, das Wetter der Jagd – wachsen unmerklich die großen Themen heraus: Krankheit, Selbsttäuschung, Tod. Drei Bilder werden eng aneinandergeführt, bis sie ineinander übergehen: das vom Borkenkäfer zerfressene Waldstück, der vom Grauen Star halb erblindete und todkranke General und das politisch ausgehöhlte Amt. Krankheit, Natur und Politik werden so zu Spiegelungen desselben Verfalls.

Rezeption↑

Die Uraufführung war am 4. Mai 1974 am Wiener Burgtheater unter der Regie von Claus Peymann. Sie markiert den Beginn einer langen Arbeits­beziehung zwischen Bernhard und Peymann. Diese Beziehung sollte das deutschsprachige Theater der folgenden Jahrzehnte prägen. Mit dem Bühnenbild von Karl-Ernst Herrmann erhielt das Stück eine künstlerisch hochrangige Erstbesetzung an einem der wichtigsten Häuser des deutschen Sprachraums. Das Drama Die Jagdgesellschaft zählt seither zu den frühen Schlüsselstücken Bernhards. In ihnen bilden sich Themen, Figurenkonstellationen und Sprachgestus jener Dramen aus, die seinen Ruf als wichtigster österreichischer Bühnenautor der zweiten Jahrhundert­hälfte begründet haben.

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