1970
Das Kalkwerk
Überblick↑
Der Roman Das Kalkwerk von Thomas Bernhard erschien 1970 im Suhrkamp Verlag. Er gehört zu den zentralen Prosawerken des österreichischen Autors. Im Mittelpunkt steht Konrad, ein besessener Privatgelehrter. Er hat sich mit seiner gelähmten Frau in ein abgelegenes Kalkwerk zurückgezogen, um dort eine wissenschaftliche Studie über das Gehör zu schreiben. Das Buch ist eine kompromisslose Erkundung von Isolation und geistigem Hochmut. Es zeigt auch die Zerstörung, die aus dem Streben nach einer unerreichbaren Perfektion erwächst. 2002 erschien beim Hörverlag eine inszenierte Lesung mit Ulrich Matthes in der Regie von Ulrich Gerhardt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein namenloser Erzähler trägt zusammen, was Bekannte, Nachbarn und Geschäftsleute über den Privatgelehrten Konrad und dessen Frau zu berichten wissen. Das Ehepaar hat sich in ein einsam gelegenes, altes Kalkwerk zurückgezogen. Konrad will dort endlich seine seit Jahrzehnten geplante Studie über das Gehör zu Papier bringen. Seine Frau ist an den Rollstuhl gefesselt und auf seine Pflege angewiesen. Zugleich ist sie Versuchsobjekt seiner Hörexperimente nach der sogenannten Urbantschitschen Methode.
Stundenlang spricht Konrad ihr dieselben Wörter ins Ohr, in wechselnder Lautstärke und aus wechselnder Entfernung. Dann verlangt er von ihr genaue Auskunft über das Gehörte. Als Belohnung liest er ihr aus ihrem Lieblingsbuch vor, dem Ofterdingen von Novalis. Als Strafe liest er aus seinem eigenen Lieblingsbuch, dem Kropotkin. Den eigentlichen Anfang der Niederschrift schiebt Konrad immer wieder hinaus. Stets kommt ihm etwas dazwischen: Ein Besucher klopft, ein Gedanke unterbricht ihn. Die Lage im Kalkwerk verdüstert sich zusehends.
Die Handlung im Detail↑
Die Geschichte wird mittelbar erzählt. Ein namenloser Erzähler trägt zusammen, was er von verschiedenen Menschen aus Konrads Umfeld erfahren hat, und gibt die Vorgänge im Kalkwerk in Form berichteter Rede wieder. Konrad, ein Privatgelehrter, ist mit seiner Frau in ein abgeschiedenes, altes Kalkwerk gezogen, um dort die Studie zu schreiben, die er seit Jahrzehnten im Kopf trägt: ein Werk über das Gehör. Er wartet auf den allergeeignetsten Moment, um mit der Niederschrift zu beginnen. Dieser Moment will sich nicht einstellen.
Konrads Frau ist gelähmt, sitzt im Rollstuhl und ist auf seine Pflege angewiesen. Er missbraucht diese Abhängigkeit für seine Experimente nach der Urbantschitschen Methode. Stundenlang sagt er ihr dieselben Wörter ins Ohr, in wechselnder Lautstärke und aus wechselnder Entfernung. Sie muss berichten, wie sie jeden einzelnen Laut wahrgenommen hat. Da sie sich der Prozedur nicht entziehen kann, bleibt ihr nichts übrig, als mitzuarbeiten. Konrad meint, sie arbeite einmal besser, einmal schlechter, und er entwickelt ein Konditionierungssystem: Ist er mit ihr zufrieden, liest er ihr aus ihrem Lieblingsbuch, Novalis' Heinrich von Ofterdingen, vor; ist er unzufrieden, liest er ihr stundenlang aus seinem Lieblingsbuch, dem Kropotkin, vor.
Mit der Studie kommt Konrad nicht voran. Stets kommt ihm im entscheidenden Augenblick etwas dazwischen: Ein Besucher klopft an die Tür des Kalkwerks und reißt ihm das ganze Konzept ein. Die Beziehung zwischen den Eheleuten verkommt. Konrad vernachlässigt seine Frau, wäscht sie nur noch selten, gibt ihr keine sauberen Kleider mehr. Da er keiner Erwerbsarbeit nachgeht, ist er gezwungen, heimlich, hinter dem Rücken seiner Frau, nach und nach das Inventar des Kalkwerks zu verkaufen.
Eines Nachts hat Konrad einen Traum, in dem sich die Verhältnisse umkehren: Seine Frau kann sich plötzlich bewegen, kommt ihm in seinem Zimmer entgegen und beschuldigt ihn, die Studie heimlich verfasst zu haben. Nach diesem Traum, in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember, erschießt Konrad seine Frau. Die Studie ist nie geschrieben worden.
Stil↑
Der Roman ist ein einziger, kunstvoll gebauter Bericht aus zweiter und dritter Hand. Bernhard verzichtet auf direkte Szenen und auf einen allwissenden Erzähler. Alles, was im Kalkwerk geschieht, erreicht den Leser nur als das, was Konrad einem seiner Gesprächspartner gesagt haben soll. Und diese haben es wiederum dem namenlosen Erzähler berichtet. So entsteht eine doppelte und dreifache Brechung, die jede unmittelbare Gewissheit aushöhlt.
Die Sprache wirkt auf den ersten Blick monoton. Denn Bernhard arbeitet mit wiederkehrenden Formeln, eingeschobenen Quellenangaben ("sagte Konrad zu Wieser", "soll Konrad gesagt haben") und kreisenden Wiederholungen. Dieser scheinbare Gleichlauf ist jedoch hochartifiziell. Der Text windet sich in den nur über Dritte mitteilbaren Gedanken Konrads immer enger um sein Thema. So treibt er die Obsession des Helden auch auf der Satzebene voran. Es gibt keine Kapitel und keine Absätze, die dem Leser Erholungspausen gönnten. Der Roman ist ein einziger, ununterbrochener Block.
Rezeption↑
Peter Härtling sah im "Spiegel" 1970 in dem Buch eine konsequente Fortsetzung von Bernhards bisherigem Werk. Der "Aberwitz" werde hier "natürlich", die "äußerste Introversion zur Methode, die Handlung zur Travestie". Heinrich Vormweg betonte im "Merkur" die thematische Geschlossenheit von Bernhards längerer Prosa. Es gehe immer wieder um "das Furchtbare, Sinnlose, Erdrückende menschlichen Lebens, die Zone seiner Verfinsterung, Verkrüppelung, des unkorrigierbaren Verstörtseins".
Über die Jahrzehnte hat sich Das Kalkwerk als ein Hauptwerk Bernhards behauptet. Der Schriftsteller Ernst-Wilhelm Händler nannte den Roman 2004 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sein Lieblingsbuch. Er formulierte die Frage, die das Buch aufwerfe: "Ist Klarheit ohne Kälte möglich? 'Das Kalkwerk' von Thomas Bernhard beantwortet die Frage nicht. Aber die Frage ist ohne das Kalkwerk nicht zu beantworten." Anlässlich von Bernhards 75. Geburtstag und der Aufnahme des Romans in die auf 22 Bände angelegte Suhrkamp-Werkausgabe würdigte literaturkritik.de 2006 die Figur Konrads als Prototyp des "hochintelligenten Geisteskranken", der an seinen eigenen Ansprüchen scheitere. Zugleich hob das Blatt die "sprachlich geradezu unglaubliche Konstruktion" hervor, die nur vordergründig monoton wirke.
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