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Werkseintrag · Das Land der Schurken
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Das Land der Schurken
1924
– Werkseintrag –

Das Land der Schurken

1924 · Lyrik

Im Ural des Bürgerkriegs jagt ein Kommissar einen anarchischen Räuber, der ihm im Innersten näher ist, als beide zugeben wollen.

Überblick

Das dramatische Poem Land der Schurken zählt zu den ungewöhnlichsten Werken des russischen Dichters Sergei Jessenin. Es entstand in den Jahren 1922 und 1923 und gilt in der Jessenin-Forschung als unvollendet und nicht endgültig ausgearbeitet. Zu Lebzeiten des Dichters erschien es nie vollständig, und auf der Bühne wurde es nie gespielt. Bekannt wurde es zunächst durch einzelne Auszüge in Zeitungen und Sammelbänden sowie durch Jessenins eigene Lesungen vor Publikum. Der Dichter kürzte den Titel selbst gern ab. Im Mittelpunkt steht der Zusammenstoß eines anarchischen Banditen mit den Vertretern der neuen Sowjetmacht im Ural.

Inhalt (ohne Spoiler)

Die Handlung spielt im Ural im Jahr 1919, mitten in den Wirren des Bürgerkriegs. Held des Werks ist der Bandit Nomach, ein romantischer Rebell und Anarchist, der alle hasst, die sich am Marxismus bereichern. Einst war er der Revolution gefolgt, in der Hoffnung, sie werde der ganzen Menschheit die Freiheit bringen. Diese anarchische, bäuerliche Sehnsucht steht dem Dichter selbst nahe, und so legt er Nomach viele seiner eigenen Gedanken in den Mund: die Liebe zum Sturm und die Abneigung gegen jenes eintönige, künstliche Leben, das die Kommissare Russland aufgezwungen haben.

Nomach gegenüber steht der Kommissar Rasswetow, der als Vertreter der neuen Ordnung auftritt. Doch die beiden Männer, die sich als Feinde begegnen, gleichen einander im Grunde mehr, als es zunächst scheint. Nomach überfällt die Züge auf der uralischen Bahnlinie, und die Tschekisten, die ihn jagen, nehmen die Verfolgung auf.

Die Handlung im Detail

Im Ural des Jahres 1919 treibt der Bandit Nomach sein Unwesen. Er ist ein Mann ohne jede moralische Hemmung, bereit zu Mord und zum Griff nach der Macht. Er erklärt, dass sich in ganz Russland Banden von ähnlich Betrogenen vermehren, wie er selbst einer ist. Ihm gegenüber steht der Kommissar Rasswetow. Auf den ersten Blick sind die beiden Gegner, doch im Wesentlichen sind sie eins. Denn auch Rasswetow ist durch und durch unmoralisch: In seiner Jugend war er am Klondike, wo er einen Börsenschwindel durchzog. Er gab einen bloßen Felsen als goldhaltig aus und strich nach einer Börsenpanik einen großen Gewinn ein. Seither ist er überzeugt, dass jeder Betrug gut sei, sofern die Armen die Reichen betrügen. So sind die Tschekisten, die Nomach jagen, um nichts besser als er selbst.

Nomach überfällt die Züge auf der uralischen Linie. Der frühere Arbeiter und nunmehrige Freiwillige Samaraschkin steht Wache. Hier kommt es zu seinem Gespräch mit dem Kommissar Tschekistow, der Russland nach allen Regeln der Kunst verflucht: für den Hunger, für die Wildheit und Roheit des Volkes, für die Finsternis der russischen Seele und des russischen Lebens. Sobald Samaraschkin allein auf Posten zurückbleibt, taucht Nomach auf. Zuerst versucht er, ihn für seine Bande zu gewinnen, dann fesselt er ihn, entwendet die Laterne und hält mit ihr den Zug an.

Im Zug sitzt Rasswetow mit zwei weiteren Kommissaren, Tscharin und Lobok. Rasswetow spricht von einem künftigen, amerikanisierten Russland und von dem harten Zwang, den man der Bevölkerung auferlegen müsse. Nomach überfällt den Zug, raubt das gesamte Gold und sprengt die Lokomotive in die Luft. Daraufhin übernimmt Rasswetow persönlich die Leitung der Suche nach ihm. In einer Spelunke, in der ehemalige Weißgardisten trinken und Banditen Opium rauchen, wird Nomach schließlich von dem chinesischen Spitzel Litsa-Chun aufgespürt. Gefasst wird er jedoch nicht: Gemeinsam mit dem Banditen Barsuk entkommt Nomach der gestellten Falle.

Stil

Angelegt ist das Werk als dramatisches Poem, also als eine in Versen geschriebene Dichtung in Gestalt von Szenen und Wechselreden. Die Figuren treten weniger als lebendige Menschen denn als Stimmen gegensätzlicher Weltanschauungen auf. Auffällig ist, wie unterschiedlich die beiden Gegenspieler geraten sind. Weil Jessenin dem Banditen Nomach seine eigenen, ihm teuersten Gedanken anvertraut, wirkt diese Figur kraftvoll und lebendig. Der als vorbildlich gedachte Kommissar Rasswetow dagegen bleibt blass. So bezieht das Werk seine Spannung aus dem ungleichen Kräfteverhältnis zwischen dem glühend gezeichneten Rebellen und den kühl bleibenden Vertretern der neuen Macht.

Rezeption

Vorgetragen vom Dichter selbst, wurde das Werk zu einem beachteten Ereignis im literarischen Leben Sowjetrusslands und der russischen Emigration der frühen 1920er Jahre. Der Öffentlichkeit wurde es durch einzelne Auszüge zugänglich: in der Zeitung „Bakinski Rabotschi“ im September 1924, in der Zeitschrift „Gorod i derewnja“ 1925 und im Sammelband „Strana sowetskaja“, der 1925 in Tiflis erschien.

Der Charakter der Dichtung und Jessenins öffentliche Lesungen lösten eine neue Welle der Verfolgung durch die Behörden aus. Im Januar 1923 kam es bei einem Abend russisch-jüdischer Dichter zu einem Skandal, als Jessenin beim Vortrag eines Auszugs eine herabwürdigende Bemerkung über Juden fallen ließ. Vollständig und ungekürzt erschien das Werk erst 1998, in der siebenbändigen Gesamtausgabe von Jessenins Werken. Auf die Bühne gelangte es nie.

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