1895 – 1925
Sergei Alexandrowitsch Jessenin
Kurzporträt↑
Sergei Alexandrowitsch Jessenin gilt als einer der bekanntesten und zugleich volkstümlichsten Lyriker Russlands. Geboren wurde er 1895 in eine Landarbeiterfamilie. Zeitlebens verstand er sich als „Dorfpoet". Das Leben auf dem Land und in den Dörfern machte er zum Herzstück seiner Gedichte. Sein kurzes Leben war geprägt von der Begeisterung für die Russische Revolution und der späteren Enttäuschung über sie. Dazu kamen vier Ehen und ein offen ausgelebter Alkoholismus. Am 28. Dezember 1925 nahm er sich im Alter von erst 30 Jahren das Leben.
Biografie↑
Geboren wurde Sergei Jessenin am 21. September 1895, nach gregorianischem Kalender am 3. Oktober, in eine Landarbeiterfamilie. In der Forschung ist sein Geburtsort umstritten. Die meisten Quellen nennen Konstantinowo im Gouvernement Rjasan im Russischen Kaiserreich. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet dagegen den Ort Kvėdarna. Seine Kindheit verbrachte Jessenin überwiegend bei seinen Großeltern. Schon mit neun Jahren begann er zu dichten. Wegen seiner bäuerlichen Herkunft sah er sich als „Dorfpoet" und beschäftigte sich in vielen Werken mit dem ländlichen Leben.
Nach einer abgebrochenen Ausbildung im Internat einer kirchlichen Schule ging er 1912 nach Moskau. Dort arbeitete er zunächst in einer Buchhandlung. 1913 nahm er ein geisteswissenschaftliches Studium auf. 1915 zog er nach Sankt Petersburg um. Im Jahr darauf veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband, den er Soja Bucharowa widmete. Im selben Jahr wurde er zum Militär einberufen. Die Oktoberrevolution unterstützte Jessenin zunächst. Von den Ergebnissen der Russischen Revolution war er jedoch enttäuscht und wandte sich später von ihr ab. Große Teile seines Werkes waren in der Sowjetunion verboten, vor allem zur Zeit Stalins.
1921 bereiste er den asiatischen Teil der Sowjetunion. Er besuchte den Ural und Orenburg, hielt sich im Mai in Taschkent auf und verbrachte kurze Zeit in Samarkand. Im Oktober desselben Jahres lernte er die Tänzerin Isadora Duncan kennen. Mit ihr war er von Mai 1922 bis August 1923 verheiratet. Er begleitete die deutlich ältere Künstlerin auf ihren Tourneen und erregte dabei international Aufsehen, etwa durch Vandalismus in Hotelzimmern. Seinen Alkoholismus verarbeitete er auch in seinen Gedichten. In ihnen gab er sich keinen Illusionen über sich selbst hin. Dem Schriftsteller Ilja Ehrenburg zufolge war er ruhmessüchtig und öfter dem Wahnsinn nahe. Auf den Dichter Wladimir Majakowski war er schlecht zu sprechen. 1924 und 1925 besuchte er Aserbaidschan und wohnte in Mardakjan, einer Vorstadt von Baku. Zu Beginn der 1920er Jahre hatte er in Moskau in einem Freundeskreis von Künstlern verkehrt. 1924 brach er die Beziehung zu Anatoli Marienhof ab, einem führenden Vertreter des Imaginismus.
Jessenin war viermal verheiratet. Sein Sohn Juri aus der ersten Ehe mit Anna Isrjadnowa wurde 1937 während der Stalinschen Säuberungen erschossen. Mit Sinaida Reich war er von 1917 bis 1921 verheiratet. Mit ihr hatte er die Tochter Tatjana und den Sohn Konstantin. Außerdem zeugte er außerehelich mit der Dichterin Nadeschda Wolpin den Mathematiker und Dissidenten Alexander Jessenin-Wolpin. Nach Isadora Duncan heiratete er im Oktober 1925 Sofia Tolstaja, die Enkelin Leo Tolstois. Sie veranlasste einen Monat später seine Einweisung in eine psychiatrische Klinik in Moskau.
Am 28. Dezember 1925 nahm sich Jessenin in einem Zimmer des Hotels Angleterre in Leningrad das Leben. Laut seinen Biografen befand sich der Dichter in einem depressiven Zustand und beging Selbstmord durch Erhängen. Kurz vor seinem Tod schrieb er mit seinem eigenen Blut ein Abschiedsgedicht. Die mit ihm befreundete Journalistin Galina Benislawskaja beschäftigte er als literarische Sekretärin. Sie tötete sich ein Jahr nach seinem Tod an seinem Grab.
Literarische Merkmale↑
Aus seiner bäuerlichen Herkunft bezog Jessenin den Grundton seiner Dichtung. Er verstand sich als „Dorfpoet". Das Leben auf dem Land und in den Dörfern machte er zum wiederkehrenden Gegenstand seiner Verse. Damit blieb er dem ländlichen, volkstümlichen Russland verbunden. Das trug ihm den Ruf eines der volkstümlichsten Dichter seines Landes ein.
Persönliche Erfahrung und Dichtung gingen bei ihm eng ineinander über. Seinen Alkoholismus etwa verschwieg er nicht, sondern reflektierte ihn offen in seinen Gedichten. In ihnen gab er sich keinen Illusionen über sich selbst hin. Zeitweise stand er dem Imaginismus nahe, einer Künstlergruppe um Anatoli Marienhof. Mit ihm brach er 1924.
Rezeption↑
Zu den bekanntesten und zugleich volkstümlichsten Dichtern Russlands wird Jessenin bis heute gezählt. Sein Werk hatte es in seinem Heimatland jedoch schwer. Große Teile davon waren in der Sowjetunion verboten, insbesondere zur Zeit Stalins. Schriftsteller setzten sich mit ihm auseinander, darunter Maxim Gorki mit einem literarischen Porträt und Ilja Ehrenburg in seinen Memoiren.
Sein Nachruhm reicht weit über die Literatur hinaus. Zum 100. Geburtstag 1995 schuf Nikolai Seliwanow eine Reihe von Porträts des Dichters und ihm nahestehender Personen. Auf der documenta 8 im Jahr 1987 in Kassel wurden Aufnahmen von ihm im Rahmen eines Ausstellungsbeitrags aufgeführt. Seit den 1960er Jahren trägt der Mount Yesenin in der Antarktis seinen Namen. Auch ein Asteroid des äußeren Hauptgürtels wurde nach ihm benannt. Im deutschen Sprachraum wirkten seine Verse unter anderem durch ein Hörbuch nach, auf dem Paul Celan Gedichte Jessenins liest.
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