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Werkseintrag · Das Leben Arsenjews
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Cover Das Leben Arsenjews
Das Leben Arsenjews
1952
– Werkseintrag –

Das Leben Arsenjews

1952 · Roman

Erinnerungsroman des Nobelpreisträgers Iwan Bunin, der aus dem Pariser Exil das Russland seiner Kindheit und Jugend heraufruft – endlose Schwarzerdefelder, ein verspieltes Adelsgut und die ersten Liebes- und Dichterjahre eines jungen Mannes.

Überblick

Der Roman Das Leben Arsenjews ist das Spätwerk des russischen Nobelpreisträgers Iwan Bunin. Er entstand zwischen 1929 und 1939 im französischen Exil. Vollständig erschien er erst 1952 im Tschechow-Verlag in New York. Erzählt werden die Jahre 1871 bis 1891 im zentralen Russland: Kindheit, Jugend und erste Mannesjahre des Adligen Alexej Arsenjew. Die Forschung ist sich weitgehend einig, dass der Roman stark autobiografische Züge trägt. Der Kritiker Wladislaw Chodassewitsch bezeichnete ihn als "fiktive Autobiographie" Bunins. Es ist das Buch eines Heimatlosen, der sich an ein für immer verlorenes Russland erinnert.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein fünfzigjähriger Erzähler, Alexej Arsenjew, genannt Aljoscha, blickt auf seine Herkunft zurück. Er erinnert sich an das väterliche Gutshaus Kamenka in der Schwarzerderegion Zentralrusslands. Er erinnert sich an eine Adelsfamilie, die durch das Spielen des Vaters verarmt. Und er erinnert sich an eine Kindheit zwischen Hauslehrer, Don Quichote, Robinson und französischen Vokabeln. Der ältere Bruder Georgi studiert und gerät in die Nähe sozialistischer Kreise. Der Vater versteht das nicht. Auch Aljoscha bleibt der Idee, "unter das Volk zu gehen", fremd.

Aljoscha besucht das Gymnasium in einer alten russischen Stadt. Er lernt früh die Begegnung mit dem Tod und entdeckt zugleich die Literatur. Mit knapp sechzehn erscheint sein erstes Gedicht in einer Petersburger Zeitschrift. Er träumt davon, ein zweiter Puschkin oder Lermontow zu werden. Zugleich fühlt er sich vom Niedergang des Landadels, zu dem er gehört, angezogen und bedrückt. Erste Verliebtheiten durchziehen diese Jahre, ohne ihn lange zu halten: das Mädchen Annchen aus Reval, die junge Lisa Bibikowa, das Stubenmädchen Tonka.

Aljoscha verlässt schließlich das väterliche Gut und reist durch das Land. In Orjol, der Stadt Leskows und Turgenews, sucht er eine Anstellung bei einer Zeitungsredaktion. Danach folgt er seinem Bruder nach Charkow. Dort und auf vielen weiteren Stationen lernt er die Schwester einer Redakteursfrau kennen, Lika. Mit ihr beginnt, wie er selbst sagt, "eine weitere Liebe, die zu einer großen Begebenheit in meinem Leben werden sollte".

Die Handlung im Detail

Der fünfzigjährige Ich-Erzähler Alexej Arsenjew erinnert sich an seine Herkunft im Vorwerk Kamenka, mitten in der endlosen Schwarzerdelandschaft Zentralrusslands. Der Vater, Alexander Sergejewitsch Arsenjew, hat in Tambow sein Vermögen verspielt, dennoch unterrichtet ein Hauslehrer namens Baskakow die Kinder. Bei ihm liest Aljoscha den Don Quichote und den Robinson und lernt auf Geheiß der Mutter Französisch. Der ältere Bruder Georgi studiert in den Ferien Lawrow und Tschernyschewski. Bald wird Aljoscha zum ersten Mal mit dem Tod konfrontiert: Schwester Nadja stirbt nach einem Fieberanfall. Im Frühjahr darauf stirbt die Großmutter mütterlicherseits – ein Tod, der in der Familie Heiterkeit auslöst, denn man wird wohlhabend, zieht auf das ererbte Gut Baturino und verkauft Kamenka. Der Vater wird das neue Gut später wieder verspielen, Baturino verpfänden.

Aljoscha kommt in eine alte russische Stadt aufs Gymnasium, deren Mauern an die Geschichte der Fürstentümer Susdal und Rjasan erinnern. Vier Jahre lernt er dort mit Leichtigkeit, während Georgi in Moskau an der Kaiserlichen Universität studiert. Dann wird Georgi als Sozialist wegen "verbrecherischer Betätigung" verhaftet. Der Vater fasst es nicht: dass ein Adliger aus der eigenen Familie "unter das Volk gehen" wolle. Georgi hatte sich versteckt gehalten und war beim Eintreffen in Baturino vom Verwalter eines Nachbargutes verraten worden – der Verräter wurde noch am selben Tag von einem umstürzenden Baum erschlagen, was die Familie als göttliche Strafe deutet. Die fastende Mutter erlebt nach einem Jahr die Heimkehr des Sohnes: Georgi wird nach Baturino verbannt und unter Polizeiaufsicht gestellt.

Da nichts mehr zu bewirtschaften ist, gibt der Vater nach: Aljoscha darf das Gymnasium verlassen und ein Dichter werden – am liebsten ein zweiter Shukowski oder Baratynski. Sein Bruder Nikolai heiratet eine Deutsche, Tochter eines Verwalters in Wassiljewskoje. Bei einem Besuch dort lernt Aljoscha das adrette Annchen aus Reval kennen, die Nichte des deutschen Verwandten Wiegand – seine erste Liebe. In der Bibliothek von Pissarew, dem Mann einer Cousine, stöbert er in Bänden von Sumarokow, Anna Bunina, Dershawin, Batjuschkow, Shukowski, Wenewitinow, Jasykow, Koslow und Baratynski. Pissarew stirbt nach einem Schlaganfall; Aljoscha wird ein weiteres Mal mit dem Tod konfrontiert.

Nach der Beerdigung fällt der Abschied von Wassiljewskoje schwer. In der Bibliothek hat Aljoscha den Faust entdeckt und die Zeile "So schaff' ich am sausenden Webstuhl der Zeit" gelesen. Der Abschied von Annchen wird zur Nebensache, obwohl sie sich auf seinen Schoß setzt und er "zum erstenmal im Leben die süße Last eines weiblichen Körpers" empfindet. Noch keine sechzehn Jahre alt, sieht er sein erstes Gedicht in einer Petersburger Zeitschrift gedruckt. Er trauert um sein früh verstorbenes Idol Nadson und will ebenso berühmt werden. Es folgt die poetische Liebe zu Lisa Bibikowa, gemeinsame Sommertage im Juni, Jasmin- und Rosendüfte, der Geruch des Schlamms im sonnenwarmen Teich. Zugleich hilft er bei der Ernte und verhandelt im Auftrag des Vaters mit einem Getreideaufkäufer, der seine Gedichte in der Zeitung gelesen hat und ihn ermutigt. Mit dem verheirateten zwanzigjährigen Stubenmädchen Tonka, das auf Nikolais Gut arbeitet, beginnt eine kurze Affäre ohne Liebe; ihr Mann beendet sie, indem er Tonka an die Liwna mitnimmt.

Georgi wird aus der Polizeiaufsicht entlassen und kehrt nach Charkow zurück. Aljoscha geht im Herbst mit Nikolai auf die Jagd und streift dann allein durchs Land. Über Schipowo erreicht er Kroptowka, das Stammgut der Lermontows. An dem Ort, wo Lermontows Vater zumeist lebte, fasst er den Entschluss: "Jetzt habe ich von Baturino genug." Tief beeindruckt liest er Puschkins Reise nach Arzerum. Tolstoi kommt ihm nicht als Vorbild infrage, weil dieser eine Schuld vor dem Volk begleichen wolle; Aljoscha will weder dem Volk dienen noch sich für es opfern. Er geht nach Orjol, der Stadt Leskows und Turgenews, und versucht, in der Redaktion der "Stimme" Fuß zu fassen. Es misslingt offenbar, und er fährt zu Georgi nach Charkow, der dort an der Stadtbibliothek angestellt ist. Mehrere Jahre verbringt er in der Stadt, schließt sich ehemaligen Häftlingen und Verbannten an, kann mit diesen "Kämpfern" aber nichts anfangen. Im Vorfrühling bereist er die Krim und kehrt über Sewastopol nach Orjol zurück.

In der Redaktion der "Stimme" macht ihn die Hausherrin Nadja Awilowa mit ihrer Cousine Lika bekannt. Aljoscha verliebt sich rasch, und mit Lika beginnt, wie er sagt, eine Liebe, die zur "großen Begebenheit" seines Lebens werden soll. Einmal fragt die besorgte Nadja Awilowa ihre Cousine im Sprechzimmer der Redaktion, wie es mit Aljoscha weitergehen solle – Lika sei doch nur in ihn verliebt. Aus dem Nebenzimmer hört Aljoscha Likas Antwort mit: "Siehst du denn nicht, Nadja, daß ich ihn aufrichtig liebe? … er ist tausendmal besser, als du meinst."

Aljoscha bleibt rastlos. Er sucht Georgi in der kleinrussischen Provinz auf, hält in Baturino bei Nikolai, fährt nach Kursk, Charkow, Smolensk, Witebsk, Petersburg, Polozk, Moskau und zurück. An Georgis Seite wird er Mitarbeiter des Semstwo-Amtes für Statistik, dann Kustos der Semstwo-Bibliothek, und nimmt am Kongress der Semstwo-Delegierten teil. Lika begegnet er da und dort, dann verliert er sie aus den Augen. Zuletzt erreicht ihn die Nachricht ihres Todes: Sie sei nach einer Woche Krankenlager an einer Lungenentzündung gestorben. Mit diesem Verlust endet die Erinnerung des Erzählers an seine jungen Jahre.

Stil

Die Struktur des Romans wirkt in mehrfacher Hinsicht zerklüftet. Bunin experimentiert mit der Form. Vom elften der einunddreißig Kapitel des fünften Buches an wird die geliebte Lika nur noch in der dritten Person Singular genannt. Bunin selbst erklärte das 1939. Lika solle "keine kraß reale Gestalt" sein, sondern allgemein die Unbeständigkeit weiblichen Charakters ausdrücken. Überhaupt geraten die Frauen in Aljoschas Leben eher knapp ins Bild. Die erste Liebe Annchen ist ein schlichtes Mädchen, der Abschied von ihr nur ein flüchtiger Moment. Demgegenüber wird die Beerdigung Pissarews in aller Breite ausgemalt. Der Tod nimmt im Roman mehr Raum ein als die Liebe.

Auch die Geschichte bricht in den Text hinein. Bunin schrieb den Roman im Exil, als Gegner der Bolschewiki, fern der Heimat, die er nie wiedersehen sollte. Während der Niederschrift des zweiten Buches Ende der 1920er Jahre fragt er bei einer Nebenfigur, dem Kleinbürger Rostowzew, bei dem Aljoscha während der Gymnasiumszeit zur Untermiete wohnte: "Wo aber blieb er später, als Rußland unterging?" Mit dem Untergang meint Bunin die Oktoberrevolution. Das ganze Buch könnte den Untertitel "Sehnsucht nach der alten Heimat" tragen. Die Prosa ist mit Gedichten durchsetzt. Eindrucksvolle Naturbeschreibungen über alle vier Jahreszeiten hinweg prägen den Ton.

Außerdem kommt Bunin dem Leser auf überraschende Weise entgegen. Am Anfang oder Ende eines Kapitels schaut der Erzähler manchmal weit voraus. Nachdem Nikolai im zweiten Buch die Deutsche geheiratet hat, verrät er beiläufig, dass der Familie Arsenjew nur noch drei Jahre bleiben. Schließlich bricht der Roman das zeitliche Kontinuum auf. Gegen Ende des vierten Buches, im zwanzigsten von zweiundzwanzig Kapiteln, springt der Ich-Erzähler aus dem Russland des späten 19. Jahrhunderts in das Südfrankreich des Jahres 1929. Die Niederschrift des fünften Buches begann Bunin 1932. Im Buch selbst kehrt er dann ins 19. Jahrhundert zurück.

Rezeption

Der Kritiker Kasper hat 1979 hervorgehoben, dass Bunin mit seinem Spätwerk "möglichst wenig Persönliches, rein Privates, aber möglichst viel Allgemeingültiges über das Verhältnis von Mensch und Welt aussagen" wollte. Bunin selbst begründete das so: "Allgemeinmenschliche Themen sind ewig. Das Dasein ist bedeutsamer als der einzelne Tag." Dass der Roman gleichwohl als verkappte Autobiografie gelesen wurde, lag nahe. Wladislaw Chodassewitsch sprach geradezu von einer "fiktiven Autobiographie". Bunin räumte ein, für die Figur des sozialistischen Bruders Georgi habe ihm sein eigener Bruder Juli als Vorbild gedient. Das verspätete Erscheinen der vollständigen Buchausgabe 1952 im Tschechow-Verlag in New York, mehr als ein Jahrzehnt nach Fertigstellung, gehört zu den Eigenheiten dieses Exilwerks. Seine Wirkung entfaltete sich erst nach und nach.

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