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Werkseintrag · Der Herr aus San Francisco
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Cover Der Herr aus San Francisco
Der Herr aus San Francisco
1915
– Werkseintrag –

Der Herr aus San Francisco

1915 · Erzählung

Ein reicher Amerikaner gönnt sich eine zweijährige Luxusreise nach Europa – und erfährt auf Capri, wie wenig sein Geld am Ende wirklich gilt.

Überblick

Die Erzählung Der Herr aus San Francisco stammt vom russischen Literaturnobelpreisträger Iwan Bunin. Sie entstand 1915 und erschien im Oktober desselben Jahres in Moskau. Abgedruckt wurde sie im fünften Band der Anthologie „Slowo". Auf wenigen Seiten zeichnet Bunin den Untergang eines wohlhabenden Amerikaners. Dieser befindet sich auf einer Luxusreise nach Europa. Der Text gilt als eines der berühmtesten Prosastücke seines Verfassers. Er zählt zugleich zu den bedeutenden Stücken russischer Erzählkunst des frühen 20. Jahrhunderts.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein achtundfünfzigjähriger reicher Amerikaner aus San Francisco hat jahrelang ein Vermögen angehäuft. Dafür ließ er in Kalifornien Tausende chinesischer Arbeiter für sich schuften. Nun gönnt er sich, was er für den verdienten Lohn hält: zwei Jahre Weltreise im allergrößten Komfort. Zusammen mit seiner Frau und der erwachsenen, etwas kränklichen Tochter geht er Ende November in den USA an Bord des luxuriösen Dampfers „Atlantis". Er fährt durch ein sturmgepeitschtes Mittelmeer.

In Neapel soll die Rundreise durch Europa beginnen. Capri ist als erste Station vorgesehen. Später sollen auf der Heimfahrt noch Ägypten, Indien und Japan folgen. Der namenlose Herr aus San Francisco genießt die zuvorkommende Bedienung des italienischen Hotelpersonals. Es liest ihm jeden Wunsch von den Augen ab, wie er es gewohnt ist. Doch je weiter die Reise voranschreitet, desto deutlicher wird eines: Der sorgfältig geplante Lebensgenuss eines reichen Mannes ist etwas anderem unterworfen als seinem Geld.

Die Handlung im Detail

Ein achtundfünfzigjähriger Herr aus San Francisco hat sich durch jahrelange schonungslose Arbeit ein großes Vermögen geschaffen. Er hat in Kalifornien Tausende von Chinesen für sich arbeiten lassen und ist nun reich genug, sich zwei Jahre Ruhe zu gönnen. Mit seiner Frau und der herangewachsenen, etwas kränklichen Tochter bricht er Ende November zu einer großen Weltreise auf. An Bord des komfortablen Dampfers „Atlantis" fährt die Familie in ein sturmgepeitschtes Mittelmeer ein. Geplant ist, nach der Landung in Neapel zunächst Capri zu besuchen und später, auf der Heimreise, auch in Ägypten, Indien und Japan an Land zu gehen.

Dazu kommt es nicht. Auf Capri stirbt der Herr aus San Francisco im Hotel. Damit endet sein sorgsam geplanter Lebensgenuss abrupt und an einem Ort, an dem ihm bis zum letzten Augenblick jeder Wunsch von den Augen abgelesen worden ist. Aus dem zahlenden, hofierten Gast wird ein toter Körper, der nur noch fortgeschafft werden muss.

Seine sterblichen Überreste werden in einem Sarg im Bauch derselben „Atlantis", die ihn nach Europa gebracht hat, zurück in die Vereinigten Staaten überführt. Die Frau und die Tochter begleiten den Toten auf seiner letzten Reise. Das große Schiff, das eben noch Sinnbild seines Reichtums und seiner Freiheit war, trägt ihn nun als Frachtgut nach Hause.

Stil

Bunin erzählt knapp und bildmächtig. Sein Text lebt von einer dichten Symbolik. Schon der Name des Schiffes – „Atlantis" – verweist auf eine untergehende Welt. Das sturmgepeitschte herbstliche Mittelmeer steht für die Gefährdung der vermeintlich sicheren Ordnung, in der sich die Reisenden eingerichtet haben. Auffällig ist auch, dass der reiche Amerikaner durchgängig namenlos bleibt. Er erscheint nur als Funktion seines Geldes und seiner Stellung. Demgegenüber sind die dienenden Figuren mit stiller Aufmerksamkeit gezeichnet: das italienische Hotelpersonal in Neapel und auf Capri. Diese Zeichnung erinnert an Bunins frühe Bilder demütiger russischer Bauern. Die Erzählung arbeitet mit harten Kontrasten zwischen oben und unten, Luxus und Sturm, Lebensgier und Tod. Sie überlässt es dem Bild, das Urteil zu fällen, statt es auszusprechen.

Rezeption

Schon den zeitgenössischen Rezensenten bot Bunins Symbolik Spielraum für mehrere Deutungen. Die „Atlantis" ließ sich als Bild der gesamten Kultur lesen. Ebenso las man sie als Sinnbild des Lebens selbst. Die Passagiere wenden sich von dem furchterregend hohen Wellengang des herbstlichen Weltmeeres ab und vertrauen blind dem Kapitän auf ihrer Nussschale. Eine dritte Linie hob die dienenden Figuren hervor. Gemeint war das Hotelpersonal in Neapel und auf Capri, das den Wünschen des reichen Gastes zuvorkam und an Bunins frühe Bilder russischer Bauern erinnerte.

Karlheinz Kasper verwies 1983 darauf, dass Leser bei der Lektüre unwillkürlich an Thomas Manns Der Tod in Venedig denken. Bunin habe diesen Text aber erst im Herbst 1915 gelesen, also nach der Niederschrift seiner eigenen Erzählung. Als prägende Bezugspunkte nannte Kasper vielmehr Tolstois Der Tod des Iwan Iljitsch und Dostojewskis Weltbild in den Brüdern Karamasow. Kay Borowsky hielt 1995 eine Erinnerung Bunins fest. Danach sei in einem Hotel auf Capri, in dem er einmal abgestiegen sei, tatsächlich ein Amerikaner nach dem Essen gestorben. Den Rest habe Bunin erfunden. In deutscher Sprache liegt die Erzählung seit 1922 vor. Sie erschien zuerst bei S. Fischer in Berlin in einer Übersetzung von Käthe Rosenberg. Spätere Ausgaben besorgten unter anderem Georg Schwarz im Aufbau-Verlag und Kay Borowsky bei Reclam. 2011 wurde der Stoff in Zürich als Schauhörspiel auf die Bühne gebracht.

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