1870 – 1953
Iwan Alexejewitsch Bunin
Kurzbiografie↑
Iwan Alexejewitsch Bunin (1870–1953) war ein russischer Schriftsteller, Lyriker und Übersetzer. Er führte die Tradition der großen russischen Erzählkunst des 19. Jahrhunderts in das 20. Jahrhundert weiter. Bekannt wurde er vor allem durch seine realistische Prosa über das Leben im ländlichen und provinziellen Russland vor der Oktoberrevolution. Nach der Revolution lebte er als entschiedener Gegner der Bolschewiki im französischen Exil. 1933 erhielt er als erster russischsprachiger Autor den Nobelpreis für Literatur.
Biografie↑
Bunin wurde am 22. Oktober 1870 in Woronesch geboren. Er stammte aus der adligen Familie eines verarmten Offiziers. Seine frühe Kindheit verbrachte er auf Butyrki, dem letzten verbliebenen Gehöft der Familie im Gouvernement Orjol. Ab 1881 besuchte er vier Jahre lang das Gymnasium in Jelez. Danach wurde er weiter privat von seinem älteren Bruder unterrichtet. Dieser brachte ihm die klassische Literatur, aber auch Naturwissenschaften und Mathematik nahe.
1887 erschien ein erstes Gedicht Bunins in der Petersburger Zeitschrift Rodina. 1889 folgte er seinem Bruder nach Charkow. Seinen Lebensunterhalt verdiente er unter anderem als Bibliothekar und Redakteur der Zeitschrift Orlowski Westnik (Bote von Orjol). Diese druckte 1891 auch erste Erzählungen von ihm ab. Im selben Jahr heiratete er seine Kollegin Warwara Paschtschenko. Das Paar zog 1892 nach Poltawa, wo Bunin als Verwaltungsangestellter des Gouvernements arbeitete. Sein erster Gedichtband Stichotworenija 1887–1891 erschien 1891. Er gilt als noch recht unreif und ohne eigene Sprache.
Den Beginn seiner ernsthaften schriftstellerischen Arbeit sah Bunin selbst in der Erzählung Tanka. Sie erschien 1893 in der Zeitschrift Russkoje Bogatstwo. Einen weiteren Wendepunkt bildete 1895 die Trennung von seiner Frau. Er gab seine Tätigkeit in Poltawa auf und übersiedelte nach Moskau. Dort wurde er rasch in die Künstlerkreise aufgenommen. Er machte Bekanntschaft mit Tolstoi, Tschechow und jüngeren Schriftstellern wie Fjodor Sologub, Konstantin Balmont und Waleri Brjussow. Eine zweite Ehe mit Anna Zakni (1896–1900) endete ebenfalls mit einer Trennung. Der gemeinsame Sohn Kolja starb 1905.
Reisen führten Bunin ab 1895 auf die Krim und nach Odessa. Aus dieser Zeit stammt seine Korrespondenz mit Tschechow. Ab 1899 unterhielt er außerdem Briefkontakt zu Maxim Gorki. Die 1900 erschienene Erzählung Antonowskije Jabloki (Die Antonower Äpfel) markiert den Beginn seines schriftstellerischen Erfolgs. Sie beschreibt das Landleben im alten Russland und wurde später in allen russischen Lesebüchern abgedruckt. 1901 erschien der Gedichtband Listopad. Zwischen 1902 und 1909 gab der Verlag Snanije eine fünfbändige Werkausgabe heraus.
Bunin hatte die englische Sprache im Selbststudium erlernt. Bereits 1896 hatte er Henry Wadsworth Longfellows Versepos The Song of Hiawatha sowie Gedichte von Lord Byron und Lord Alfred Tennyson übersetzt. Für die Lyrik in Listopad und die Übersetzungen erhielt er 1903 den Puschkin-Preis der russischen Akademie. 1909 wurde er erneut mit dem Preis ausgezeichnet und als Ehrenmitglied in die Akademie aufgenommen.
Vor dem Ersten Weltkrieg unternahm er weite Reisen in den Nahen Osten, nach Ägypten und Nordafrika, nach Palästina, bis nach Indien und Ceylon. Diese Reisen gaben seinen Arbeiten neue Impulse. Die Winter 1912 bis 1914 verbrachte er auf Capri gemeinsam mit Maxim Gorki. Seine dritte Ehe ging er 1906 mit Vera Muromzewa (1881–1961) ein. Sie verfasste nach seinem Tod mehrere vielbeachtete Biografien über ihn.
Seine reiferen Erzählungen wandten sich thematisch dem historischen Schicksal Russlands und dem Niedergang des russischen Dorfes zu. Das zeigt sich etwa in der 1910 erschienenen Erzählung Derewnja (Dorf) oder dem Sammelband Suchodol von 1912. In der Revolution von 1905 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs sah Bunin deutliche Vorzeichen für den Untergang Russlands.
Der antibolschewistisch eingestellte Bunin verließ 1918 Moskau und zog sich zunächst nach Odessa zurück. Ende Januar 1920 verließ er Russland mit einem der letzten Schiffe Richtung Frankreich und ließ sich in Grasse nieder. In der Emigration fand er Bewunderung und Anerkennung als einer der letzten Dichter der Klassikergeneration um Tolstoi und Tschechow. Seine Arbeiten waren von entschiedener Ablehnung der Oktoberrevolution und der Sowjetunion geprägt. Darüber zerbrach auch die Freundschaft mit Gorki.
1933 erhielt Bunin als erster russischsprachiger Autor den Nobelpreis für Literatur. Die Schwedische Akademie würdigte ihn „für die absolute Kunstfertigkeit, mit welcher er die klassischen russischen Traditionen in der Prosadichtung weiterführte“. Er wird in den Listen der Schwedischen Akademie und der Nobelstiftung als staatenlos geführt. Die Nobelstiftung macht bei ihm zudem die Ausnahme, eine Nationalität überhaupt anzugeben. 1945 und 1946 erwog er auf Drängen Elsa Triolets und Konstantin Simonows eine Rückkehr in die Sowjetunion, blieb aber letztlich im Pariser Exil. Er starb am 8. November 1953 in Paris.
Literarische Merkmale↑
Bunin führte die Tradition der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts fort. Er gilt als Vertreter einer realistischen Prosa, die das Leben im ländlichen und provinziellen Russland vor der Oktoberrevolution ins Zentrum stellt. Seine frühe Lyrik, etwa der Erstlingsband von 1891, gilt noch als unreif und ohne eigene Sprache. Den Durchbruch zu einer eigenen Form sah er selbst erst mit der Erzählung Tanka von 1893.
Mit Antonowskije Jabloki (1900) fand er zu einer poetischen Schilderung des alten russischen Landlebens. Sie galt bald als mustergültig und wurde in den Schullesebüchern verbreitet. In den reiferen Erzählungen Derewnja (1910) und Suchodol (1912) verschiebt sich der Blick auf das historische Schicksal Russlands und den Niedergang des Dorfes. Reisen in den Nahen Osten, nach Ägypten und Nordafrika, nach Palästina, Indien und Ceylon gaben seinen Arbeiten zusätzliche Impulse.
Neben dem Prosaisten stand stets der Lyriker und Übersetzer. Bunin übertrug Longfellows Versepos The Song of Hiawatha sowie Lyrik von Byron und Tennyson ins Russische. Die Schwedische Akademie würdigte 1933 die „absolute Kunstfertigkeit“, mit der er die klassischen russischen Traditionen in der Prosadichtung weiterführte. Diese Formulierung hält seinen Rang als sprachlich strenger Bewahrer einer großen Erzähltradition fest.
Rezeption↑
Schon vor der Revolution war Bunin ein etablierter und vielfach geehrter Autor. 1903 und 1909 erhielt er den Puschkin-Preis der russischen Akademie, 1909 wurde er deren Ehrenmitglied. In der Emigration galt er als einer der letzten Dichter der Klassikergeneration um Tolstoi und Tschechow und fand dort Bewunderung und Anerkennung. Den Höhepunkt der internationalen Würdigung bildete 1933 die Verleihung des Nobelpreises für Literatur. Er erhielt ihn als erster russischsprachiger Autor.
In der Sowjetunion blieb sein Werk aufgrund seiner entschiedenen Ablehnung der Oktoberrevolution lange schwer zugänglich. Erst nach seinem Tod wurde Bunin 1956 dort rehabilitiert, und ein Großteil seiner Werke durfte wieder erscheinen. Allerdings strich die Zensurbehörde Glawlit erotische Passagen. Seine Schriften über die Machtergreifung der Bolschewiki und den russischen Bürgerkrieg konnten in Russland erst nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 erscheinen. Dazu gehört das Tagebuch Verfluchte Tage (Окаянные дни).
Sein Nachleben hat sich auch außerhalb des Buches niedergeschlagen. Ein Wolgakreuzfahrtschiff trägt seinen Namen, ebenso ein nach ihm benannter Preis. Im ersten Teil der Memoiren Walentin Katajews (Das Gras des Vergessens) steht Bunin im Mittelpunkt. Auch in Hans Joachim Schädlichs Roman Kokoschkins Reise tritt er als Figur auf.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (31 weitere Titel)