1891 – 1940
Michail Bulgakow
Kurzporträt↑
Michail Afanassjewitsch Bulgakow (1891–1940) war ein russisch-sowjetischer Schriftsteller und Arzt. Er zählt zu den großen Satirikern der russischen Literatur. Sein Hauptwerk ist der Roman Der Meister und Margarita. Er erschien erst 1966 postum und stark zensiert. Einige Kritiker halten ihn für den besten russischen Roman des 20. Jahrhunderts. Zu Lebzeiten geriet Bulgakow in scharfen Konflikt mit den sowjetischen Behörden. Seine Romane wurden ab 1930 nicht mehr gedruckt, seine Stücke verschwanden von den Spielplänen. Erst ein persönlicher Anruf Stalins verschaffte ihm eine Stelle als Regieassistent am Moskauer Künstlertheater.
Biografie↑
Michail Bulgakow wurde am 15. Mai 1891 in Kiew geboren. Sein Vater war der Theologie-Dozent Afanassi Iwanowitsch Bulgakow, seine Mutter Warwara, geborene Pokrowskaja. Noch im selben Jahr wurde er in der Podiler Kreuzerhöhungskirche getauft. Nach dem Abitur am Kiewer Ersten Gymnasium 1909 nahm er das Medizinstudium an der Kiewer Universität auf. 1913 heiratete er Tatjana Nikolajewna Lappa. 1916 erhielt er sein Arztdiplom und trat eine Stelle auf dem Land im Gebiet Smolensk an. Später praktizierte er in der Kleinstadt Wjasma.
Die Wirren des Russischen Bürgerkriegs trieben ihn durch mehrere Lager. Im Februar 1919 wurde er als Arzt in die Ukrainische Republikanische Armee einberufen. Bald darauf desertierte er und kam in derselben Funktion in der Roten Armee unter. Schließlich landete er bei den südrussischen Weißen Garden. Eine Zeit lang lebte er bei den Kosaken in Tschetschenien. Später verschlug es ihn nach Wladikawkas.
Ende Oktober 1921 zog Bulgakow nach Moskau und schlug sich als Journalist durch. Er schrieb für Zeitungen wie „Sirene" und „Arbeiter" sowie für Zeitschriften wie „Der Medizinische Arbeiter", „Russland" und „Wiedergeburt". Vereinzelte Prosastücke erschienen in der Berliner Exilantenzeitung „Am Vortag". Allein in der „Sirene" druckte man zwischen 1922 und 1926 mehr als 120 seiner Reportagen, Essays und Kolumnen. 1923 trat er dem Allrussischen Schriftstellerverband bei.
1924 begegnete Bulgakow Ljubow Jewgenjewna Belosjorskaja. Ein Jahr später heiratete er sie. 1928 bereiste das Paar den Kaukasus mit Stationen in Tiflis, Batumi, Wladikawkas und Gudermes. Im selben Jahr fand in Moskau die Premiere des Stücks Blutrote Insel statt. In dieser Zeit fasste Bulgakow auch die ersten Ideen zu Der Meister und Margarita. Zudem begann er mit der Arbeit an einem Stück über Molière unter dem Titel Sklaverei der Frömmler. 1929 lernte er Jelena Sergejewna Schilowskaja kennen. Sie wurde 1932 seine dritte Frau.
Ab 1930 wurden seine Romane nicht mehr verlegt. Auch seine Stücke verschwanden von den Spielplänen, darunter Die Flucht, Sojas Wohnung und Blutrote Insel. In Briefen an seinen in Paris lebenden Bruder Nikolai klagte Bulgakow über die undankbare Lage und seine beschwerliche materielle Situation. Er wandte sich an die politische Führung der UdSSR mit einer Bitte: Man solle ihm entweder die Emigration oder eine Stelle als Regieassistent am Moskauer Künstlertheater (MXAT) ermöglichen. Stalin persönlich rief ihn an und versprach Hilfe. Bulgakow arbeitete daraufhin 1930 zunächst am Zentraltheater der werktätigen Jugend TRAM, dann bis 1936 am MXAT als Regieassistent. 1932 wurde sein 1929 abgesetztes Stück Tage der Turbins wieder in den Spielplan aufgenommen und bis 1941 regelmäßig gespielt – insgesamt 978 Aufführungen. Im selben Jahr war er an der Inszenierung von Gogols Die toten Seelen beteiligt. Ab 1936 wirkte er am Bolschoi-Theater als Librettist und Übersetzer.
1936 wurde sein Molière uraufgeführt. 1937 arbeitete er an den Libretti für Minin und Poscharski und Peter der Große. 1939 entstanden das Libretto Rascheel und das Stück Batum über Stalin. Beide wurden zur Enttäuschung Bulgakows weder veröffentlicht noch aufgeführt. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide. Die Ärzte diagnostizierten Nephrosklerose, ausgelöst durch arteriellen Bluthochdruck. In dieser letzten Phase diktierte er seiner Frau Jelena die letzten Fassungen von Der Meister und Margarita und las nahestehenden Freunden daraus vor. Ab Februar 1940 hielten Freunde und Verwandte Wache am Krankenbett. Am 10. März 1940 starb Bulgakow in Moskau. Einen Tag später hielt der Schriftstellerverband der UdSSR eine private Trauerfeier ab. Zuvor nahm der Bildhauer Sergei Merkurow die Totenmaske ab.
Literarische Merkmale↑
Bulgakow gilt als einer der großen Satiriker der russischen Literatur. Sein zum Teil autobiografischer Roman Die weiße Garde aus dem Jahr 1924 schildert die chaotische Umbruchzeit nach Oktoberrevolution und Zerfall des Russischen Reichs. Er tut dies am Beispiel der Kiewer Familie Turbin. Auf demselben Stoff beruht das Theaterstück Die Tage der Turbins. Es wurde am 5. Oktober 1926 in Moskau uraufgeführt.
Bekannter aber wurde Bulgakow für seine grotesken Darstellungen des Alltagslebens in der jungen Sowjetunion mit oftmals fantastischen oder absurden Zügen. In der russischsprachigen Literatur seit Gogol ist dies eine typische Form, Gesellschaftskritik zu üben. Die Erzählung Hundeherz entstand bereits 1925. In der Sowjetunion durfte sie aber erst 1987 erscheinen.
Sein bekanntestes Werk ist Der Meister und Margarita, eine satirisch-groteske Aufnahme des Faust-Motivs. Der Roman ist zugleich eine Reise durch die Zeiten. Er entstand im Schatten des Stalinismus und wendet sich gegen ihn. Dabei richtet sich das Buch gegen den dialektischen Materialismus und den militanten Atheismus, wie sie in der Sowjetunion zum Ausdruck kamen.
Rezeption↑
Der Roman Der Meister und Margarita erschien gedruckt erstmals 1966/67 in Fortsetzungen in der Literaturzeitschrift „Moskwa" – fast 30 Jahre nach Bulgakows Tod und in gekürzter Fassung. Die herausgekürzten Teile wurden als Samisdat verbreitet. So trugen sie wesentlich zur Popularität des Buches bei. Die ungekürzte Buchfassung folgte 1973. Schon kurz nach der sowjetischen Erstveröffentlichung erschien der Roman 1968 in der deutschen Übersetzung von Thomas Reschke in der DDR.
Im deutschsprachigen Raum stieß das Buch auf eine bemerkenswert breite Resonanz. Vom 29. April bis zum 5. Mai 1968 stand es auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. Einige Kritiker halten den Roman für den besten russischen Roman des 20. Jahrhunderts. Auch im Theaterleben wirkten Bulgakows Stücke lange nach. Allein die Tage der Turbins erlebten am Moskauer Künstlertheater bis 1941 insgesamt 978 Aufführungen.
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