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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Hundeherz
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Hundeherz
1968
– Werkseintrag –

Hundeherz

1968 · Erzählung

Ein Moskauer Chirurg verwandelt einen Straßenhund in einen Menschen – und schafft sich damit den Albtraum seines Lebens.

Überblick↑

Eine bissige Satire auf den von der Sowjetunion propagierten "neuen sowjetischen Menschen" – das ist Michail Bulgakows Erzählung Hundeherz (russisch Собачье сердце, Sobatschje serdze). Verfasst 1925 zur Zeit der Neuen Ökonomischen Politik, schildert das Werk ein medizinisches Experiment, bei dem ein Hund in einen Menschen verwandelt wird – mit verheerenden Folgen für seinen Schöpfer. Die Erzählung enthält unverkennbare allegorische Anspielungen auf die Widersprüche zwischen den ursprünglichen revolutionären Hoffnungen, der offiziellen Propaganda und den Realitäten der NÖP-Zeit. Wegen ihrer Schärfe wurde sie sofort verboten und konnte in der Sowjetunion erst 1987, 47 Jahre nach Bulgakows Tod, erscheinen.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Moskau im Winter 1924/25. Der erfolgreiche und wohlhabende Chirurg Professor Filipp Filippowitsch Preobrashenski hat sich auf verjüngende Operationen spezialisiert. Eines Tages lockt er einen ausgemergelten und verletzten Straßenhund namens Bello in seine Wohnung, pflegt ihn und versorgt ihn reichlich. Der Hund kann sein Glück kaum fassen: ein geheiztes Haus, üppiges Futter, ein gütiger Herr.

Doch der Professor hat etwas Größeres vor. Zusammen mit seinem Assistenten Doktor Iwan Arnoldowitsch Bormental plant er ein gewagtes Experiment, bei dem dem Hund die Hirnanhangdrüse und die Hoden eines kürzlich verstorbenen Mannes eingepflanzt werden. Wider Erwarten überlebt Bello den Eingriff – und beginnt sich auf eine Weise zu verändern, die niemand vorausgesehen hat. Was als wissenschaftlicher Triumph gefeiert werden könnte, entwickelt sich Schritt für Schritt zu einer immer größeren Bedrohung für den Professor selbst, seine Wohnung und seine ganze bürgerliche Lebenswelt.

Die Handlung im Detail↑

Die Geschichte spielt im Winter 1924/25 in Moskau, vorwiegend in der Wohnung des erfolgreichen und wohlhabenden Chirurgen Professor Filipp Filippowitsch Preobrashenski, der sich auf verjüngende Operationen spezialisiert hat. Der erste Teil wird aus der Perspektive des Hundes Bello erzählt: Der ausgemergelte und verletzte Straßenhund wird vom Professor in die Wohnung gelockt, gepflegt und reichlich verköstigt. In der Folge verfolgt Bello den Alltag in der Wohnung und fürchtet jedes Mal um sein gutes Leben im geheizten Haus mit reichlich Nahrung, wenn er sich schlecht benommen hat.

In einem Experiment implantiert der Professor zusammen mit seinem Assistenten Doktor Bormental dem Hund die Hirnanhangdrüse und Hoden des kürzlich verstorbenen Alkoholikers und Kleinkriminellen Klim Grigorjewitsch Tschugunkin. Diesen Abschnitt, der die Verwandlung beschreibt, erzählt Bulgakow in Form eines Tagebuchs des Doktors Bormental. Wider Erwarten überlebt der Hund den Eingriff, gesundet allmählich und bekommt in den nächsten Tagen mehr und mehr menschliche Züge: Er verliert sein Fell, wächst, geht auf den Hinterbeinen und beginnt zu sprechen.

Nachdem seine Umwandlung in einen Menschen abgeschlossen ist, stellt sich heraus, dass er die negativen Eigenschaften des Spenders geerbt hat: schlechte Manieren, Aggressivität, vulgäre Ausdrucksweise und einen starken Hang zum Alkohol. Der neue Mensch gibt sich den absurden Namen Polygraf Polygrafowitsch Bellow (in anderen Übersetzungen auch Lumpi bzw. Lumpikoff, im russischen Original Scharikoff). Er nimmt eine Anstellung als Leiter der Unterabteilung zur Säuberung der Stadt Moskau von streunenden Tieren bei der Stadtreinigung an und verkehrt zunehmend mit Kommunisten, die versuchen, ihn gegen seinen regimekritischen Schöpfer auszuspielen.

Mit seinem Verhalten macht Bellow das Leben in der Wohnung des Professors vollends zum Albtraum. Schließlich sehen Preobrashenski und sein Assistent nur einen Ausweg: Sie machen die Verwandlung rückgängig. Bellow wird erneut operiert und verwandelt sich zurück in einen Hund. Bello kann sich an die Ereignisse nicht mehr erinnern und ist dazu bestimmt, ein angenehmes Leben in der Wohnung des Professors zu führen. In den letzten beiden Abschnitten des Epilogs wird er noch einmal selbst zum Erzähler.

Stil↑

Bulgakow arbeitet mit einem auffälligen Wechsel der Erzählperspektive. Der erste Teil schildert das Geschehen aus der Sicht des Hundes Bello, dessen Wahrnehmung sich mit der eines allwissenden Erzählers abwechselt. Der mittlere Abschnitt, in dem die Verwandlung beschrieben wird, ist als Tagebuch des Doktors Bormental gestaltet. Den weiteren Verlauf trägt wieder der allwissende Erzähler, und erst im Epilog kehrt die Erzählung in den letzten beiden Abschnitten zu Bellos Hundeperspektive zurück. Dieser Wechsel rahmt die Geschichte und stellt der nüchternen ärztlichen Aufzeichnung die innere Welt des Tieres gegenüber.

Die Gattung lässt sich nicht eindeutig festlegen: Wikidata nennt Satire, Kurzroman und Science-Fiction nebeneinander. Tatsächlich verbindet Bulgakow Elemente des phantastischen Erzählens mit beißendem politischem Spott; das medizinisch-fantastische Experiment dient als allegorischer Rahmen für eine zynische Abrechnung mit dem propagierten "neuen sowjetischen Menschen".

Rezeption↑

Trotz der vergleichsweise gemäßigten Haltung der Sowjetunion gegenüber Schriftstellern und Künstlern während der NÖP-Zeit wurde Hundeherz verboten – die allegorischen Anspielungen auf die Widersprüche zwischen revolutionären Hoffnungen, offizieller Propaganda und der gesellschaftlichen Wirklichkeit waren zu unverkennbar. Erst 1987, 47 Jahre nach Bulgakows Tod, konnte die Erzählung in der Sowjetunion erscheinen.

Der Stoff hat mehrere Verfilmungen angeregt. 1976 entstand unter der Regie von Alberto Lattuada der Film Warum bellt Herr Bobikow?, und 1988 – kurz nach der Freigabe in der Sowjetunion – verfilmte Wladimir Bortko den Stoff als Fernsehfilm Sobatschje serdze. Außerdem wurde der Stoff unter dem Titel A Dog's Heart für die Bühne als dramatisch-musikalisches Werk bearbeitet.

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