1925
Die verhängnisvollen Eier
Überblick↑
Das Werk Die verhängnisvollen Eier ist eine phantastische Groteske des sowjetischen Schriftstellers Michail Bulgakow. Die Erzählung entstand in Moskau und erschien 1925 im sechsten Heft der Zeitschrift Nedra. Im selben Jahr brachte die Moskauer Verlagsgenossenschaft gleichen Namens den Text auch in Buchform heraus, und zwar innerhalb der Sammlung Teufeliaden. Bekannt ist das Werk auch unter den Titeln Die verfluchten Eier und Das Verhängnis. Es verbindet eine zugespitzte Science-Fiction-Idee mit beißendem Spott auf die sowjetische Wirklichkeit der frühen Jahre.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht der Moskauer Zoologe Professor Wladimir Persikow, ein eigenbrötlerischer Gelehrter, der die Wirren der Oktoberrevolution mit Mühe übersteht. Erst muss er einen Teil seiner Wohnung an fremde Mitbewohner abtreten, dann bricht das von ihm geleitete Institut zusammen. Doch nach einigen Jahren bessern sich seine Verhältnisse, und er kann wieder forschen.
Beim Mikroskopieren macht Persikow eine erstaunliche Entdeckung: Ein eigenartiges Lichtbündel lässt einfache Lebewesen mit rasender Geschwindigkeit wachsen und sich vermehren. Sein Assistent baut eine Apparatur, die diesen „Roten Strahl" verstärkt. Bald greift die Presse die Sache auf und macht aus den vorsichtigen Aussagen des Professors eine Sensation, die angeblich die ganze sowjetische Tierzucht umkrempeln wird.
Als zur selben Zeit eine Seuche den gesamten Hühnerbestand des Landes vernichtet, soll der Rote Strahl helfen, die Zucht im großen Stil neu zu beleben. Ein tatkräftiger Funktionär übernimmt die Apparatur, um damit aus dem Ausland bestellte Eier auszubrüten – gegen den ausdrücklichen Rat des Professors. Was aus diesem hastigen Eingriff erwächst, treibt die Erzählung ihrem dramatischen Verlauf entgegen.
Die Handlung im Detail↑
Der 58-jährige, geschiedene Zoologe Wladimir Persikow lehrt an der IV. Universität in Moskau und lebt mit seiner Haushälterin Maria Stepanowna zusammen. Im Zuge der staatlichen Wohnungsumverteilung müssen die beiden 1919 vorübergehend drei ihrer fünf Zimmer an neue Mitbewohner abtreten. Das von Persikow geleitete Institut für Reptilienkunde bricht in den Wirren der Oktoberrevolution zusammen. Erst 1923 kann er seine Vorlesungen an der Universität wieder aufnehmen. Bald verbessern sich seine Lebensumstände, und auch das Institut nimmt einen neuen Aufschwung.
Im Jahr 1928 entdeckt Persikow beim Mikroskopieren ein eigenartiges Lichtbündel, das bei den untersuchten Amöben ein ungewöhnlich rasches Wachstum auslöst. Sein wissenschaftlicher Assistent Iwanow baut daraufhin mithilfe von Spiegeln und aus Deutschland importierten Linsen eine Apparatur, die die Wirkung des Lichtstrahls verstärkt. Versuche mit Froschlaich gelingen: Nach der Bestrahlung vermehrt er sich in rapidem Tempo. Die Erfindung erhält den Namen „Roter Strahl".
Schon bald berichtet die Zeitung Iswestija über die Entdeckung. Ein Journalist namens Alfred Bronskij erbittet ein Interview, das Persikow nur widerwillig gewährt. Der erscheinende Artikel verzerrt die vorsichtigen Worte des Professors zu einer Sensationsmeldung, die behauptet, die Erfindung werde die Tierzucht der Sowjetunion umwälzen. Von nun an steht Persikow im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Zahllose Anfragen erreichen ihn, darunter die eines ausländischen Agenten, der ihm die Erfindung abkaufen will. Daraufhin nimmt die Geheimpolizei GPU den Professor diskret unter Beobachtung.
Zur selben Zeit sucht eine Seuche die Sowjetunion heim und rafft binnen kurzer Zeit den gesamten Hühnerbestand dahin. Es werden außerordentliche Kommissionen gegründet, zunächst zur Bekämpfung der Hühnerpest, dann zur Wiederbelebung der Zucht. Alle noch vorhandenen Hühnereier werden eingezogen und vernichtet. Persikow – obwohl gar kein Geflügelkundler – wird gegen seinen Willen in beide Kommissionen berufen. Im August 1928 erscheint Alexander Fatum (im russischen Original Rokk), der Leiter der neu gegründeten Kolchose „Roter Strahl". Im Auftrag der Zentralbehörden will er bei Smolensk mithilfe des Roten Strahls und aus Deutschland importierter Hühnereier die Zucht neu beginnen. Trotz eindringlicher Warnungen des Professors werden drei der vier Apparaturen abtransportiert.
Dann geschieht ein folgenschwerer Irrtum: Die Eierlieferungen aus Deutschland werden verwechselt. Die für das Universitätsinstitut bestimmten Reptilieneier gehen an die Smolensker Kolchose, während Persikow die Hühnereier erhält. Die Katastrophe tritt rasch ein. Aus der Kolchose entweichen schnell ausgebrütete, monströse Reptilien. Fatums Frau Manja fällt bei einem gemeinsamen Badeausflug einer Riesenschlange zum Opfer. Fatum selbst flieht und sucht Hilfe. Zwei GPU-Agenten, die zur Bekämpfung der Ungeheuer ausgeschickt werden, werden bei Smolensk von Riesenschlangen und Krokodilen angegriffen und getötet.
Persikow ist über die fälschlich erhaltenen Hühnereier verärgert. Als sein Assistent Iwanow ihn auf die Schreckensnachrichten aus Smolensk hinweist, erkennt er die verhängnisvolle Verwechslung und sieht sich in seiner Skepsis bestätigt. Inzwischen rücken die mutierten Reptilien auf Moskau vor. Das Militär wird eingesetzt, doch weder Artilleriebeschuss noch Giftgas können die Ausbreitung der Bestien aufhalten. Persikow wird in seinem Institut von einem wütenden Mob erschlagen, der ihn für die Katastrophe verantwortlich macht. In der Nacht zum 20. August 1928 lässt schließlich eine zweitägige Kältewelle die Reptilien und ihre Eier erfrieren. Damit ist die Gefahr gebannt.
Im Frühjahr 1929 sind die Ereignisse des vergangenen Sommers in Moskau bereits vergessen. Persikows Nachfolger Iwanow will erneut mit dem Roten Strahl experimentieren, doch es gelingt ihm nicht, die Apparatur nachzubauen. Die vier einst vorhandenen Geräte wurden während der Unruhen zerstört.
Stil↑
Bezeichnet wird das Werk als phantastische Groteske. Bulgakow verbindet darin eine zugespitzte naturwissenschaftliche Erfindungsidee mit überzeichneten Bildern und Übertreibungen, die ins Schreckliche kippen. Aus einer kleinen Laborentdeckung wächst eine landesweite Katastrophe – ein Verfahren der Steigerung ins Ungeheuerliche, das die Erzählung trägt.
Deutlich erkennbar ist der satirische Zug. Die Sensationspresse, die Wortverdreherei der Zeitungen, die hastig gegründeten Kommissionen und der übereifrige Funktionär werden mit spöttischem Blick gezeichnet. Die Erzählung arbeitet zudem mit literarischen Anspielungen. So enthält sie einen Verweis auf Ilja Ehrenburgs 1923 erschienenen Roman Trust D. E. Die Geschichte der Zerstörung Europas.
Rezeption↑
Maxim Gorki äußerte sich zu dem Text. In einem Brief vom 31. März 1925 an Michail Slonimski schrieb er, die Erzählung habe ihm sehr gefallen, doch sei der Schluss schlecht gemacht. Den rettenden Wintereinbruch – Gorki verglich ihn mit jenem „General Winter", der Napoleon 1812 stoppte – empfand er als Mittel gegen die Schlangenplage unangebracht. Zugleich sah er in der Schlangeninvasion eine Parallele zur Höllenfahrt Fausts.
Ralf Schröder deutete das Werk im März 1994 als Warnutopie. Er nannte Professor Persikow ein Genie und – mit Gorki gesprochen – ein „Kind der Sonne". Der Rote Strahl sei höllischen Ursprungs, denn bei Tageslicht bleibe die Erscheinung unsichtbar. Persikow las Schröder als russischen Faust, dessen Assistent Iwanow die Rolle des Mephisto einnehme. Darüber hinaus erkannte er in Persikow Lenin und in Iwanow Trotzki; Iwanow-Trotzki bemühe sich nach dem Tod Lenin-Persikows vergeblich um die Erneuerung der Sowjetunion. Die zentrale Frage des Textes sei, welche ausländische Intervention die Sowjetunion in eine neue Höllenfahrt nach 1917 stürzen könnte.
Der Gedanke, Lenin könnte das Vorbild für die Gestalt Persikows gewesen sein, findet sich auch in Boris Sokolows Buch Michail Bulgakow – Geheimnisse der Kreativität. Sokolow zog allerdings neben Lenin auch Alexander Gurwitsch als mögliches Vorbild heran. Die Geschichte wirkte später auch über die Literatur hinaus: 1995 entstand unter der Regie von Sergei Lomkin eine Verfilmung.
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