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Werkseintrag · Die unsichtbaren Städte
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Cover Die unsichtbaren Städte
Die unsichtbaren Städte
1972
– Werkseintrag –

Die unsichtbaren Städte

1972 · Prosa

In 55 kurzen, poetischen Bildern erzählt der Reisende Marco Polo dem alternden Kublai Khan von erfundenen Städten, die alle einen Frauennamen tragen – ein modernes Liebesgedicht an die Stadt.

Überblick

Das Buch Die unsichtbaren Städte von Italo Calvino erschien 1972 unter dem Originaltitel Le città invisibili im Verlag Giulio Einaudi. Es besteht aus 55 kurzen Prosatexten, in denen der venezianische Reisende Marco Polo dem alternden Mongolenherrscher Kublai Khan von Städten berichtet, die er auf seinen Reisen gesehen haben will. Jede dieser Städte ist erfunden und trägt einen Frauennamen. Eine nacherzählbare Handlung im gewöhnlichen Sinn gibt es nicht. Das Werk entzieht sich den üblichen Gattungsbezeichnungen; Calvino selbst hat es nie einen Roman genannt. Die deutsche Erstübersetzung von Heinz Riedt erschien 1977 im Carl Hanser Verlag in München und zugleich im Verlag Volk und Welt in Berlin. Anders als das Original trug sie die Bezeichnung „Roman“. Eine Neuübersetzung von Burkhart Kroeber kam 2007 bei Hanser heraus. Es gilt als das poetischste Buch seines Verfassers.

Inhalt (ohne Spoiler)

An ruhigen Abenden im Palast des Kublai Khan sitzen zwei Männer beisammen. Der Mongolenherrscher gebietet über ein riesiges Reich, ist aber alt geworden und auf die Berichte seines Gastes angewiesen. Marco Polo, der venezianische Reisende, erzählt ihm von den Städten, die er auf seinen Inspektionsreisen durch das weitläufige Reich besucht hat. Insgesamt 55 solcher Städte lässt er vor dem Kaiser vorüberziehen, jede in wenigen knappen Worten skizziert, jede mit einem Frauennamen benannt.

Keine dieser Städte hat es je gegeben – sie sind erfunden. Jede fängt eine bestimmte menschliche Situation in ein poetisches Bild: mal geht es um die Erinnerung, mal um den Wunsch, um Zeichen, um die Toten oder um den Himmel. Was zunächst wie eine Sammlung zarter, filigraner Bilder wirkt, die an Maler wie Paul Klee oder Salvador Dalí denken lassen, verdichtet sich nach und nach zu einem Panorama einer Welt, die von Zerfall und Untergang bedroht ist und der heutigen immer ähnlicher wird. Zwischen den Städtebildern führen Marco Polo und der Khan Gespräche über das, was hinter den Bildern steht – über das Wesen der Städte, über Sprache und Verständigung und darüber, wohin diese Welt treibt.

Die Handlung im Detail

Den Rahmen des Buches bildet weniger eine Erzählung als eine Gesprächssituation. Marco Polo, der venezianische Asien-Reisende des späten 13. Jahrhunderts, berichtet dem alternden Kublai Khan, dem Begründer der Yuan-Dynastie und Kaiser von China, an den Abenden in dessen Palast zu Kambaluk – dem heutigen Peking – von den Städten seines Reiches. Der Khan ist zu mächtig und zu alt, um sein Reich selbst zu bereisen; er ist auf die Schilderungen des Fremden angewiesen. Zwischen den beiden entspinnt sich ein feines Gespräch, in dem immer wieder gefragt wird, ob Marco Polos Städte wirklich existieren, was Sprache überhaupt zu übermitteln vermag und was die Bilder bedeuten.

Zwischen diese Rahmenstücke sind 55 kurze Texte eingebettet, jeder die Beschreibung einer erfundenen Stadt, jeder mit einem Frauennamen überschrieben. Die Städte sind in Gruppen geordnet, die Calvino mit wiederkehrenden Überschriften bezeichnet: die Städte und die Erinnerung, die Städte und der Wunsch, die Städte und die Zeichen, die fragilen Städte, die Städte und der Tausch, die Städte und die Augen, die Städte und der Name, die Städte und die Toten, die Städte und der Himmel, die fortdauernden Städte und die verborgenen Städte. Jede Miniatur nimmt nur eine halbe bis knapp drei Seiten ein und fasst eine geographische, historische oder gesellschaftliche Erfahrung in ein einziges poetisches Bild.

Anfangs wirken diese Bilder leicht und verspielt. Doch je weiter das Buch fortschreitet, desto düsterer wird der Ton. Aus der Galerie zart hingetuschter Städte wird ein beklemmendes Panorama einer Welt, die von Zerfall und Untergang bedroht ist. Am Ende stellt Kublai Khan die verzweifelte Frage, ob denn nicht „alles vergebens“ sei, „wenn der letzte Anlegeplatz nur die Höllenstadt sein kann und die Strömung uns in einer immer engeren Spirale dort hinunterzieht“.

Darauf gibt Marco Polo die Antwort, die zum berühmtesten Satz des Buches geworden ist: „Die Hölle der Lebenden ist nicht etwas, das erst noch kommen wird. Wenn es eine gibt, ist es die, die schon da ist, die Hölle, in der wir jeden Tag leben, die wir durch unser Zusammensein bilden. Es gibt zwei Arten, nicht unter ihr zu leiden. Die erste fällt vielen leicht: die Hölle zu akzeptieren und so sehr Teil von ihr zu werden, daß man sie nicht mehr sieht. Die zweite ist riskant und verlangt ständige Aufmerksamkeit und Lernbereitschaft: zu suchen und erkennen zu lernen, wer und was inmitten der Hölle nicht Hölle ist, und ihm Dauer und Raum zu geben.“ Mit diesem Aufruf, das Nicht-Höllische im Bestehenden zu suchen und zu bewahren, schließt der Gedankengang des Buches.

Stil

In Paris entstanden, gehört das Werk zu Calvinos „kombinatorischer“ Phase, die von der experimentellen Literatur der Gruppe Oulipo (Ouvroir de littérature potentielle) angeregt war, aber weit über bloß formale Spielereien hinausging. Die 55 Städtebilder folgen einem ausgefeilten Muster. In neun Kapiteln, jeweils durch ein Stück der Rahmenerzählung eingeleitet und beschlossen, werden elf Reihen von je fünf Städten vorgestellt, durchnummeriert und kunstvoll ineinander verschränkt. Aus der Ferne erinnert diese Ordnung an das Strophenschema der italienischen Dichtung, an die gereimte Terzine in Dantes Göttlicher Komödie. Auf sie verweist auch, dass es gerade neun Kapitel sind – so viele wie die neun Kreise der Hölle bei Dante – und dass am Ende ausdrücklich von der Hölle die Rede ist. Das Inhaltsverzeichnis hat Calvino bewusst an den Anfang gestellt, um diesen kombinatorischen Aufbau sichtbar zu machen.

Sprachlich sind die Texte Miniaturen nach Art von Prosagedichten, knapp, bildhaft und musikalisch. So lässt sich das Buch am ehesten als ein modern gebrochenes „Weltpoem“ mit fernen Anklängen an Dante beschreiben. Calvino selbst sagte dazu in einem Vortrag an der Columbia-Universität: „Ich glaube, ich habe so etwas wie ein letztes Liebesgedicht an die Stadt geschrieben, in einer Zeit, in der es immer schwieriger wird, in ihr zu leben.“

Rezeption

Als sein poetischstes Buch hat das Werk weit über die italienische Literatur hinaus gewirkt. Eine deutlich sichtbare Spur führt zu Herta Müller. In ihrer Erzähl-Collage Reisende auf einem Bein von 1989 trägt die Hauptfigur den Namen Irene – nach der bei Calvino imaginierten Stadt Irene. Müller lässt die entsprechende Passage von der Figur Franz, einem deutschen Mann, zitieren. Nach der Analyse von Antje Harnisch kehrt bei Müller das Bild der Stadt als Frau und das Begehren nach ihr in veränderter Perspektive wieder: Irene versinnbildlicht das Vorübergehende, nun aus der Sicht einer deutschsprachigen Frau, die in den 1980er Jahren, vor dem Mauerfall, als Fremde in der Bundesrepublik lebt. Der Stoff hat auch für die Bühne Bearbeiter gefunden.

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