1923 – 1985
Italo Calvino
Kurzporträt↑
Zu den bekanntesten italienischen Schriftstellern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählt Italo Calvino. Er wurde 1923 auf Kuba geboren und starb 1985 im italienischen Siena. Sein Weg führte vom Partisanen und neorealistischen Erzähler der Nachkriegszeit zum Erfinder allegorisch-phantastischer und später kombinatorisch-verspielter Bücher. Über Jahrzehnte arbeitete er zugleich als Lektor für den Turiner Verlag Einaudi. Viele seiner Werke sind in Italien heute Volksgut und Schullektüre.
Biografie↑
Italo Calvino wurde am 15. Oktober 1923 in Santiago de las Vegas geboren, in der Provinz Havanna auf Kuba, wo seine Eltern zeitweilig arbeiteten. Schon ab seinem zweiten Lebensjahr wuchs er in Sanremo auf. Er war der Sohn eines angesehenen Agrarwissenschaftlers und einer Botanikerin. Der Vater leitete eine Forschungsstation für Blumenzucht, die Mutter arbeitete für das Botanische Institut der Universität Pavia. Das Elternhaus war im katholisch und faschistisch geprägten Italien aufgeklärt, agnostisch und nonkonformistisch, vor allem bestimmt vom Geist naturwissenschaftlicher Forschung. So lag es nahe, dass Calvino 1941 ein Studium der Agrarwissenschaft an der Universität Turin begann. Schon als Schüler interessierte er sich allerdings mehr für Literatur, Theater und Kino.
Nach dem Waffenstillstand vom 8. September 1943 wechselte Italien unter der Regierung Badoglio die Front. Calvino versteckte sich einige Monate in Sanremo, um der Einberufung in die Armee der faschistischen Republik von Salò zu entgehen. In dieser Zeit reifte sein Nonkonformismus zu einem entschiedenen Antifaschismus. 1944 schloss er sich mit seinem jüngeren Bruder Floriano der im Untergrund tätigen Kommunistischen Partei Italiens und deren Partisanengruppe „Brigate Garibaldi“ an. Unter dem Decknamen „Santiago“ kämpfte er in den ligurischen Bergen gegen faschistische Milizen und deutsche Besatzer. Seine Eltern wurden dafür bis Kriegsende in Sippenhaft genommen. Noch im März 1945 nahm er an der Schlacht von Bajardo teil. Fast dreißig Jahre später berichtete er darüber in der Erzählung Erinnerung an eine Schlacht.
Nach dem Krieg studierte Calvino Literaturwissenschaft in Turin. 1947 erlangte er seine laurea mit einer Arbeit über Joseph Conrad. Zugleich begann er, seine Erfahrungen in der Resistenza literarisch zu verarbeiten. Er blieb in der Partei aktiv, schrieb für Zeitungen und engagierte sich für den linksliberalen Verlag Einaudi – zuerst als fliegender Buchverkäufer, dann in der Presse- und Werbeabteilung, schließlich im Lektorat. So kam er in den Kreis um Cesare Pavese und Elio Vittorini, zu dem auch Natalia Ginzburg und Norberto Bobbio gehörten. Sein wichtigster Förderer wurde Pavese. Dieser erkannte sein Talent und bezeichnete ihn wegen seines leichten und beweglichen Stils als „Eichhörnchen der Feder“. Pavese sorgte auch dafür, dass sein erster Roman Wo Spinnen ihre Nester bauen 1947 bei Einaudi erschien. Im Vorwort von 1964 betonte Calvino den autobiografischen Bezug dieser neorealistischen Partisanengeschichte: Er selbst sei der kleine Junge Pin gewesen.
In den folgenden zwei Jahren arbeitete Calvino als Kulturredakteur der Parteizeitungen L’Unità und Rinascita. Anfang 1950 kehrte er, erneut von Pavese gefördert, zu Einaudi zurück und trat dort eine Lektorenstelle an. Diese behielt er – ab 1961 als externer literarischer Konsulent – bis zu seinem Tod. Im August 1950 nahm sich Pavese das Leben. Mit ihm verlor Calvino seinen wichtigsten Freund und ersten Leser. 1951 reiste er als Parteimitglied mehrere Monate in die Sowjetunion und berichtete darüber in einem Reisetagebuch. Es brachte ihm seinen ersten Literaturpreis ein. 1952 erschien der Roman Der geteilte Visconte, mit dem er sich der allegorisch-phantastischen Literatur zuwandte. Zugleich arbeitete er mehrere Jahre an einer Sammlung italienischer Volksmärchen, die er aus verschiedenen Dialekten in ein allgemeinverständliches Italienisch übertrug. Die 1956 veröffentlichten Italienischen Märchen sind in Italien bis heute ein Hausbuch.
In diesen Jahren geriet Calvino zunehmend in Konflikt mit der Linie der Partei. Nach der Niederschlagung des Posener Aufstands und des ungarischen Aufstands von 1956 war seine Enttäuschung so groß, dass er im August 1957 aus der Partei austrat. Seine Austrittserklärung wurde in L’Unità veröffentlicht. 1957 erschien Der Baron auf den Bäumen, mit dem er international bekannt wurde. 1959 folgte der Roman Der Ritter, den es nicht gab. Zusammen mit dem Geteilten Visconte bilden sie eine Trilogie, die unter dem Titel Unsere Vorfahren bekannt wurde. Im November 1959 reiste Calvino mit einem Stipendium der Ford Foundation für knapp sechs Monate in die USA. Dort fühlte er sich – vor allem in New York – sehr wohl.
1962 lernte er in Paris die argentinische Dolmetscherin Esther Judith Singer kennen, genannt Chichita. Zwei Jahre später heirateten sie auf Kuba, wo Calvino seinen Geburtsort besuchte. 1965 wurde in Rom Tochter Giovanna geboren. Der Tod seines Freundes und Förderers Elio Vittorini 1966 stürzte ihn in eine, wie er es nannte, „intellektuelle Depression“. Die Jahre 1967 bis 1980 verbrachte er in Paris. Dort begegnete er Roland Barthes und Claude Lévi-Strauss und interessierte sich besonders für die Gruppe Oulipo. Deren Gründer Raymond Queneau und deren Mitglied Georges Perec beeinflussten laut dem Material sein weiteres Schaffen stark. In dieser Zeit entstanden die kombinatorischen Bücher Das Schloss, darin sich Schicksale kreuzen (1969) und Die unsichtbaren Städte (1972). Die englische Übersetzung der Unsichtbaren Städte wurde 1974 rasch zu einem Kultbuch in amerikanischen Universitäts- und Literatenkreisen. 1975 wurde Calvino auswärtiges Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters. 1976 erhielt er den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. 1979 erschien sein komplexester Roman, oft Meta-Roman genannt: Wenn ein Reisender in einer Winternacht. Er hatte auch außerhalb Italiens großen Erfolg.
1980 kehrte Calvino nach Rom zurück. Sein letztes zu Lebzeiten veröffentlichtes Buch Herr Palomar (1983) versammelt 27 kurze Texte über das Alltagsleben eines Mannes, der viele Züge mit dem Autor teilt. Im Herbst 1984 wurde er eingeladen, im Wintersemester 1985/86 die renommierten Charles Eliot Norton Poetry Lectures an der Harvard-Universität zu halten. Das letzte Dreivierteljahr seines Lebens verbrachte er mit diesen Poetik-Vorlesungen. Fünf der geplanten sechs wurden fertig, als er am 6. September 1985 einen Schlaganfall erlitt und ins Koma fiel. Er starb am frühen Morgen des 19. September im Krankenhaus von Siena. Die italienische Öffentlichkeit verfolgte sein Sterben mit außergewöhnlicher Aufmerksamkeit. Als die Harvard-Vorlesungen 1988 unter dem Titel Lezioni americane erschienen, wurden sie in Italien zu einem Bestseller. Calvinos Grab liegt auf dem Friedhof von Castiglione della Pescaia an der Maremma-Küste.
Literarische Merkmale↑
Charakteristisch für Calvinos Schreiben ist eine bemerkenswerte Beweglichkeit. Sie führte ihn über sein Leben hinweg von einer Schreibweise zur nächsten. Sein Förderer Cesare Pavese würdigte den leichten und beweglichen Stil des jungen Autors und nannte ihn ein „Eichhörnchen der Feder“. Zunächst verarbeitete Calvino seine Kriegserfahrungen neorealistisch, etwa in der Partisanengeschichte Wo Spinnen ihre Nester bauen, in die er sich selbst als Figur einschrieb.
Bald wandte er sich der allegorisch-phantastischen Literatur zu, wie sie die Trilogie Unsere Vorfahren prägt. In seinen Pariser Jahren entstanden dann „kombinatorische“ Bücher, in denen er das Erzählen selbst zum Spiel machte. Das Schloss, darin sich Schicksale kreuzen entwickelt Geschichten aus dem narrativen Potential von Tarotkarten. Die unsichtbaren Städte setzt sich aus 55 Miniaturen nach Art von Prosagedichten in einer Rahmenerzählung zusammen – ein Werk, das sich einer eindeutigen Gattungseinordnung entzieht. Sein Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht gilt als sein komplexester. Kritiker bezeichneten ihn als Meta-Roman, als ein Spiel mit nahezu allen literarischen Gattungen des 20. Jahrhunderts. Auch sein Interesse an der Gruppe Oulipo um Raymond Queneau und Georges Perec zeigt diese Neigung zur formalen Konstruktion. Daneben steht das schlichte, allgemeinverständliche Italienisch, in das er für die Italienischen Märchen die verschiedenen Dialekte übertrug.
Rezeption↑
Schon mit dem Roman Der Baron auf den Bäumen von 1957 wurde Calvino international bekannt. Sein Ansehen wuchs in den folgenden Jahrzehnten weiter. Die englische Übersetzung der Unsichtbaren Städte avancierte 1974 rasch zu einem Kultbuch in amerikanischen Universitäts- und Literatenkreisen und ist es laut dem Material bis heute geblieben. Sein Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht wurde auch außerhalb Italiens zu einem großen Erfolg.
Anerkennung fand Calvino auch institutionell. 1975 wurde er auswärtiges Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters. 1976 erhielt er den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. 1984 lud ihn die Harvard-Universität ein, die renommierten Charles Eliot Norton Poetry Lectures zu halten. Wie stark seine Bücher zum Bezugspunkt wurden, zeigt die akademische Debatte unter „Calvinisten“ über die Frage, ob die Figur des Herrn Palomar ein Alter Ego des Autors sei.
Welchen Rang Calvino in Italien einnahm, wurde bei seinem Tod sichtbar. Die Öffentlichkeit verfolgte sein Sterben mit außergewöhnlicher Aufmerksamkeit, täglich erschienen ärztliche Bulletins. Am Tag nach seinem Tod widmeten die meisten Blätter ihm mehrere Seiten an Würdigungen; die Zeitung La Repubblica füllte acht Seiten allein mit dem Thema. Als seine Harvard-Vorlesungen 1988 unter dem Titel Lezioni americane erschienen, wurden sie in Italien zu einem Bestseller, der sogar an Bahnhöfen und Tankstellen erhältlich war. Viele seiner Bücher sind in Italien heute Volksgut und Schullektüre.
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