1835
Die ungöttliche Komödie
Überblick↑
Das romantische Drama Die ungöttliche Komödie (polnisch Nie-Boska komedia) des Dichters Zygmunt Krasiński entstand 1833 und erschien 1835 in Paris. Ursprünglich sollte das Werk Der Mann heißen und Teil einer Trilogie werden; von diesem Titel blieb am Ende nur die Bezeichnung der Hauptfigur übrig. Im Mittelpunkt steht der Mann, ein Graf namens Heinrich. Die ersten beiden Teile schildern sein persönliches und häusliches Leben, die letzten beiden seine Rolle in gesellschaftlichen und geschichtlichen Umwälzungen. Das häusliche Drama handelt davon, wie eine falsche, geschönte Dichtung ein Familienleben zerstört. Der Titel spielt auf Dantes Göttliche Komödie an, verlegt das Geschehen aber bewusst nicht ins Jenseits, sondern auf die Erde – in eine irdische Hölle. In den Jahrzehnten nach dem Erstdruck wurde das Werk immer wieder neu aufgelegt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Der Aufbau des Stücks zerfällt in zwei Hälften. Die erste führt in das Privatleben des Grafen Heinrich, eines Mannes mit dichterischer Ader. Er heiratet eine sanfte, fromme Frau, und dem Paar wird ein Sohn geboren, der auf den Namen Orcio getauft wird. Doch ein böser Geist erscheint dem Mann in Gestalt einer verstorbenen Geliebten – als Trugbild vollkommener Schönheit und Poesie. Von dieser Erscheinung verlockt, wendet er sich vom schlichten Glück an der Seite seiner Frau ab und jagt einem übersteigerten Ideal nach. Was diese selbstsüchtige Schwärmerei für seine Familie bedeutet, entfaltet der erste Teil.
Die zweite Hälfte springt über Jahre hinweg in die große Politik. Eine alte, adelige Welt sieht sich einer heraufziehenden Revolution gegenüber, deren Anführer Pankracy die bestehende Ordnung stürzen will. Der Mann lernt das Lager der Aufständischen kennen und muss sich entscheiden, auf welcher Seite er steht. So verbindet das Drama die private Tragödie eines Dichters mit dem Zusammenprall zweier geschichtlicher Mächte – Adel und Demokratie.
Die Handlung im Detail↑
Zu Beginn segnet ein Schutzengel den, der ein Herz hat, und ruft ihm eine gute, bescheidene Frau herbei. Böse Geister dagegen senden Trugbilder – den Schatten einer eben gestorbenen Geliebten und ein morsches Bild des Paradieses. Ein Priester traut das junge Paar. Der Bräutigam verflucht sich für den Fall, dass er seinen Schwur je brechen sollte, und bewundert die Schönheit seiner Frau im Tanz.
Doch schon bald erscheint dem Mann ein böser Geist in Gestalt einer jung verstorbenen Frau. Als einstige Geliebte tritt dieses Trugbild an sein Bett und wirft ihm Verrat vor. Der Mann eilt der Erscheinung in den Garten nach. Er fühlt sich wie aus einem dumpfen Alltag erwacht und schwört, dem Trugbild auf jeden Ruf zu folgen. Seine Frau, die aufwacht, sorgt sich nur, er könne sich erkälten.
Die Frau hat unterdessen die Taufe des kleinen Sohnes Orcio vorbereitet. Sie klagt, ihr Mann habe seit einem Monat kein Wort mit ihr gesprochen. Gelangweilt gibt er zu, dass er sie eigentlich lieben müsste; sie beschwört ihn, wenigstens den Sohn zu lieben. Erneut erscheint die verführerische Gestalt. Die Frau erschrickt zu Tode beim Anblick eines in Lumpen gehüllten Leichnams und riecht Schwefel und Grabesluft. Der Mann aber sieht nur das schöne Trugbild und verlässt seine Frau. Die Gäste beklagen, die Taufe gleiche einem Begräbnis. Als der Priester das Kind tauft, unterbricht ihn die Mutter, segnet ihren Sohn und trägt ihm auf, ein Dichter zu werden, damit der Vater ihn nicht verstoße.
Die Erscheinung führt den verzückten Mann an den Rand eines Abgrunds und ruft ihn, zu ihr über die Tiefe hinwegzuschreiten. Jetzt erst sieht er klar: Die Blumen auf ihrem Haupt verwandeln sich in Eidechsen und Nattern, das Gewand in Lumpen. Die Teufel schicken sie zurück in die Hölle. Der Mann ruft zu Gott, er habe dessen Schönheit über die irdische gestellt. Als die Teufel ihn in den Abgrund stoßen wollen, hält der Schutzengel sie zurück – weil in eben diesem Augenblick der kleine Orcio getauft wird.
Nach Hause zurückgekehrt, erfährt der Mann, dass seine Frau in ein Irrenhaus gebracht wurde. Im Spital ist ihr Zustand bereits kritisch. Die Stimmen der Wahnsinnigen ringsum rufen sich zu Göttern und Königen aus, fordern, den Königen die Köpfe abzuschlagen, und künden den Tag des Jüngsten Gerichts an. Die geschwächte Frau gesteht ihrem Mann, sie sei seiner nun würdig geworden, denn Gott habe den Geist der Poesie über sie gesandt: Sie spreche in Versen und habe bewirkt, dass auch ihr Sohn ein Dichter werde. Dann verabschiedet sie sich und stirbt. Der Mann ruft die Sterbende bei ihrem Namen: Maria.
Im zweiten Teil betet der inzwischen zehnjährige Orcio am Grab seiner Mutter und dichtet dabei eigene Fortsetzungen des Ave Maria. Er gesteht dem Vater, ihn suche eine Erscheinung der Mutter heim, die verspreche, Eingebungen für ihn zu sammeln, damit der Vater nicht aufhöre, ihn zu lieben. Der Mann fleht Gott an, sein Kind zu verschonen. Bald darauf sagt ein Philosoph dem Mann die Befreiung der Frauen und der Schwarzen voraus, die Wiedergeburt der Menschheit durch Blut und den Fortschritt der Welt durch Katastrophen. Der Mann zeigt ihm einen morschen Baum, der zwar neue Blätter treibt, aber zu nichts mehr taugt. In einer Bergschlucht zieht er die Bilanz seines Lebens: Mühsam habe er nach dem Ende allen Wissens gestrebt und doch nur Leere im Herzen gefunden. Kein Verlangen, kein Glaube, keine Liebe seien in ihm. Er wisse nur, dass sein Sohn erblinden und die Welt auseinanderfallen werde – und er leide einsam mit sich selbst.
Der Fluch der Dichtung, den die Mutter über den Sohn gesprochen hat, erfüllt sich: Orcio verliert das Augenlicht und den Verstand. In den beiden letzten Teilen tritt der Mann in Berührung mit dem Lager der Revolution. Deren Anführer Pankracy lädt ihn zu sich ein, doch der Mann lehnt ab und schließt sich der letzten Festung des Adels an – den Schanzen der Heiligen Dreifaltigkeit. Zum Anführer gewählt, verteidigt er die Festung bis zuletzt. Als sie fällt, stürzt er sich in den Abgrund. Die siegreichen Revolutionäre halten Gericht über die Besiegten. Doch ihrem Anführer erscheint Christus. Pankracy stirbt mit den Worten: „Galilaee, vicisti!“ – „Galiläer, du hast gesiegt!“
Stil↑
Als romantisches Drama gliedert sich das Werk in zwei deutlich verschiedene Hälften: ein häusliches Drama in den ersten beiden Teilen und ein öffentliches, geschichtliches Drama in den letzten beiden. Diese Zweiteilung in eine private und eine gesellschaftliche Sphäre übernahm Krasiński von Friedrich Schiller, dessen Die Räuber ihm als Vorbild diente. Überhaupt gilt Schiller als wichtigste Anregung – für Krasiński verband sich mit ihm ein christlicher Geist und das Streben nach philosophischer Klärung der letzten Fragen. Verwandtschaft besteht auch zu Goethes Faust, wo ebenfalls das Schicksal eines Einzelnen zum Ausgangspunkt einer Handlung wird, die das Los der ganzen Menschheit umfasst. Für Krasińskis Denken über das Tragische war zudem die Dialektik Hegels bedeutsam: der Gedanke, dass das Einzelne im Lauf der Geschichte untergeht, aus diesem Untergang aber das Allgemeine hervorgeht.
Neben diesen großen Vorbildern wirken auch schlichtere Formen ein. In den ersten beiden Teilen sind Züge des bürgerlichen Trauerspiels zu erkennen, im tragischen Schicksal des kleinen Orcio Anklänge an den Schauerroman, dazu der Ton von Volksliedern und Balladen. Die Sprache steigert sich immer wieder ins Visionäre und Poetische – so redet die sterbende Frau in Versen und ergeht sich in düsteren Weltuntergangsbildern.
Neben den handelnden Menschen treten übernatürliche und allegorische Gestalten auf: ein Schutzengel, böse Geister, das verführerische Trugbild einer Toten, ein Philosoph. Schon der Titel ist ein Programm. Er spielt auf Dantes Göttliche Komödie an und setzt ihr bewusst eine „ungöttliche“ entgegen: Nicht im Jenseits spielt das Stück, sondern auf der Erde, die hier zur Hölle wird. Den einzelnen Teilen stellte Krasiński in den ersten Ausgaben Leitsprüche voran – unter anderem aus der Hochzeit des Figaro, aus Faust und aus Miltons Verlorenem Paradies. In der dritten Auflage ließ er sie wieder fort.
Rezeption↑
Der Weg des Werks zu den Lesern verlief mühsam. Der Erstdruck von 1835 wurde von einem Frankfurter Buchhändler zurückgehalten, sodass das Stück zunächst gar nicht in den öffentlichen Verkauf gelangte. In den Kreisen der polnischen Emigration kursierten dennoch einzelne Exemplare, weitere wurden entwendet. Erst 1837 erschien in Paris eine zweite, 1858 eine dritte Auflage. In den Jahrzehnten danach wurde das Drama immer wieder neu gedruckt – ein Zeichen dafür, dass es seinen Platz in der polnischen Literatur behauptete. Krasiński veröffentlichte das Werk zunächst anonym und wollte als Verfasser nicht genannt werden; er spielte sogar mit dem Gedanken, das Manuskript einem erfundenen, früh verstorbenen jungen Polen zuzuschreiben.
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