Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Die törichte Dame
Eingang · Werke · Die törichte Dame
Cover Die törichte Dame
Die törichte Dame
1613
– Werkseintrag –

Die törichte Dame

1613 · Komödie

Eine als einfältig verspottete junge Frau entdeckt durch die Liebe ihren Verstand – und stellt damit ihre gelehrte Schwester in den Schatten.

Überblick

Bei La dama boba handelt es sich um eine Komödie aus dem Goldenen Zeitalter der spanischen Literatur. Lope de Vega schrieb sie in der Reife seines Schaffens; sein eigenhändiges Manuskript trägt das Abschlussdatum 28. April 1613. Das Werk gehört zur Gattung der Verwicklungskomödie und gilt als eines ihrer herausragenden Beispiele. Im Mittelpunkt steht der Gedanke, dass die Liebe den Verstand zu öffnen und einen Menschen zu verwandeln vermag. Der Titel lässt sich mit „Die törichte Dame" wiedergeben und spielt auf die weibliche Hauptfigur Finea an, deren scheinbar schlichtes Wesen sich im Lauf des Stücks grundlegend wandelt.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Spanien des 16. Jahrhunderts leben zwei sehr verschiedene Schwestern unter dem Dach ihres Vaters. Finea gilt als einfältig und ungebildet, während Nise als die kluge, belesene und geistreiche der beiden bekannt ist. Beide Frauen bewegen sich in einer Gesellschaft, die ihnen ihren Platz allein im Schatten von Vater oder Ehemann zuweist.

Um die beiden Schwestern entspinnt sich ein Geflecht aus Werbung, Mitgift und Gefühlen. Ein Vermögen und das Interesse mehrerer Verehrer bringen die Verhältnisse in Bewegung. Im Zentrum steht die Frage, was die Liebe in einem Menschen auszulösen vermag: Fineas verborgene Klugheit beginnt zu erwachen, je mehr sie selbst zu empfinden lernt. Aus den anfänglichen Gegensätzen zwischen den Schwestern entwickelt sich eine Reihe von Verwicklungen, in deren Verlauf jede der beiden ihren eigenen Weg sucht.

Die Handlung im Detail

Das Stück spielt im Spanien des 16. Jahrhunderts und stellt zwei Schwestern als Gegenpole einander gegenüber. Finea, die titelgebende „törichte Dame", erscheint zu Beginn als dumm und unbeholfen; ihre Intelligenz ist nur verborgen vorhanden. Ihre Schwester Nise dagegen ist gebildet, geistreich und der Dichtung zugetan. Beide leiden unter einer Ordnung, in der die Frau gering geachtet wird. Finea stellt sich, so deutet es das Werk an, geradezu dumm, während Nise sich dem Schreiben zuwendet.

Der entscheidende Antrieb der Handlung ist die Liebe. Finea verwandelt sich nach und nach, je stärker ihr die eigene Verliebtheit bewusst wird. Ihre Klugheit, anfangs nur im Keim vorhanden, entfaltet sich durch die Liebe in voller Pracht, bis sie schließlich sogar ihre als klug geltende Schwester übertrifft. Damit verkörpert das Stück den neuplatonischen Gedanken, dass die Liebe den Verstand zu öffnen vermag.

Auch Nise durchläuft eine Entwicklung, jedoch in entgegengesetzter Richtung: Ihr Weg führt vom Verstand zum Gefühl. Sie verfällt nicht in gelehrte Eitelkeit, sondern bleibt kritisch und von gesundem Menschenverstand, etwa wenn sie die Dunkelheit der Dichtung tadelt. Doch sobald sie selbst Liebeskummer erfährt, tritt ihre Neigung zu den Büchern zurück. So nähern sich die beiden anfänglichen Gegensätze einander an, bis sich ihre geistigen und gefühlsmäßigen Seiten ausgleichen.

Am Ende finden beide Schwestern ihren Weg: Finea heiratet Laurencio, der ihre Verwandlung begleitet hat, Nise verbindet sich mit Liseo. Beide Paare kommen in der Schlussszene zusammen, und mit ihnen auch die Diener der beiden Haushalte. Die äußeren Zwänge der Mitgiftgesellschaft bleiben spürbar, doch die Handlung selbst schließt ohne den bitter-nüchternen Unterton, der zuweilen hineingedeutet wird.

Stil

Als Verwicklungskomödie lebt das Werk von einem kunstvoll gesponnenen Geflecht aus Werbung und Eifersucht. Lope de Vega verbindet dieses Bühnenspiel mit einem ernsten Gedanken über Bildung und Liebe und verleiht der heiteren Form so eine gedankliche Tiefe.

Auffällig ist, wie der Verfasser mit den überlieferten Rollentypen umgeht. Auf den ersten Blick wirken seine Gestalten schematisch – die Dame, der Liebhaber, der Diener, der Vater. Tatsächlich aber löst er sie vom bloßen Schema ab und stattet jede mit einer eigenen Persönlichkeit aus. Das ganze Gewicht des Stücks ruht auf Finea, um die sich die gesamte Handlung und das Schicksal der übrigen Figuren dreht; ihre Verwandlung vollzieht sich nicht mit einem Schlag, sondern allmählich.

Modern wirkt das Werk auch in seiner Auffassung der Liebe. Lope versteht sie nicht allein als geistige Erfahrung, sondern bezieht das sinnliche Empfinden mit ein. Die Eifersucht erscheint ihm als untrennbarer Teil der Leidenschaft, was sich in einem Monolog Fineas besonders eindrücklich spiegelt. Auch das Verständnis für die Lage der Frau, die in den Schatten von Vater und Mann gestellt wird, gibt dem Stück einen über seine Zeit hinausweisenden Zug.

Rezeption

Schon kurz nach ihrer Niederschrift gelangte die Komödie auf die Bühne. Die Theatergruppe des Pedro de Valdés führte sie von Ende Oktober 1613 bis Februar 1614 sowie 1615 auf. Das Manuskript befand sich 1617 im Besitz der bekannten Schauspielerin Jerónima de Burgos, die mit der Rolle der Nise verbunden war – ein Hinweis darauf findet sich in der Rollenverteilung der erhaltenen Handschrift.

Das Werk hat bis in die Gegenwart Bestand. Bei heutigen Betrachtern weckt vor allem das Nebenthema Interesse: der Platz der Frau in einer Gesellschaft, die sie ihrem Vater oder Ehemann unterordnet. Gerade hier zeigt sich, wie weit der Autor seiner Zeit voraus war, indem er seine weiblichen Gestalten ihren Verstand einsetzen lässt, um ihre eigenen Ziele zu erreichen.

Auch im 20. und 21. Jahrhundert blieb das Stück lebendig. Es wurde mehrfach für das spanische Fernsehen bearbeitet und 2006 von Manuel Iborra fürs Kino verfilmt. Im Jahr 2017 brachte die Joven Compañía Nacional de Teatro Clásico das Werk in Madrid unter der Regie von Alfredo Sanzol auf die Bühne.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten