1771
Humphry Clinkers Reise
Überblick↑
Das Werk The Expedition of Humphry Clinker, kurz Humphry Clinker, ist ein Briefroman des schottischen Arztes und Schriftstellers Tobias Smollett. Er erschien 1771, nur wenige Monate vor dem Tod des Autors, und blieb dessen letztes Werk. Erzählt wird eine lange Reise durch England und Schottland, die eine kleine Gesellschaft rund um den kränkelnden walisischen Gutsherrn Matthew Bramble unternimmt.
Smollett verbindet den satirischen Schelmenroman mit einem breiten Bild des britischen Lebens um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Er selbst war ein nach England ausgewanderter Schotte und ausgebildeter Arzt. Diese Herkunft ist dem Buch anzumerken: Seine Figuren wettern gegen die Vorurteile gegenüber den Schotten ebenso wie gegen Kurpfuscherei und die unhygienischen Zustände in den damals beliebten Kurbädern. Der Roman gilt als der letzte von Smolletts drei großen Werken – nach Roderick Random und The Adventures of Peregrine Pickle.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Der Roman besteht ausschließlich aus Briefen. Sechs sehr unterschiedliche Menschen schildern dieselbe Reise, jeder aus seiner Sicht und in seinem eigenen Ton. Im Mittelpunkt steht der wohlhabende, aber ewig missgelaunte Gutsherr Matthew Bramble aus Wales. Er reist um seiner Gesundheit willen und nimmt an allem und jedem Anstoß.
Mit ihm unterwegs sind sein junger Neffe Jery, der die glänzende Welt der Bälle und vornehmen Vergnügungen genießt, und dessen schwärmerische Schwester Lydia, die an einer heimlichen Liebe leidet. Dazu kommen Brambles unverheiratete Schwester Tabitha, die verzweifelt einen Ehemann sucht, und ihre einfältige Zofe Winifred. Aus den widersprüchlichen Briefen dieser Reisenden entsteht ein komisches und zugleich kritisches Bild der Zeit.
Die Fahrt führt von Wales über die Modestadt Bath bis nach London und weiter in den Norden. Unterwegs stößt ein armer, gutmütiger junger Mann zur Gesellschaft, der dem Buch seinen Namen gibt: Humphry Clinker. Zwischen Kurbädern, feinen Salons und den Wirrnissen der Reise verspottet Smollett Standesdünkel, Aberglauben und die Auswüchse der großen Stadt.
Die Handlung im Detail↑
Von Wales aus bricht Matthew Bramble mit seiner Familie auf. Die Reise führt zunächst nach Gloucester und dann nach Bristol. Bramble klagt über eine vermeintliche Wassersucht. Seine Nichte Lydia schreibt einen zerknirschten Brief an Mrs Jermyn und bittet um Verzeihung: Sie hat sich in eine unschickliche Liebschaft mit einem Schauspieler namens Wilson verstrickt.
In Bath sucht Tabitha die Nähe eines gewissen Sir Ulic Mackilligut, den sie als möglichen Ehemann ins Auge fasst. Ihr Neffe Jery schwört, den Schauspieler Wilson zu stellen, weil dieser es auf seine Schwester abgesehen hat. Für Aufruhr sorgt zudem Tabithas bissiger Hund Chowder, der jeden anfällt. Bramble selbst ekelt sich vor den schmutzigen Badehäusern der Stadt. Überall wimmelt es von oberflächlichen Modenarren und von Quacksalbern, die wirkungslose Arzneien verkaufen wollen. Man begegnet dem bekannten Schauspieler James Quin, dem sich Tabitha ebenfalls nähert. Bramble hat genug: Bath sei zu nichts anderem als einer Kloake der Verschwendung und Erpressung geworden. Dennoch fällt ihm der Abschied von seinem neuen Freund schwer, dem Landschaftsmaler John Taylor.
Auf dem Weg nach London kippt die Kutsche bei Marlborough um. Der Hund Chowder gerät in Panik und beißt Bramble in den Arm. Ein angeheuerter Postreiter rettet die Insassen; in der Eile rutscht ihm die Hose herunter, sodass Tabitha und Winifred sein entblößtes Hinterteil sehen. Tabitha ist empört über diese Unverschämtheit und verlangt, dass Bramble den Mann bestrafe. Doch als der Gutsherr ihn zu sich ruft, bekommt er Mitleid. Der Mann nennt seinen Namen: Humphry Clinker, eine arme Waise aus Wiltshire, als Kind von einem Schmied aufgezogen. Er besitzt nur ein einziges Hemd.
Um seine Schwester zu ärgern, nimmt Bramble diesen Humphry in seine Dienste und zwingt Tabitha zugleich, sich von ihrem unerträglichen Hund zu trennen. Clinker ist außer sich vor Freude und Dankbarkeit und schwört, seinem neuen Herrn überallhin zu folgen und ihn zu beschützen. Von nun an gehört er fest zur Reisegesellschaft. Bald zeigt sich, dass er ein Alleskönner ist: Er versorgt Pferde, flickt Kessel, kocht und hält Wegelagerer auf Abstand. Zum Missfallen Brambles entpuppt er sich allerdings auch als methodistischer Prediger.
In London stört sich der Gutsherr an allem: Es ist ihm zu voll und zu laut, die Lebensmittel auf den Märkten findet er schmutzig und alt, und er sehnt sich nach seinem walisischen Landgut zurück. Scharf tadelt er, dass London derart wuchere, dass es alle umliegenden Dörfer verschlinge. Menschenmassen, die zu bequem seien, um auf dem Land zu arbeiten, strömten in die Hauptstadt und landeten am Ende in Armut oder Verbrechen. Jerys Bekannter Mr Barton führt Bramble und Jery in den St. James's Palace. Dort begegnen sie zahlreichen Politikern und Mitgliedern des Hofes – unter ihnen Lord Bute, König Georg III. und Königin Charlotte sowie der Staatsmann William Pitt der Ältere. Später ist Bramble bei einem Fest des früheren Premierministers Thomas Pelham-Holles geladen, den der Roman als sehr verwirrt und wunderlich zeichnet.
Bald entdeckt Bramble, dass Tabitha und Winifred die Predigten Humphry Clinkers besuchen, in denen er unter anderem für den Verzicht auf Alkohol wirbt. Als Mann der Wissenschaft ist Bramble verstimmt und beunruhigt, weil seine Angehörigen sich von frömmelndem Unsinn einfangen lassen. Er ermahnt Clinker, der verspricht, die anderen nicht länger zu beeinflussen. Winifred jedoch, die den Anblick seines Hinterteils nicht vergessen hat, verliebt sich in ihn. Mr Barton wirbt um Lydia, doch durch ein Missverständnis glaubt Tabitha, er wolle sie selbst heiraten. Jery besucht einen bekannten Schriftsteller, hinter dem sich kein Geringerer als Smollett selbst verbirgt; dieser empfängt jeden Sonntag eine Runde von Dichtern bei sich, deren Getue Jery gehörig auf die Nerven geht.
Dann wird Clinker zu Unrecht eines Raubüberfalls beschuldigt. Weil sein Glaube es ihm verbietet, einen Eid zu schwören, droht er verurteilt zu werden, und Bramble muss sich für seinen Diener verwenden. Im Gefängnis hält Clinker seinen Mitgefangenen Predigten. Der wahre Täter, ein Mann namens Martin, hilft, Clinker freizubekommen, und wird daraufhin für eine Weile in der Gesellschaft aufgenommen. Er begleitet die Reisenden auf ihrem Weg nach Norden und ist fest entschlossen, dem Räuberleben abzuschwören. In Harrogate schließlich trifft die Gruppe auf einen schottischen Advokaten namens Micklewhimmen, der vorgibt, schwer krank zu sein.
Stil↑
Die Form des Briefromans nutzt Smollett bis zum Äußersten. Das ganze Buch besteht aus Briefen, und diese werden nie beantwortet. Sechs Schreiber mit ganz verschiedenen Wesenszügen und sehr ungleicher Bildung berichten über dasselbe Geschehen. So erscheint jeder Ort und jeder Vorfall in mehreren Spiegelungen zugleich: Wo der griesgrämige Bramble nur Schmutz und Verfall sieht, schwärmt sein junger Neffe Jery vom Glanz der feinen Welt.
Ein großer Teil des Humors entsteht aus der Sprache selbst. Smollett legt einigen Figuren absichtlich Rechtschreibfehler, holprige Grammatik und verdrehte Redewendungen in die Feder. Besonders die Briefe der Tabitha stecken voller komischer Wortverwechslungen, die ungewollt eine anzügliche zweite Bedeutung ergeben. Ganz anders schreibt Bramble: Er verfasst lange, kunstvolle Sätze und schweift darin über Geschichte, Baukunst, Philosophie und Politik ab. Lydias Briefe wiederum sind sprachlich einwandfrei, aber vor lauter Liebeskummer überaus gefühlvoll.
Auffällig ist der Wirklichkeitssinn des Buches. Viele Nebenfiguren tragen Züge tatsächlich lebender Personen, und die Schilderungen der besuchten Städte sind meist so genau, dass sich die gemeinten Häuser und Gasthäuser wiedererkennen lassen. Hinter all dem steht eine klare Absicht: Smollett rechnet mit den Missständen seiner Zeit ab und lässt seine Figuren die Kritik an Politik und Gesellschaft aussprechen.
Rezeption↑
Als letztes Werk Smolletts markiert der Roman den Abschluss seines Schaffens als Erzähler. Er zählt neben Roderick Random und The Adventures of Peregrine Pickle zu seinen drei großen Romanen. Versteckt enthält das Buch Anspielungen auf Figuren aus dem Peregrine Pickle, sodass man auch jenen Roman gelesen haben muss, um sie zu verstehen.
Sein bleibender Reiz liegt im Panorama des britischen Lebens um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Viele nur beiläufig erwähnte Personen hat es wirklich gegeben; sogar Smollett selbst und sein Bruder treten auf. Da man Namen damals gern auf die bloßen Anfangsbuchstaben verkürzte, verlangt die Lektüre heute entweder eine gute Kenntnis der bekannten Zeitgenossen oder einen ausführlichen Anmerkungsapparat.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →