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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Hugh Selwyn Mauberley
Eingang · Werke · Hugh Selwyn Mauberley
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Hugh Selwyn Mauberley
1920
– Werkseintrag –

Hugh Selwyn Mauberley

1920 · Lyrik

In achtzehn kurzen Gedichten rechnet ein Dichter zugleich mit sich selbst und mit einer Zeit ab, die er als kunstfeindlich und vom Weltkrieg verwüstet erlebt.

Überblick

Das Langgedicht Hugh Selwyn Mauberley erschien 1920 und gilt als Wendepunkt im Schaffen Ezra Pounds. Der Kritiker F. R. Leavis und andere sahen darin einen entscheidenden Einschnitt; kurz nach der Vollendung verließ Pound England. Das Werk verbindet Rückblick, Selbstkritik und scharfe Zeitkritik. Pound rechnet mit seinem eigenen bisherigen Schaffen ebenso ab wie mit einer Gesellschaft, die er als kunstfeindlich und vom Materialismus zerfressen empfindet. Der Name der Titelfigur erinnert an die Hauptgestalt aus T. S. Eliots The Love Song of J. Alfred Prufrock.

Inhalt (ohne Spoiler)

Das Gedicht besteht aus achtzehn kurzen Einzelgedichten, die zu zwei Teilen zusammengefasst sind. Der erste Teil trägt stark autobiografische Züge: Ein Dichter blickt auf seinen eigenen Weg zurück und stellt die Frage, ob er als Künstler gescheitert sei. In der dritten Person spricht er über seine früheren Versuche, in einer rauen, kunstfernen Umgebung eine hohe, um ihrer selbst willen betriebene Kunst zu schaffen – und über die Ernüchterung, die darauf folgte. Zugleich weitet sich der Blick zu einer Abrechnung mit der Zeit: mit ihrer Gier nach Waren, ihrem schlechten Geschmack und dem Verrat an der Überlieferung, vor allem aber mit dem eben erst überstandenen Weltkrieg.

Der zweite Teil führt die Titelfigur ein, den Dichter Hugh Selwyn Mauberley. Er ist ein Künstler von geringem Rang, der feine, aber belanglose kleine Kunstwerke bis ins Letzte ausarbeitet. Pound zeichnet an ihm das Bild eines Ästheten, der die Schönheit zwar sieht, im Leben aber merkwürdig passiv bleibt. So entsteht ein doppeltes Selbstporträt: der kämpferische Dichter des ersten Teils und der zurückgezogene Feingeist des zweiten.

Die Handlung im Detail

Der erste Teil ist als Lebensrückblick angelegt. Das Eröffnungsgedicht trägt einen französischen Titel, der sinngemäß „Ode über die Wahl seines Grabmals" bedeutet („E.P. Ode pour l'élection de son sépulchre"). Pound spricht darin von sich selbst in der dritten Person und verfasst gleichsam einen spöttischen Grabspruch auf die eigene Person. Er tadelt seine früheren Bemühungen, in einem halb wilden, kunstfernen Land eine reine, hohe Dichtung zu schaffen. Drei Jahre lang, heißt es, habe er im Missklang mit seiner Zeit versucht, die tote Kunst der Dichtung wiederzubeleben. Der Grabspruch nennt ihn von Anfang an auf dem Irrweg – und nimmt diesen Vorwurf sogleich wieder zurück. Der Rest wird zur Verteidigung des Dichters, der wie die Sagengestalt Kapaneus gegen eine übermächtige Flut von Kunstfeindlichkeit anzukämpfen suchte. Er lauschte, wie es heißt, dem Gesang von Homers Sirenen, stellte sich Gefahren und schlug die Warnungen der Vorsichtigen in den Wind. Das Ergebnis: Er wurde als Außenseiter abgetan und vom literarischen Betrieb vergessen – um 1916, in seinem einunddreißigsten Lebensjahr.

Die folgenden Gedichte kehren den Spieß um. Pound klagt das moderne, kunstblinde Zeitalter an: seinen Materialismus, seine Kauflust, seinen schlechten Geschmack, seinen Verrat an der Tradition. Zwei weitere Gedichte richten sich mit Zorn gegen den Ersten Weltkrieg. Unzählige seien gestorben, darunter manche der Besten – und das für eine verbrauchte, misslungene Zivilisation. Aus der Klage über die eigene Zurücksetzung wird so ein Angriff auf die ganze Nachkriegsgesellschaft, die Pound als geistige und sittliche Ödnis empfindet. Nur zwei Jahre später sollte T. S. Eliot dieselbe „misslungene Zivilisation" in The Waste Land anprangern.

Ein weiterer Abschnitt gibt einen knappen Überblick über die britische Kultur, wie Pound sie bei seiner Ankunft in London 1908 vorfand – von den Präraffaeliten und dem Rhymers' Club bis hin zu kurzen Bildern dreier Schriftsteller (Max Beerbohm, Arnold Bennett und Ford Madox Ford), einer Vorstadtehefrau und einer literarischen Salondame. Dieser Teil schließt mit einem Spott auf den herrschenden Geschmack: Der Verkauf von Kurzwaren, so das Bild, habe längst den Anbau der pierischen Rosen verdrängt – jener Rosen aus der griechischen Landschaft, in der die Musen verehrt wurden. Die Gesellschaft, so der Vorwurf, ist ganz in ihren Waren aufgegangen und hat den Sinn für die Kunst verloren. Der erste Teil endet mit einem Abschiedsgedicht, dem kursiv gesetzten „Envoi". Hier belebt Pound tatsächlich die tote Kunst der Dichtung, von der er zu Beginn gesprochen hatte: In klangvollen Versen wendet er sich an eine Sängerin. Das Gedicht schließt in hoffnungsvollem Ton – mit dem Gedanken, dass alles vergehen werde außer der Schönheit allein.

Der zweite Teil, „Mauberley 1920", stellt die Titelfigur in den Mittelpunkt. Mauberley ist ein Dichter von geringem Rang, der feine, aber belanglose kleine Kunstwerke – „Medaillons" – bis zur Vollkommenheit ausfeilt. Sein Scheitern wird in kurzen, knappen Zeilen erzählt, wie Mauberley selbst sie schreiben würde. Ein Gedicht berichtet von seinen Liebesnöten: Er nahm die Schönheit wahr, konnte aber im entscheidenden Augenblick nicht handeln – verwandt einer Figur aus Henry James' The Beast in the Jungle oder Eliots Prufrock. Ein weiteres Gedicht kritisiert ihn als bloßen Ästheten. Das letzte beschließt seine Geschichte: Er zog sich zurück und starb auf den Inseln des Pazifiks. Auch dieser Teil endet mit einem Abschiedsgedicht, dem „Medaillon" – der Beschreibung einer Sängerin, die eher als Kunstwerk denn als Frau gesehen wird. Die Kritik liest dieses Gedicht gewöhnlich als von Mauberley selbst verfasst, als Muster seiner kühlen, wenn auch makellosen Schreibweise.

In seiner Passivität ist Mauberley von Pound deutlich unterschieden. Doch Pound selbst verfolgte eine Zeitlang ähnliche Ideale künstlerischer Vollendung und fühlte sich zum Leben in schöner, entlegener Natur hingezogen. Mit seinem Umzug nach Italien 1925 verbannte er sich in gewisser Weise selbst, wie Mauberley – und verstrickte sich zugleich immer stärker in die Konflikte seiner Zeit. So zeichnete und kritisierte Pound in Mauberley bestimmte Seiten seiner selbst, ähnlich wie Eliot es in Prufrock getan hatte.

Stil

In der Form ist das Werk kein durchlaufendes Gedicht, sondern ein Kranz aus achtzehn kurzen Stücken, die durch Titel und Nummern gegliedert sind. Diese Anordnung führt Leser leicht in die Irre, weil Pound manchen Gedichten einen Namen, anderen bloß eine Ziffer gibt. Die einzelnen Teile stehen jedoch als eigenständige Gedichte nebeneinander und ergeben erst zusammen den größeren Bogen.

Bezeichnend ist die Technik der Maske: Pound spricht von sich in der dritten Person und schafft mit Mauberley eine Kunstfigur, in der er Teile seiner selbst spiegelt und verurteilt – ein Verfahren, das an Eliots Prufrock erinnert. Die Sprache wechselt die Tonlagen: Der erste Teil ist kämpferisch, dicht und anspielungsreich, der Mauberley-Teil dagegen betont knapp und minimalistisch, ganz im Stil seiner Titelfigur. Das kursiv gesetzte „Envoi" hebt sich als klangvolles Lied bewusst von der übrigen Härte ab.

Auffällig ist die Fülle gelehrter Anspielungen. Pound greift auf die griechische Mythologie zurück – die Sirenen Homers, Kapaneus, die Musenlandschaft Pierien – und flicht Wendungen in verschiedenen Sprachen ein. Über weite Strecken ist das Werk keine leise Ironie, sondern Satire, Erinnerung und offene Schmährede, verwandt dem Ton seines großen Alterswerks, den The Cantos.

Rezeption

Als Wendepunkt in Ezra Pounds Laufbahn wurde das Werk früh eingeschätzt, unter anderem von dem Kritiker F. R. Leavis, der darin eine im Kern autobiografische Dichtung sah. Bezeichnend ist, dass Pound England kurz nach der Vollendung verließ – das Gedicht markiert so auch einen Bruch in seinem Leben. Der Blick auf eine „misslungene Zivilisation" nahm ein Thema vorweg, das T. S. Eliot zwei Jahre später in The Waste Land aufgriff. In der Rückschau erscheint das Werk als Übergang zu Pounds späterem Hauptwerk, den The Cantos, dessen satirischen und angriffslustigen Ton es bereits vorwegnimmt.

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